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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · p. Seite 200

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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Seite 200. Israelische Wochrnschrift. Nr. 16 Inhalt gehörig; sie macht auch deshalb dem Judentum die persönliche Absonderung von Fremden zur Pflicht. Die andere Richtung unterscheidet schon innerhalb des Judentums selbst einen Kern als den wesentlichen Gehalt, neben dem es eine Schale gibt, die unwesentlich ist. Dieser Kern des Judentums ist zugleich das Ziel allgemein menschheitlicher Entwicklung; dieser Kern ist zugleich das Ideal für die ganze Menschheit, und dem Judentum gilt es als die höchste Verheißung und die sehnlichste Hoffnung, daß alle Völker in dem gemeinsamen Streben zur Annäherung an dieses Ideal sich vereinigen werden. Dieser Kern besteht in der Pflanzung und der Pflege eines geläuterten, veredelten und vertieften Gottesbewußtseins in allen Menschen. Deshalb soll auch der Verkehr der Juden mit den Nichtjuden so ideal, so sittlich rein sein; denn dieser Weg führt zum Ziele der Menschheit und des Judentums zugleich. Die Geschichte des Kampfes dieser beiden Richtungen läßt sich durch alle Epochen des jüdischen Volkes verfolgen. Dieser doppelte Charakter in der historischen Erscheinung war schon ausgeprägt in dem Priestertum und dem Prophetentum. Aufgabe des Priesters war es, die Vorgefundenen Religionsformen zu erhalten und zu verteidigen. Er stand unter dem Einstuß des Raumes und der Zeit, klammerte sich fest an die Vergangenheit an und war ein Feind einer jeden weiterschreitenden Bewegung. Ihm gegenüber stand der Prophet als Repräsentant des progressiven Charakters. Dieser verband die Gegenwart nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft, und tadelte darum streng den Priester wegen seiner Verdumpfung im bloßen Mechanismus des Tuns und der gedankenlosen Uebung. Das Wort des Propheten hatte den ewigen Grundgedanken des sittlichen und religiösen Lebens, den unsterblichen freien Geist der Lehre dem Ueberwiegen sinnlicher materieller Mächte gegenüber geltend zu machen gestrebt, wenn der Prophet auch der Beobachtung der religiösen Institutionen nach ihrem eigentlichen Sinn und in ihrer wahrhaften tieferen Bedeutung hilfreich zur Seite stand. Kurz, der Priester zeigte durch seine Zugehörigkeit zu einer Kaste, daß er an dem Volksleben mehr die Seite der Naturnotwendigkeit als die der Geistesfreiheit darstellte. Der Prophet hingegen zeigte schon durch seine Erscheinung seinen Beruf für Schaffung einer freien Geistestätigkeit. Dieser Dualismus des national-partikularistischen und universal-menschheitlichen Prinzips läßt sich ferner durch alle rabbinischen Zeitalter verfolgen; er beginnt schon im leisen Anflug in den Sprüchen der Väter, wird zu offener Spaltung in den Differenzpunkten der Schulen Schammais und Hillels und bekundete sich dann bei den in Mischna und Gemara auftretenden Lehrern, bei den rabbinischen Schriftstellern der geonäischen, arabisch-spanischen, französischen, italienischen, polnischen Periode, bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wo die weitere rein rabbinische Entwicklung des Judentums stehen blieb. — „Machet einen Zaun um die Lehre" hinterließen schon die Männer der Synagoge ihren Nachfolgern als Grundsatz. Diese auf Befestigung und Umzäunung des alten Baus gerichtete Wirksamkeit führte in ihrem Gefolge natürlich einen verstärkten nationalen Partikularismus, weil Isolierung als sicherster Harnisch und Schild zur Bewahrung der Religion galt. Es kann uns daher nicht befremden, wenn wir im Talmud national-partikularistische Behauptungen finden. Auf der andern Seite nehmen viele