Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · p. Seite 201

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 201 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606509--9221-9606514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 201 Bestandteiles, des national-partikularistischen, oder des nationaluniversalistischen Prinzips und seiner Konsequenzen. Diese geschichtliche Erscheinung soll uns aber zum Beispiel dienen und uns zur Vorsicht und Nachsicht mahnen in der Beurteilung anderer, ihrer Bestrebung und ihrer Ansichten, ihres Lehrens und Wirkens. Dr. Cilhirs Sroschiire: Die Unlniiiiir und das grlctatmif Iiidriltim. Von Adolf Perit;-Königsberg i. Pr. Die vorliegende Schrift gehört zu jenen gefährlichen Büchern, die durch ihren Wortschwall, ihre Dialektik und ihre halben Wahrheiten das gesunde Urteil des Lesers leicht einzunehmen vermögen. Sie ist der Ausfluß einer fanatischen Gesinnung, die keine Verbindung zwischen orthodoxen und liberalen Juden, selbst nicht zur Förderung allgemeiner jüdischer Interessen, zulassen will, weil sie immer für den orthodoxen Mann fürchtet, daß er dabei an seiner Ueberzeugungstreue Schaden erleiden könnte. Sie ist verfaßt zu dem speziellen Zweck, dem orthodoxen Lehrer Glauben zu machen, daß der Verband der jüdischen Lehrervereine eine Gründung des Reformjudentums sei und daß es für ihn keine andere Sicherheit gebe, als sich unter den Schutz derer um Dr. Cahn und Genossen zu begeben. Wer die Kampfesart dieses Mannes, der sich hier als der Vertreter des einzig waren Judentums aufspielt, und selbst für streng orthodoxe Männer — hochangesehene Rabbiner und Lehrer — die väterliche Vorsehung spielen will, näher betrachtet, der muß notwendig eine Beängstigung empfinden, schwache, abhängige Lehrer sich in solcher Gewalt zu denken. Ihm ist es nicht genug, das, was die Leitung des Verbandes wirklich einmal in einem bestimmten Falle — bei der Denkschriftangelegenheit — durch große Unachtsamkeit gegen den traditionell unparteiischen Geist unserer Lehrerverbindung gesündigt, gegen diese und den Verband aufzuführen, sondern alles, was der einzelne Mann im Verbände jemals hier oder dort vom liberalen Standpunkte aus zu dieser oder jener Frage des Lehrerinteresses geäußert, ja was lebende und tote Vertreter des liberalen Judentums ganz unabhängig vom Lehrerverbande einmal als ihre Ueberzeugung (Ausgesprochen, dies und noch viel mehr wird hier zu einer Anklage gegen den Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche zusammengestellt, die nicht bloß den orthodoxen Lehrer, der diese Ausführungen unkritisch aufnehmen wollte, sondern unter gleicher Voraussetzung auch den liberalen Lehrer, der jeder propagandischen Tendenz gegen Andersgläubige grundsätzlich abgeneigt ist, mit Angst und Schrecken erfüllen muß. — Zur Ehre des Lehrerverbandes aber sei es gesagt, daß das von Herrn Dr. Cahn hier entworfene Bild unseres Verbandes falsch und in allen wesentlichen Stücken unwahr ist. Der Verband der jüdischen Lehrervereine ist keine Gründung zur Förderung und Propagierung religiöser Parteiananschauungen. Er steht dem liberalen Parteistreben in unserm Judentum genau ebenso fern, wie dem orthodoxen. Ja, er ist nicht nur keine Parteigründung, sondern hält es auch als seine bestimmte Aufgabe, niemals eine solche zu werden. Das, was uns jüdische Lehrer aller Parteirichtungen im Dienste der jüdischen Schule und des Judentums zu einem gleichstrebenden Ganzen macht, was uns mit unbezwinglichem Gefühle aus Nord und Süd, aus Ost und West brüderlich zu einander führt, das ist der Boden, aus dem der Verband