Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 7. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 Mit einer wissenschaftlichen Beigabe von Dr. J. Elbogen. Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch, Berlin 1904. 2. Das Judentum und das Wesen des Christentums. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher, V, 170 Seiten. Berlin, Poppelauer. 3. Das Wesen des Judentums von Dr. Leo Bäck. 170 Seiten. Preis 2 Mk. (eleg. gebunden 3 Mk.). Berlin. Lamm. (2 und 3 sind Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums). n. Elbogen benutzt die alten Trennungslinien nicht mehr, die man früher zwischen Pharisäern und Sadduzäern gezogen hat. Die Unterscheidungen sind zum Vorteil der Sache andere geworden. Es ist das alte Bild, das sich so oft im Judentum, und nicht im Judentum allein, gezeigt hat. Die Adligen, die Großen und Reichen betätigen ihren Selbständigkeitstrieb dadurch, daß sie mit den Fremden gehen, ihnen gleichen wollen und die Schranken des eigenen Volkstums für zu eng ansehen. Das sind die Sadduzäer, zum großen Teil die alten Geschlechter der Priester, die von Zadok abstammen. Durch das Schlußkapitel des hebräischen Sirach hat diese nicht neue Vermutung eine merkwürdige Bestätigung erfahren. Anders das Volk. Es erhebt sich und kämpft für den religiösen Gedanken und für dessen Grundlagen, ein selbstständiges Volkstum mit seiner thoramäßigen Eigenart, es hat das Streben, diese Eigenart nicht zu verhüllen, sondern offen hervortreten zu lassen. Hängen die Sadduzäer am Buchstaben, so haben sie das Bestreben, denselben religiös eher einzuengen, als zu erweitern. Sie lassen ihn zu Gunsten einer oft engherzigen Staatsweisheit dann auch mit Bewußtsein zurücktreten, sind überhaupt keine Freunde hochgehender Begeisterungswogen, sondern eher zu überlegenem Spotte darüber geneigt. Ganz anders die volkstümliche Freude an der Selbst- Opferung, wie auch an der geistigen Durchdringung des Buchstaben; die Freude an der Tat. der Ausübung. Zu den Kreisen dieser Kämpfer gehören die Pharisäer. Diese Kreise können viel vertragen. Aeußere Bedrückungen regen sie nicht auf — nur wenn Gott und die Lehre in Frage kommt, bewaffnen sie sich — gleichviel gegen wen! So ist der Makkabäerkampf einerseits, aus dem sadduzäischen Wesen die spätere Verweltlichnng des Hasmonäerhauses andererseits zu erklären. Im weiteren Verlauf des Streites verleiht die heilige Wissenschaft den Pharisäern die innere Kraft, die äußere Macht den Sadduzäern, bis mit dem Falle des Tempels und Staates nur die Vertreter des gesetzlichen Gedankens sich erhalten. Der Pharisäismus stellt so keine engherzige Gelehrtenpartei, sondern die Gesamtheit derer da, die sich aus den Stürmen der Zeitkämpfe gerettet haben. Diese von Elbogen gegebene Voraussetzung läßt von vorn herein keine einseitige Beurteilung des Pharisäismus aufkommen. Das Gesetz, das von den Pharisäern vertreten wird, ist eigentlieh die Lehre, wie schon Steinheim früh hervorgehoben hat. Das ändert die Gesamtauffassung insofern, als nicht verknöcherte und zu verknöchernde Paragraphen, sondern der Gedanke allein zu gründe liegt, der in die Tat übersetzt wird. Bezüglich des Strafgesetzes waren die Pharisäer den Sadduzäern mit ihrer drakonischen Halsgerichtsordnung durch ihre Milde weit über. Verfasser stellt die Auffassungen der Pharisäer über Gott und Menschheit dar und hat damit die Formeln gefunden, die mächtigsten Lehren der Hagadah in ungezwungener Weise ohne Deuteleien aneinanderzureihen. Wie weit ein geschichtlicher Zusammenhang die einzelne Sätze vereint? Ich weiß nicht, wie Verfasser über die Möglichkeit einer Quellenforschung denkt. Er scheint, wie Lazarus in seiner Ethik, die Sinneseinheit aller Geschlechter, die man als pharisäisch nennen kann, vorauszusetzen (Lazarus setzte in ethischer Beziehung Bibel und Talmud, wie alle anderen Quellen einfach gleich). Sobald aber der Versuch der Quellenscheidung, gleichviel von wem, auf einem Gebiete gemacht wird, regt sich die Hoffnung, daß die