Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- Seite 202 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606509--9222-9606515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 202. Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. wir immer wieder betonen, sich in nichts von der in unseren alten Einzelvereinen unterscheidet, so übel deuten will? Der jüdische Lehrer hat noch immer und überall bewiesen, daß er im bewußten, überzeugungstreuen Eintreten für sein Judentum so zuverlässig ist, wie jeder andere Stand in Israel und darf füglich einebesondere und zumal so ängstliche geistlicheAufsicht dabei entbehren. Zum dritten endlich: Wenn es Herr Dr. Cahn in seinem Buch dem Verband als Vergehen anrechnen will, daß er die jüdische Lehrerschaft zu einem erhöhten Bewußtsein seiner großen allgemeinen Aufgabe in Israel führen will, die von ihr auch ein vermehrtes religiöses Wissen und eine vertiefte religiöse Bildung verlangt, haben wir solches Streben nicht schon in unfern alten Landesvereinen gekannt? Darf ein jüdischer Lehrerverein überhaupt an solcher Aufgabe vorübergehen, ohne sich der Pflichtvergeffenheit gegen den Stand der jüdischen Lehrer, wie gegen die Interessen der jüdischen Glaubensgemeinschaft schuldig zu machen? Das ist unser schönster Teil, daß wir ewig strebende Menschen bleiben und unsere Pflicht überall dort sehen wollen, wo das Leben uns Aufgaben für die Gesamtheit zuteilt. Das halten wir so, wo die Verhältnisse es von dem jüdischen Lehrer fordern, daß er neben seinem Lehramt auch die Schechita auszuüben Hai, trotzdem wir solche Tätigkeit allgemein für das Ansehen des jüdischen Lehrerstandes nicht förderlich erachten und wohl wissen, daß alle Gründe, die Herr Dr. Cahn dafür aufführt, daß der jüdische Lehrer sich gegen die Ausübung der Schechita nicht sträuben dürfe (D'DW rottta und „Nimbus einer priesterlichen Handlung") gerade den Rabbiner dazu bringen müßten, diese Tätigkeit praktisch auszuüben. So fühlen wir jüdischen Lehrer aber auch eine besondere Verpflichtung den Verhältnissen gegenüber, wo wir wegen Mangel eines Rabbiners am Orte die religiöse Leitung der Gemeinde selbst in die Hand nehmen müssen. Das ist in ca. 2000 Gemeinden Deutschlands eine Notwendigkeit und damit ist noch keineswegs gemeint, daß sich die Lehrer nun Rabbinatsrechte und Rabbinatspflichten aneignen und schwierige religionsgesetzliche Entscheidungen selbständig treffen wollen. Die Gewissenhaftigkeit, die Herr Dr. Cahn dem Lehrer allgemein bei der Anpreisung der Schechita zuerkennt, sie wird ihn vor solch straffälligen Uebergriffen von selbst zurückhalten. Einzelübertretungen in dieser Hinsicht aber wollen bei den Lehrern ebensowenig etwas sagen, wie bei den Rabbinern. Daß es auch leichtere, fortwährend auftauchende religionsgesetzliche Fragen (Schalaus) gibt, die der jüdische Lehrer bei geeigneter Vorbezw. Fortbildung wohl entscheiden kann, gibt Herr Dr. Cahn selbst zu, — aber er streitet mit uns nun nicht sowohl bezügl. des rechten Weges und des ausreichenden Maßes religiösen Fachwissens zur geeigneten Ausübung solcher Amtshandlungen, als vielmehr darüber, daß wir uns überhaupt anmaßen, den rabbinerlosen Gemeinden in bescheidener Form geistige und religiöse Führer und Berater sein zu wollen. Damit bezeigt er nur, daß es ihm dabei nicht so um die Befriedigung eines großen religiösen Bedürfnisses unserer Gemeinden, als um die Wahrung von rabbinischen Standesrechten zu tun ist. Daß die Einrichtung von Rabbinatsbezirken dj^sem Notstände in keiner Weise abhelfen könnte, müßte denen klar sein, die die Verhältnisse aus der Praxis kennen. Und Männer mit dem fanatischen Geist