der jüdischen Lehrervereine seine Aufgaben, Ziele und Zwecke für die gesamte Lehrerschaft entnimmt. Und was den Besten unserer Standesgenossen in solcher Art mit den in der Masse unserer Kollegen differierenden Glaubensanschauungen verträglich erscheint, das dürfte wohl auch vor dem Gewissen des Ganzen unseres Judentums Geltung und Recht behalten, wenn wir nicht annehmen sollen, daß die jüdische Lehrerschaft in ihrer Gesamtheit oder doch in ihrer großen Mehrheit jedes sichere Gefühl für das Rechte in religiöser Hinsicht verloren hat. Wir sind aber so anmaßend zu glauben, daß solche Verirrung des religiösen Gefühls unter uns jüdischen Lehrern in solcher Allgemeinheit nicht möglich ist. So wie der Verband der jüdischen Lehrervereine sich nach diesem meinem Bilde wahrheitsgetreu darstellt, so hat er sein Wesen und seine Aufgaben nur übernommen von den Vereinen, aus denen er gebildet ist. Niemals haben andere Grundsätze in unfern Lehrervereinigungen bestanden als die, welche noch heute in unserm Lehrerverbande gültig sind. Nirgends auch wird man in den Statuten des Verbandes irgend eine Andeutung dafür finden, daß eine Aenderung in den alten, bewährten und durch Tradition geheiligten Tendenzen unserer Lehrerverbindungen bei unserm Verbände beabsichtigt ist. Als der Verband gegründet wurde, hat man ihm einfach die Behandlung „aller die jüdischen Lehrervereine betreffenden Fragen" zum Zwecke gesetzt. Damit nicht nur in einfachster Form alles das zum Ausdrucke gebracht, was jedem dabei vorgeschwebt, sondern auch ausdrücklich damit bekundet, daß der neu geschaffene Verband der jüdischen Lehrervereine seinem innersten Wesen und Wirken nach genau dasselbe sein soll, wie die einzelnen Vereine, aus denen er zusammengesetzt worden. So sind auch tatsächlich alle Einwände, die Herr Dr. Cahn in seiner Schrift gegen den Verband erhebt, ganz ebensogut gegen unsre alten, noch bestehenden Provinzialvereine aufzuführen, und Herr Dr. Cahn hat sein Gewissen gegen solche Verbindung orthodoxer Lehrer mit liberalen nur etwas zu spät entdeckt. Hat denn nicht schon in unfern alten Provinzialvereinen von jeher jener freie Geist geherrscht, der auch eine andere Meinung in religiösen Dingen ruhig mit anhören konnte, wenn sie ohne Anmaßung und Tendenz auftrat und im Rahmen eines rein sachlichen Themas sich äußerte? Immer war es geheiligtes Recht und schöne Sitte in unfern Versammlungen, daß der Mensch nicht nach seinem religionsparteilichen Standpunkte, sondern nach seinem ehrlichen Streben im Dienste unserer Schule und unseres Glaubens geschätzt wurde. Sind nicht noch alle — der Liberale, wie der Orthodoxe — immer aus unseren Versammlungen hinausgegangen mit dem Gefühl, auch in der Kraft und Treue ihres religiösen Bekenntnisses gehoben und gefestigt worden zu sein? Und zum andern: Ist es denn eine neue Einrichtung bei uns jüdischen Lehrern, daß der orthodoxe Mann gelegentlich auch für sein religiöses Wissen etwas von dem gelehrten Liberalen und der Liberale von dem Orhodoxen anzunehmen sucht? Ist denn das nich natürlich bei Männern, die in ihrer praktischen Arbeit für das Judentum so viel Gemeinsames und Gleichartiges haben, die durch Pflicht und Amt vielfach aneinander gebunden sind, und denen das Judentum im Grunde doch überall dieselben Aufgaben gestellt hat? Und haben wir denn nicht als gute Juden und charaktervolle Lehrer ein ganzes Leben in Treue für unsere religiöse Ueberzeugung im weiteren, wie im engeren Sinne, zu bewähren, daß man uns gerade diese Gemeinschaftsarbeit in unserem Verbände, die doch, wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.