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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 7. (1905) · p. Seite 28

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 7. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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— 28 neue Ziele und mußten darum die Mängel der bestehenden aufspüren. Die letzten Zeiten brachten einen wohltätigen Rückschlag, und je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto mehr verlieren sich die dunklen Töne, und mehr Tatsachensinn, mehr Entschlossenheit und AVille zu wirken tut sich kund. Mit entschiedener Neigung und Liebe zur Sache stellt Stein diesen Wechsel dar, und es ist eine Freude, ihm durch die Reihe der Forscher zu folgen, welche diese Aenderung in sich erlebt und demnach bewirkt haben. Stein ist sich dessen bewußt, zum ersten Mal mit klarer Absicht ein denkermäßig abgeschlossenes Gebäude des Optimismus aufzurichten, und in der Tat ist diese aus Einzel veröffentlichungen bestehende Arbeit eine unzerreißbare Kette von Voraussetzungen und Schlüssen. Dem Verfasser scheint dies Aneinanderreihen von Gedankengängen die höchste Freude zu sein; hier steht eine Kraftnatur von Denker vor uns, dessen glänzender Darstellungsweise man mit Spannung folgt, weil er selbst dabei nicht ermüdet und sein eigenes Wohlgefühl sich uns mitteilt. Wie klar der Plan des Ganzen in ihm gelebt hat, beweist eben der Umstand, daß die selbständig scheinenden Einzelteile dem Verfasser gegenüber, gleichviel, wann er sie abge• faßt hat, stets ein Ganzes waren. Sozialer Optimismus heißt ihm die beglückende und erlösende Formel, welche den Zwecken der Neuzeit entspricht. Alle Geistesbestrebungen, alle Bewegungen von alters her, alles Vorwärts- und Rückfließen geschichtlicher Richtungen erscheint dem Verfasser nur unter dem Lichte der Weltbejahung und Verneinung. Er steht auf Seiten der Bejahenden, wie alle großen Geister, alle kräftigen Erscheinungen der Geschichte, wie alles Fortschreiten dieser Anschauung recht gibt. Den Gegensatz indischer und persischer AVeltanschauung, der Romantik und Klassizität sieht er nur im Weltbejahen oder Verneinen. Wo der Zweifel des Denkers mehr ist als ein wissenschaftliches Mittel, wT0 sich der Zweifel als Selbstzweck geltend macht, da erlahmen die Tatkräftigen, und es werden müde Greise aus ihnen, welche die Weltflacht, die Ruhe des Geistes, die äußere Ruhe preisen. Unbefriedigende Zeiterscheinungen werden an weniger befriedigenden der Vergangenheit gemessen, damit die Hoffnung ihres Verschwindens nicht aufhöre. So wird alles Bestehende dem Tätigen zu einer Quelle des Kraftgefühls, die öffentlichen Klassenkämpfe, die Arbeiterbewegungen haben etwas messianisches in ihrem stürmischen Verbesserangsdrange an sich, selbst ein Aristoteles mit seiner vielangegriffenen goldenen Mitte, ja, selbst die Bülowsche Linie der Mitte kommt da zum Rechte, und gerade diese Teile sind nicht die schlechtesten des Buches. Aus diesem Loblied auf die bestehende Welt, aus dieser Hoffnung auf ihre Verbesserung durch Tatkraft und besserndes Wirken blickt bei Stein der Jude heraus. Schopenhauers Vorwurf, das Judentum sei optimistisch, wird hier zu einem Ruhmestitel für die Thora; die Werkheiligkeit wird in diesem Buche, das alles beschauliche Nichtwirken von sich stößt, zum Hauptwerkzeug der Weltverbesserung. Bei seinem Zurückgehen auf die Ahnentafel des Optimismus hätte er sich bezüglich des Judentums nicht auf die Propheten und ihre Hoffnungen allein zu beschränken brauchen — die gesamte Lehre Israels mit ihrem auf Klarheit und Betätigung dringenden Wesen ist ein einziger großer Beweis dafür. Wo ist die Denkfreudigkeit, wo trotz aller Neigung zum Scharfsinn dabei die Gläubigkeit, die Hoffnung auf etwas Besseres nnhr betätigt worden, als in Israel? Darum können wir der Steinschen Schrift uns freuen und aus diesem Hohenlied der Weltbejahung noch sehr viel lernen, ehe uns die Auffassungen zum Bewußtsein kommen, worin wir ihm nicht folgen können. Wir betrachten dies Buch als eine starke Stütze aller lebensfähigen Bestrebungen und hoffen, daß seine Verbreitung sehr viele Irrtümer des Weltschmerzes beseitigen wird. ר י. ״ . , ״ & Dr. L. A. Rosenthal, - Rabbiner. Geschichte Israels bis auf die griechische Zeit. Von Lic. D1*. J. Benzinger. (Aus: Sammlung Göschen.) Leipzig, Göschen, 1904. 