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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · p. Seite 208

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 208 (sequence 12)
Language
German
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Seite 208 Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. großen deutschen Philosophen jeder geschichtlichen Kenntnis des Judentums entbehren, und man aus ihren Werken den Anschein gewinnt, als ob es vor der christlichen Ethik nur bei griechischen Philosophen sittliche Gedanken und Begriffe gegeben hätte. Das Referat schloß mit der Anführung einer Stelle, in der Cohen hervorhebt, daß Judenhaß den heutigen Juden gerade deswegen so tief und innerlich verletze, weil er auf Grund geschichtlichen Verständnisses den Anteil würdige, welchen der Gedanke des Prophetismus an der Erziehung des Menschengeschlechts hat und in alle Ewigkeit haben wird. Nur der Staat könne für die sittliche gegenseitige Würdigung des Christentums und Judentums die Kenntnis, Einsicht, Unparteilichkeit und Sympathie heranbilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muß. Hoyensalza. Der Lehrer F. Simon aus Labischin ist zum Religionslehrer für die hiesige Gemeindereligionsschule gewählt worden. Herr Simon übernimmt sein neues Amt bereits am 11. April. Schönste. Der hiesigen jüdischen Gemeinde ist vom Kultusministerium der Bescheid zugegangen, daß ihrem Gesuche um Einrichtung des jüdischen Religionsunterrichts für die israelitischen Schüler der hiesigen Volksschule von Staats wegen nicht entsprochen werden kann. Nach dem Gesetz über die Verhältnisse der Inden bleibt es vielmehr der Religionsgemeinde überlassen, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Kinder des Religionsunterrichts nicht entbehren. Greifswald. Mit dem Beginn des Sommersemesters tritt nunmehr Professor Minkowsky sein Amt als Ordinarius der hiesigen medizinischen Fakultät an. Prof. M., der, entgegen allen übrigen Meldungen, Jude ist, ist seit dem Weggange Professor Behrends, späterer!Reichsgerichtsrats, der einzige jüdische Ordinarius an unserer Universität. Mainz. Hier fand am 30. März eine stark besuchte Propaganda-Versammlung für den Hilfsverein der deutschen Juden statt. Den Vorsitz in dieser Versammlung führte Herr Stadtverordneter Nathan Philipp Reis, das Referat erstattete Herr Siegmund Berget aus Berlin. Sämtliche Anwesende traten dem Hilfsverein als Mitglieder bei und es wurde ein größeres Komitee zur Vorbereitung der weiteren Organisation gewählt. An dessen Spitze steht Herr Martin Mayer-Ganz. Bernburg. Der Chef der Firma Levi Calm & Söhne, Kommerzienrat Emil Calm, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Er war, nach dem „Anh. Kurier", seit 46 Jahren Inhaber dieser seit 1788 bestehenden Firma. Der Verstorbene genoß allgemeine Achtung. Er war auch Mitbegründer unserer Straßenbahn und Aufsichtsrat der Grube „Leopold" bei Edderitz. Ostrowo. Heute hielt der königl. Kreisschulinspektor Dr. Kempff aus Labitchin vor den Mitgliedern des israelitischen Literatur- und Geschichtsvereins Hierselbst einen fesselnden Vortrag über das Thema: „Eindrücke von Palästina unter Berücksichtigung der jüdischen Geschichte". Petersburg. Zn den jüdischen Osterseiertagen hat das Kriegsministerium auf Veranlassung der Petersburger Kultusgemeinde dieser einen aus 24 Waggons bestehenden Extrazug zur Verfügung gestellt, um die bei der mandschurischen Armee im Felde stehenden jüdischen Soldaten, Offiziere und Aerzte mit Mazzoth und anderem Osterbedarf zu versorgen. Feuilleton. Die Trau Oes " . Historische Erzählung (nach Julio Venturo). Von Mathilde Schmidt. Im Frühling des