Aussprüche der heiligen Schrift eine allgemeinere, tiefsittliche, ewige Fortdauer in sich schließende Deutung an. Allerlei Rechtsnnd Ritualbestimmungen erhalten eine lenksamere Auslegung und Ausführung. Als eine bedeutende, dem universellen Prinzip dargebrachte Huldigung muß die freisinnige rabbinische Ansicht erkannt werden, daß die Opfer nur ein vorübergehendes Zeitbedürfnis gewesen seien, die durch Werke der Barmherzigkeit und das wissenschaftliche Beschäftigen mit der Thora zum Wohlgefallen Gottes ersetzt werden könnten. Ferner zeigt sich das universal-menschheitliche Prinzip in folgenden rabbinischen Aussprüchen, die gewiß aus der Schule Hillels herrühren: Ein Heide, der sich mit der Thora beschäftigt, ist so gut, wie der Hohepriester. Die Seelen von Israel sowohl wie von anderen Völkern sind aus einem Ort. So gut wie Israel die Gebote vollzieht, so vollziehen auch die Heiden die Gebote, und so wie Israel den Allerheiligsten lobt, so loben ihn auch die Heiden; wie es heißt „von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird der Name des Ewigen gepriesen". Einstens wird der Höchstgebenedeiete den Frommen unter den Heiden die kommende Welt vererben; alle Völker werden an der kommenden Welt teilhaben. Vorzüglich aber zeigt sich das Bedürfnis, den Anforderungen der lokalen und temporellen Verhältniffe nachzugehen, darin, daß die Rabbinen Anordnungen trafen, die mittels einer fingierten Vorkehrung sogar dem skrupulösesten Juden es möglich machten, bestehende Gesetze in der Anwendung den Bedürfnissen anzupassen. Hierhin gehört die Anordnung Gammliels in Betreff des Ehescheidun^sbriefes, und Hillels in Betreff der Schuldforderung in dem Erlaßjahr, ferner die Erlaubnis, an einem Festtag für den darauffolgenden Tag Speisen vorzubereiten, am Sabbat mit Karawanen und Schiffen zu reisen und dergleichen. Diese Abziehung vom alten konkreten Buchstaben dokumentierte sich folgerichtig durch größere Annäherung zum Universalismus, zur Idee einer Verbrüderung aller Menschen und Völkerschaften, und die im Talmud und bei den Rabbinen im Sinn des wahren Humanismus sich häufig vorsindenden Aussprüche entspringen gewiß jener wohltätig warmen Quelle des universal-menschheitlichen Prinzips. In den letzten Jahrhunderten des Druckes und der äußeren Erniedrigung des Judentums hatte jene zweite, alle Zeitbildung und Wissenschaftlichkeit von sich abwerfende Richtung des Partikularismus sich vorzugsweise des Rabbinismus bemächtigt. Als jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts d das wissenschaftliche, industrielle, politische und private Leben an Kraft und Entschiedenheit, an Bewegung und freier Entfaltung gewann, und das Judentum als Glied in dieses pulsierende Leben ausgenommen wurde, tauchte sogleich das Verlangen auf, Religion und Leben, göttliches und weltliches zu einen. Allein, je schroffer und entschiedener dieses Streben nach Universalismus, d. h. nach Anschließung an diese Entwicklung hervortrat, desto stärker trat ihr die Reaktion entgegen, d. h. der Moment des Partikularismus, um die Burg der übernommenen Satzungen zu erhalten, von der Ansicht ausgehend, daß nur diese Burg die höchste Gewähr des Judentums und seiner Religion biete. Diese beiden divergierenden Richtungen waren gleichsam der Doppelhebel zur Fortbewegung des Rabbinismus in den zwei Jahrtausenden seines Bestehens. Trotz ihres inneren Gegensatzes kam es bei keiner zur gänzlichen Negierung der andern Richtung. Beide Strömungen stoffen vielmehr in vielen Stellen in einander und durchdrangen sich gegenseitig. Nur zeigte sich bei genauer Prüfung nach Zeit und Umständen ein größeres oder geringeres Verwelken des einen oder des anderen t

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