158 Seiten. 80 Pfennig. Der Benzingersche Geschichtsabriß hat das Verdienst, uns in der Kürze den jetzigen Standpunkt der neuen Bibelforschung zu zeigen. Die Darstellung ist eine klare und ansprechende. Wir weisen besonders auf die von David handelnden Abschnitte hin, bei denen an den biblischen Quellen nicht zu viel geändert wird. Manches wird gut aus der allgemeinen Geschichte begründet, wie das Auftreten Sisaks als Begründers eines neuen Königshauses, das von Salomo nichts mehr wissen wollte. Die Königsgeschichte wird im allgemeinen der Bibel gemäß erzählt. Besonders hervorzuheben ist die schöne Schilderung ״Das LebeD im alten Israel“. Bezüglich der Josiazeit und des Deuteronomion hat Benzinger an der de Wetteschen Auffassung festgehalten, die doch heute selbst von Männern wie Steuernagel nicht mehr geteilt wird. Zum mindesten mußte in einer Anmerkung auf die tiefgreifende Wandlung in den diesbezüglichen Anschauungen hingewiesen w־erden. Der nächste Abdruck müßte weniger sinnentstellende Druckfehler haben. — Im ganzen ist das Büchlein für den, der die Bibelforschung kennen lernen will, ein gutes Hilfsmittel. Predigtumrisse. ־־ ׳תזריע Her Aussatz ist die Strafe der Lästerrede. Der Verläumder suchte die Fehler in anderen — nun wird ihm durch den Aussatz gezeigt, er selbst sei der Kranke; der Verläumder ging nicht zu dem mit Fehlern Behafteten, ihn zu warnen, sondern zu anderen, ihm den guten Ruf zu nehmen — der heilende Priester muß sich als Arzt an ihn selbst wenden: wie die Verläumdung ansteckend von Straße zu Straße, von Ort zu Ort fliegt, so muß der Aussatz zur Beobachtung abgesperrt werden, damit er nicht ansteckend wirke! Zuerst wird er beobachtet, dann für aussätzig erklärt, während er selbst leichtfertig und ohne zu prüfen böse Gerüchte umherstreute. Ist er erkannt, so weile er fern der von ihm verachteten Menschheit, verhülle seine Lippe, die gesündigt, und er rufe: Unrein! Unrein! Bleibt mir fern, der ich andere unrein gescholten und nun selbst unrein bin. — Selbsterkenntnis führt zur Heilung. שבת הגדול — ׳מצורע• Räumet den Sauerteig aus dem Hause! Der Sauerteig setzt sich in den Teig hinein, treibt ihn in die Höhe, und es entstehen die inneren Höhlungen, so daß der Umfang des Brotes nicht dem wahren Gehalt in ihm entspricht. So treibt die Einbildung, die Selbstliebe den Menschen auf, täuscht ihn und andere über die innere Leere; täuscht andere über die eigenen Verhältnisse, indem man mit großen Opfern einen falschen Schein der Größe, des Reichtums, des Einflusses um sich breitet, sich selbst das Glück der Zufriedenheit raubt, um schließlich zu vergehen. Die Mazzah dagegen ist durchsichtig, aber sie macht sich nicht anders, als sie ist. Wer frei werden will, werfe die Hüllen des falschen Scheins von sich, und ihm wird’s leichter werden, er wird frei und glücklicli sein! Zum 1. Pesachtage: הא לחמא etc. Nicht stammen wir von Gewaltigen, sondern Brot des Elends aßen unsere Väter. — Darum schämen wir uns der Armen, auch unserer eigenen Brüder nicht, rücken wir ihnen nicht vor, sie seien uns fremd, so wenig wir als Fremdlinge in unserem Vaterland gelten wollen. — Dann, wenn wir der Ungleichheit, Lieblosigkeit und Kälte in unserer eigenen Mitte ein Ende gemacht haben können wir Gott anflehen, daß er sich unser auch annehme Inhalt der Nummer 7. Wissenschaftliche Aufsätze: Immortellen Von Dr. G. Perlitz. Literaturbericht. Rezensionen: Zweiundzwanzigster Bericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Von Dr. J. Elbogen. Das Judentum und das Wesen des Christentums. Von Dr. Joseph Eschelbacher. Das Wesen des Judentums. Von Dr. Leo Bäck. — Ludwig Stein: Der soziale Optimismus. — Geschichte Israels bis auf die griechische Zeit. Von Lic. Dr. Benziger. — Predigtumrisse. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.

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