Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 207 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606509--9227-9606520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 207. als es bisher geschieht. — Mitglieder der jüdischen Gemeinde, welche der Gesellschaft beizutreten wünschen, wollen sich bei Herrn Landschaftsmaler Julius Bvdenftein, Taubenstr. 43, melden. — Am 1. Mai d. I. beginnt ein unentgeltlicher JvrtbildttNgSkursus für seminaristisch gebildeteKantoren. Die Bedingungen für die Teilnahme sind zu erfahren durch den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, Berlin W, Steglitzerstr. 35. — Die Bureauasststenten der jüdischen Gemeinde sind beim Gemeindevorstand um Verbesserung ihrer Gehälter eingekommen, die bedeutend niedriger sind wie die der Bureauassistenten des Magistrats der Stadt Berlin. Frankfurt a. M. Der Verein Montefiore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute, hat in dem verflossenen Geschäftsjahr einen sehr wichtigen Erfolg zu verzeichnen, die Fertigstellung des neuen Vereinslokals in der Langestraße. Das Lokal besteht aus je einem Restaurations-, Schreib- und Lesezimmer und erfreute sich eines anhaltend starken Besuches. Vom 1. Januar 1904 bis zum 31. Dezember 1904 hatten die Räume eine Frequenz von ca. 12 000 Besuchern zu verzeichnen. Der Mitgliederbestand, der zu Beginn des Berichtsjahres 600 betrug, ist im Laufe des Jahres auf 830 angewachsen. Hamburg. Centenarfeier der Talmud - Thora- Realschule in Hamburg.) Die Talmud-Thora-Realschule konnte mit dem 31. März auf ein hundertjähriges Bestehen zurückblicken. Der seltene Tag wurde durch eine Feier begangen. Aus diesem Anlaß hat der Direktor eine Festschrift herausgegeben, die in ausführlicher Weise die Geschichte der Schule von ihren Anfängen bis zum heutigen Tage behandelt. Wir entnehmen der interessanten Schrift folgendes: Am 31. März 1805 wurde die Schule in der Elbstraße 122 eröffnet. Sie hieß offiziell Israelitische Armenschule der Talmud Thora. Das Schulhaus war ein Geschenk dreier hochherziger Gemeindemitglieder. Die Zahl der aufgenommenen Schüler betrug 60; diese wurden nicht sowohl nach dem Alter, als vielmehr nach den Kenntnissen geordnet, und zwar in vier Klassen. Den Unterricht leiteten vier Religionslehrer und ein Lehrer für Schreiben und Rechnen. Die Schule war bis zum Jahre 1822 also hauptsächlich eine Religionsschule. Am 30. Oktober 1821 wurde der unvergeßliche Isaak Bernays zum geistlichen Beamten der Deutsch-Israelitischen Gemeinde nach Hamburg berufen, und unter seiner Leitung wurde eine Reform der Schule, eine Verbesserung des Unterrichts, in Angriff genommen. Bernays sprach sich mit voller Offenheit dafür aus, daß die Talmud-Thora eine Volksschule sein solle. Ihre Aufgabe bestehe in der Erziehung der Knaben zu Bürgern und Juden. Außer dem bisher bereits gelehrten Rechnen und Schreiben sollte die deutsche Muttersprache getrieben werden. Ferner wurden Realien in den Plan eingefügt: Naturkunde, Erdkunde und Geschichte. Die umfassende Vermehrung des profanen" Lernstoffs konnte natürlich, zumal bei den damaligen Methoden, nicht ohne Einschränkung des Religiösen ins Werk gesetzt werden. Bernays erklärte sich mit der Einschränkung des talmudischen Unterrichts einverstanden. Unter seiner Leitung — er stand der Schule bis zu seinem Tode, 1. Mai 1849, vor — entwickelte sich die Reorganisation der Schule immer mehr, und der plötzliche Tod Isaak Bernays war nicht nur für die Hamburger Gemeinde, sondern auch namentlich für die Talmud-Thora-Schule ein harter Verlust. Die Zahl der Schüler betrug 1822 185, in den folgenden Jahren verringerte sich die Zahl bedeutend; erst im Jahre 1848 wurden 207 Knaben gezählt. Am 1. Mai 1848 trat der jetzt noch amtierende Oberlehrer Herr Dr. S. P. Nathan in das Lehrerkollegium der Schule ein; seine Bestallung hatte