Jahres 1506 saßen in einer der vielen Schenken am Hafen von Lissabon vier Männer um einen alten Tannentisch, auf dem eine große irdene Pfanne mit geschmorten Fischen dampfte. Von Zeit zu Zeit leerten sie einige Kannen Wein dazu, indem sie jeden Bissen, den sie mit dem größten Appetit von der Welt verschlangen, mit einem Schluck hinunterspülten. An ihren abgetragenen und vielfach zerrissenen Kleidern würde ein jeder, selbst wenn er nicht auf ihre gewöhnlichen Manieren geachtet hätte, haben sehen können, daß sie der niedrigsten Klasse der menschlichen Gesellschaft angehörten. Nur einer von ihnen war besser, dem ein Wams hervorsah; sein Kopf war mit einem Barett aus Samt bedeckt, seine Beinkleider waren aus gelbem Tuch, geschlitzt und mit roter Seide gefüttert, und seine Füße waren mit schwarzen Halbstiefeln bekleidet; aber alle diese Kleidungsstücke hingen unordentlich auf einem magern Körper, und sein von Natur hübsches Gesicht sah müde und verlebt aus. Die schwarzen Augen hatten einen stechenden Blick, und um den Mund lag ein grausamer Zug. In der Tat, das Blut Diego da Silvas — war nicht schlechter als das vieler Edlen im Lande; jedoch schon in frühester Jugend war er als Waise zurückgeblieben, und da er stets auf sich selbst angewiesen war, so verfiel er, von seinem Reichtum verleitet, einem ausschweifenden Leben. Er hatte sich viele Jahre des Studiums halber in Coimbra Lissabon aufgehalten; aber die wüsten Gelage, die er bald mit seinen Studiengenossen, bald mit Männern und Weibern aus der Hefe des Volkes, gegen die er den Gönner und Großmütigen spielte, abgehalten hatte, füllten den größten Teil seiner Zeit aus und leerten seinen Beutel. Denn die Wucherer, die ihm bereitwillig die Gelder zu seinem wüsten Leben gegen hohe Zinsen vorstreckten, nahmen seine Häuser und Felder eines nach dem andern in Beschlag. Endlich hatte er doch die notwendigen Examina bestanden und hoffte durch die Fürsprache einflußreicher Verwandter irgend ein Amt zu erlangen. Ein Weile schon hatte tiefes Schweigen in der Wirtsstube geherrscht, da die vier Männer völlig damit beschäftigt waren, das magere Gericht zu verschlingen, als Silva die Stille plötzlich unterbrach. „Schmeckt euch das Gericht, meine Freunde?" „Es ist ausgezeichnet, Senor Silva, von dem Tropfen garnicht zu reden," antworteten sie einstimmig. Und um die Wahrheit ihrer Aussage zu bestätigen, hoben sie die Kannen wieder an den Mund und leckten sich darauf die Lippen ab, wie jemand, der göttlichen Nektar schlürft. „Senora Antonia, bringt uns noch eine Kanne Wein," rief Silva. Die Wirtin war ein altes Weib, das reichlich ihre sechszig Winter auf dem Rücken hatte und in der Stadt unter dem Namen „die Hexe" bekannt war, weil man ihr nachrühmte, die Roseund andereKrankheitenzu„besprechen". Sie erhobsichjetzt mit einem Ruck von ihrem Stuhl, auf dem sie, den Rosenkranz in der Hand, jedes Ave Maria mit reichlichem Kopfnicken hegleitet hatte. „Ich komme schon, ich komme schon, meine Herren," rief sie, indem sie die Augen aufriß und zweimal herzhaft gähnte. Während die Alte den Wein abmaß, wandte sich einer aus der Gesellschaft, der ein richtiges Verbrechergesicht hatte und mager und düster aussah, an Diego da Silva. „Große Neuigkert, Senor Silva." „Welche denn, Mensch?" fragte der Angerehete. „Mein Vetter Joaquim hat mir erzählt, daß einer von seinen Kleinen, ich glaube der Manuel, gesehen hat, wie die verfluchten Marranos einen gekreuzigten Christus gegeißelt haben." „Eine große Neuigkeit in der Tat, Se Frade," höhnte Silva. „Das tun sie alle Tage, und es wird sogar von Tag zu Tag schlimmer." D-5D

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