eines Dr. Cahn sind gewiß nicht geeignet, uns Lehrern diese Institutionen begehrenswerter oder auch nur unbedenklicher erscheinen zu lassen. Der jüdische Lehrerstand ist reif genug und religiös wie sittlich zu hochstehend, um sich noch von andern seine Stellung zu den allgemeinen Interessen des Judentums anweisen zu lassen, und der Verband der jüdischen Lehrervereine tut nur seine selbstverständliche Pflicht, wenn er die Lehrerschaft in dem Streben nach einer gesteigerten Anteilnahme an dieser Arbeit für die Gesamtheit, wie nach einer besseren wissenschaftlichen Befähigung dafür, anzueifern und zu unterstützen sucht. Gewiß, das von der Leitung des Verbandes herausgegebene Verzeichnis empfehlenswerter Schriften zur Fortbildung für den jüdischen Lehrer in den Religionswissenschaften ist ein Fehlgriff gröbster Art, aber auch nur ein Fehlgriff, ein Versehen, — keineswegs ein Verbrechen. Herr Dr. Cahn selber hat nicht den Mut, dem Verbandsvorstand dabei eine böse Absicht zuzuschreiben. Und die Lehrerschaft ist es selbst gewesen, die jeden Schaden daraus verhütete, indem sie das Fortbildungsprogramm zu Fall gebracht hat. Haben wir etwa erst auf Herrn Dr. Cahn und Genossen gewartet, bis wir entschiedene Stellung dagegen genommen haben? Unser ostpreußischer Lehreroerein war der erste, der öffentlich dagegen Protest erhoben, und bei uns waren es nicht die orthodoxen Mitglieder allein, sondern im gleichen Maße freisinnige Männer, die sich heftig dagegen ereifert haben. Die Denkschriftangelegenheit hat zwar gezeigt, daß die Mk Verhältnisse in der Leitung unseres Verbandes noch nicht ganz^^ so sicher gefestigt sind, wie bei unfern Einzelvereinen, — dafür ist der Verband noch jung und die Verhältnisse hier um vieles schwieriger als dort, — aber sie hat doch auch bewiesen, daß die Lehrerschaft als solche in ihrem Wollen, wie in ihrem Handeln, in ihrer religiösen Gesinnung, wie in ihrer unparteiischen Haltung sich vollständig die alte Zuverlässigkeit bewahrte. Das ist unser Stolz bei der Sache und die beste Widerlegung aller Anklagen des Herrn Dr. Cahn gegen den Geist unserer Vereinigung. Auch den Kollegen, die sich in persönlich erregter Stimmung so überschnell von uns Verbandsbrüdern getrennt, sollte die Schrift des Herrn Dr. Cahn zu denken geben. Die Art, wie einer der Ihrigen, ein „durch seine Begabung und seine Berufstreue nicht minder, als durch seine aufrichtige Begeisterung für auf das vorteilhafteste bekannter Mann" dort öffentlich abgefertigt wird, kann auch ihnen nicht gleichgiltig sein. Und zuletzt erkennt Herr Dr. Cahn nicht einmal ihre Gründe des Austritts aus dem Verbände als entscheidend an. Wir hoffen, daß eine ruhige Stunde sie alle wieder zu^ uns zurückführen wird und sie dann durch keine mißverständlicheM Aeußerung mehr wankend gemacht werden können in der Treue zu unserm Verbände. Delitzsch Vater und Delitzsch Sohn. Von Tr. Marcus Epstein, Brünn. Der ebenerschienene 3. Vortrag, den Friedrich Delitzsch als Schlußvortrag bezeichnet, hat wieder die Aufmerksamkeit des deutschen Lesepublikums auf die seit drei Jahren auf der Tagesordnung stehende Frage: „Bibel oder Babel" gelenkt, die nach ihren offiziellen Titel eigentlich: „Babel und Bibel" lautet. Sagt doch Friedrich Delitzsch in seinem 2. Vortrag vom Jahre 1904 Seite 3 wörtlich: Die „Bibel und Babel"-Bewegung hat die ganze für religiöse Dinge sich interessierende Menschheit ergriffen. Ja wohl, weil eben durch die deutsche kaiserliche Patronanz der Delitzschschen Vorträge der Glaube an die Bibel, diese Grundlage der jüdischen und christlichen Religion erschüttert wurde. Es kann sich daher auch der 3. Vortrag seitens