der damalige Schulpräses Dr. Gabriel Rießer unterzeichnet. Im August 1851 wurde Oberrabbiner A. Stern zum Nachfolger Bernays nach Hamburg berufen, er übernahm als Ephorus die Leitung der Schule, unter seiner segensvollen Tätigkeit in Gemeinschaft mit dem unvergeßlichen Vorsteher H. I. Mathias entwickelte sich die Talmud-Thora zu einer Bürgerschule, um 1869 zu einer Realschule umgewandelt zu werden. Im November 1857 siedelte die Schule in ihr neues jetziges Schulhaus auf den Kohlhöfen über. Zu den erheblichen Baukosten ist das hochherzige Legat des Bürgermeisters Benecke an die Deutschisraelitische Gemeinde im Betrage von 11 000 Bco.-Mk. mit verwandt worden. Die Zahl der Schüler stieg nun beständig und betrug im Jahre 1867 bereits 350, 1869 400. Das Schulhaus erwies sich als zu klein; dank der Initiative des Herrn Oberrabbiners A. Stern spendete der verstorbene Kaufmann Sally Lewison zum Andenken an seine verstorbene Tochter eine beträchtliche Summe, und es wurde ein zweites Schulhaus zur Benutzung für die Vorschule erbaut, daß im November 1872 bezogen wurde. Im Jahre 1869 erhielt die Schule die Berechtigung zur Ablegung der Prüfung für den einjährigen Heeresdienst, am 1. April 1871 fand die erste Abgangsprüfung statt. Am 11. März 1888 verschied im Alter von 68 Jahren Oberrabbiner A. Stern, der sich um die Entwickelung und Förderung der Schule unvergängliche Verdienste erworben; die Talmud-Thora-Schule stand wieder verwaist, aber mit seltener Energie übernahm Herr Dr. S. P. Nathan die interimistische Leitung der Schule, bis im April 1889 der jetzige Direktor der Schule, Herr Dr. I. Goldschmidt, in sein Amt eingeführt wurde. Manche bedeutsame Neuerungen verdanken ihre Einführung den ersten Jahren der Amtstätigkeit des neuen Direktors. Die Zahl der Schüler nahm beständig zu und beträgt heute bereits 550. Aus der Talmud-Thora-Armenschule hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine Realschule entwickelt, die unter den höheren Schulen im Deutschen Reiche schon darum einen beachtenswerten Rang einnimmt, weil sie die größte jüdische konfessionelle Schule ist. Die angesehensten Gemeindemitglieder rechnen es sich heute zur Ehre, ihre Kinder den Unterricht in der Talmud-Thora-Realschule genießen zu lassen. Königsberg. (Verein für jüdische Geschichte und Literatur.) Am 22. v. Mts. referierte Rabbiner Dr. Perles über das „Jüdische in Cohens Ethik". Im Eingang seiner Ausführungen zog der Vortragende eine Parallele zwischen dem vor 700 Jahren verstorbenen Aristoteliker Maimonides und dem heutigen Kantianer Hermann Cohen. Dem zeitlichen Abstand entsprechen die umwälzenden Fortschritte, die sich im menschlichen Denken und Erkennen seitdem vollzogen haben. Trotzdem auch die Tendenz eine grundverschiedene ist, auch Maimonides zunächst nur für Juden schreibt und bei aller Wissenschaftlichkeit doch apologetische Zwecke verfolgt, während Cohen ohne Voraussetzung oder vorgefaßte Meinung sein ethisches System aufbaut, läßt sich doch in gewissem Sinne eine Parallele zwischen dem „Führer der Irrenden" und der „Ethik des reinen Willens" ziehen. Hier wie dort haben wir einen Denker vor uns, der auf der Höhe der Wissenschaft und Bildung seiner Zeit steht, der alle Kulturwerte kennt, und anerkennt, und dabei die religiöse Erkenntnis des Judentums und speziell des prophetischen Judentums in ihrer Berechtigung und weltgeschichtlichen Bedeutung zeigt. Wenn man daher vom „Jüdischen in Cohens Ethik" spreche, könne damit unmöglich gemeint sein, daß ganze System unter den Schraubstock zu spannen und gewaltsam mit dem Judentum zu harmonisieren, sondern lediglich die Partien und Stellen herauszugreifen, die sich darin auf das Judentum beziehen oder für das Judentum aus irgend einem Grunde Interesse haben. Alle diese Stellen hervorzuheben sei aber deswegen umso wichtiger, weil die meisten