Durchführung der Arbeit für alle Seiten des nachbiblischen Schrifttums in Aussicht steht. Bezüglich der Hagadah, auf die es hier ankommt, ist zunächst Bacher auszunutzen, der den Stoff schon geschichtlich gesichtet hat. Dann erinnern wir an Arbeiten, wie Klausners ״die messianisehen Ansichten״ etc. Färbers König Salomo in der Hagadah — sehr wohl zu benutzende Schriften, um einen Gedanken in seinem geschichtlichen Wandel und Wachstum zu betrachten. Die Trefflichkeit der Elbogenschen Arbeit hält uns nach unserer stets geübten Gepflogenheit dem Meister gegenüber nicht davon ab, einen Wunschzettel noch aufzustellen. Wer mit so klarem Blicke nach Gedankenfamilien (man verzeihe das kühne Bild, aber es entspricht der Elbogenschen sondernbaren Treffsicherheit) die hagadischen Bestandteile in ihrer Uniibersehbarkeit sichtet und ins Licht der Geschichte rückt, der ist für die Zukunft auch in der Lage, die einzelnen Gebiete im Rahmen der Untersuchung geschichtlich zu sondern. Die Wirbelsäule des gesamten Schrifttums, auf das es hier ankommt, ist die Halacha. Es wäre ■für einen zweiten Teil eine dankenswerte Aufgabe, die als gesetzlich verschrieenen Pharisäer gerade von der gesetzlichen, d. h. halachischen Seite zu betrachten. Beiträge dazu habe ich in m6inen ״Ueber den Zusammenhang der Mischna“ (Sraßburg, Trübner) bereits im Jahre 1891 geliefert, und zwar ist darin gerade der Kampf der Pharisäer und Sadduzäer in seinen mischnischen Spuren (auch besonders die von Elbogen erwähnte strafgesetzliche Seite) in besonders sich abzeichnender Mischnaquelle dargestellt. Diese dem Gegenstände so naheliegende Arbeit fand ich bei Elbogen weder berücksichtigt, noch erwähnt. Der gesamten Darstellung und der Fülle des darin verbreiteten Stoffes gebührt nur ein Urteil: die Jahresberichte sind schon darum eine heilsame Einrichtung, Weil sie auch solche nicht auf ein Jahr berechnete, sondern für eine dauernde Wirkung bestimmte Arbeiten als Begleiter haben. Möge diese Arbeit nicht nur von Gelehrten, sondern von allen gelesen werden, denen die Beleuchtung des Judentums und seine Erkenntnis am Herzen liegt. Ludwig Stein. Der soziale Optimismus. Jena. Costenoble. VIII. 267 S. Wie wir zur Besprechung des Steinschen Optimismus kommen? Darauf antwortet am besten die jüngst von uns gebrachte Arbeit Lerichs. Der Optimismus gehört zu Israel, das jede Spur desselben im zeitgenössischen Schrifttum freudig begrüßen muß. Die Jahre, welche die pessimistische Weltanschauung zu stark zur Herrschaft gebracht haben, waren für das Judentum nicht erfreulich. Merkwürdig! Nach dem Zeugnis Steins waren es die auf 1870 folgenden Jahrzehnte. Vorher, in den unvergeßlichen Jahren deutschen Emporstrebens, konnte der Weltschmerz, der in Schopenhauer und Byron seine Bannerträger hatte, nicht herrschend werden; er hätte die Erfolge jener Zeiten verhindert. Ein emporstrebendes Zeitalter empfindet wohl die Mängel der Zeit — strebt es doch über sie hinaus — aber es darf an der Möglichkeit ihrer Ueberwindung nicht verzweifeln. Der Augenblick, der uns 1870/71 erreichen ließ, was wir wollten, brachte in uns das Getühl derselben Leere hervor, das den Künstler oder Schriftsteller nach dem ersehnten Ab- Schluß seiner Arbeit erfaßt. Sie hat ihm zu lange gedauert — nun, da er sie beendet hat, fehlt sie ihm, und unbewußt sucht er sich neuen Arbeitsstoll. So begann mit dem Erfolge der Jahre 1870/71 ,nachdem der Traum der staatlichen Einheit und Größe erfüllt war, eine weltschmerzliche unbefriedigte Stimmung, die sich den Gebieten menschlichen Geistesstrebens mitteilte. Was Freude hervorrief, den Eindruck des Ganzen und Vollen machte, wurde verlassen. Statt raphaelischer Formen in der Kunst, suchte man das Rissige, Seltsame, ja, Häßliche auf. In der Dichtung nahm die bruchstückartige Gefühlstiefbohrung in der Hervorkehrung des Unbefriedigten und Zerrissenen den breitesten Raum ein, es griff in den Wissenschalten um sich — nur die Mathematik und ähnliche Gebiete waren davon ausgenommen. Der strebende Geist suchte