Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 190. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. rusalem gefunden und soll auch einem hohen Hofbeamten angehört haben. Zur Linguistik gehen wir mit Blumengrunds Studie zur hebräischen Lexikographie im Talmud und Midrasch über. Aus der sorgsamen Arbeit sehen wir, daß auch die jüdische Wissenschaft durch den jähen Heimgang dieses jungen Rabbiners einen beklagenswerten Verlust erlitten hat. B. führt den Nachweis, daß auch der Talmud und Midrasch die Wurzel Kawah in dem von Barth entdeckten Sinn „anrufen" können. Eppensteins tiefgründige und gediegene Untersuchung über die hebr.-arabische Sprachvergleichung bei den jüdischen Autoren des Mittelalters schließt sich seinen bisherigen Leistungen, die in ihrer vorsichtigen und besonnenen Forschungsweise musterhaft zu nennen sind, durchaus würdig an. Es ist erstaunlich, wie Eppenstein, der als Rabbiner in einer kleinen westpreußischen Stadt lebt, alle Hindernisse überwunden hat und dort, wo jede fachwissenschaftliche Bibliothek fehlt, klassische Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der Exegese zu schaffen vermag. Eine heilige Pflicht aber scheint es dennoch zu sein, einem Mann von der wissenschaftlichen Bedeutung Eppensteins ein Milieu zu geben, das ihm angemessen ist. An Nachwuchs tüchtiger Seminardozenten soll kein sonderlicher Ueberfluß herrschen, hier wäre einer, der jedem Lehramt für die von ihm gepflegten Fächer zur Zierde gereichen dürfte. Oder müssen denn auch im zwanzigsten Jahrhundert, wie es manchem jüdischen Gelehrten im vorigen ergangen ist, die wahrhaft tüchtigen Männer sich mit obskuren Stellungen begnügen und sich an den kleinlichen Mühseligkeiten ihrer Verhältnisse verbluten, während die schmalstirnige Mittelmäßigkeit sich an fetten Pfründen mästet oder unverdienter Weise auf hohem Piedestal sich brüstet? Die neuesten Veröffentlichungen aus dem arabischen Mis chnakommentar Maimunis bespricht der Hanauer Rabbiner Dr. S. Bamberger. Man wird der gründlichen Beurteilung beipslichten, wenn sie in der Forderung ausklingt: Die ferneren Arbeiten über den Mischnahkommentar sollten mit größerer Gleichmäßigkeit in der äußeren Form, nicht ohne Hinzufügung der berichtigten hebräischen Uebersetzung und mit größerer Rücksichtnahme auf die Aufeinanderfolge der zu edierenden Stücke und den Zusammenhang des Ganzen vorgenommen werden. Bei dieser Gelegenheit gestatte ich mir eine persönliche Bemerkung. Vor Jahren habe ich Maimunis Edujot I, 7—12, den arabischen Urtext, hebräische und deutsche Uebersetzung und Anmerkungen veröffentlicht. Die übrigen Teile dieses wichtigen Traktates liegen in meinem Schreibtisch druckfertig; das horazische nonum prematur in annum hat sich an ihnen auch erfüllt; vielleicht hilft ihnen im Interesse der Sache eine jüdisch-wissenschaftliche Zeitung zur Auferstehung. Eine Kritik der Kritik gibt der Freund Halevis, Rabbiner Dr. Kottek-Homburg. Er verteidigt das sicher auf profunder Talmudgelehrsamkeit beruhende Geschichtswerk Dorot harischonim gegen die Einwürfe und Ausstellungen Bachers. Punkt um Punkt sucht er dessen Einwendungen zu widerlegen, und es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß dies in durchaus vornehmer Weise geschieht, wie sie allein einer so ernsten Untersuchung entspricht. Bei aller warmen Verehrung für -ie geniale Leistung Halevis scheint auch Kottek durchaus nicht zu beabsichtigen, wie es ihm vor ca. 2 Jahren eine jüdische Zeitschrift vorwarf, das Werk Halevis heilig sprechen oder kanonisieren zu wollen. Es ist übrigens erfreulich, daß Kottek die Begründer der modernen Wiffenschaft zwar in manchen ihrer Forschungsergebnisse zu widerlegen sucht, aber niemals geschieht es in dem verletzenden Ton, den bedauerlicher Weise sein Meister für gut befindet, selbst gegen Männer, denen die jüdische Wissenschaft trotz ihrer Jrrtümer — und welche menschliche Leistung hätte keine Mängel — Dank schuldet. Fassen wir unser Urteil rückblickend zusammen, so können wir der freudigen Genugtuung Ausdruck geben, daß die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur rüstig vorwärtsschreitet. Wo aber sind die Verbände und die Schriftsteller, welche in volkstümlicher Darstellung die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen zu Werken verarbeiten, aus denen dem modernen Israel erneute Begeisterung für die jüdische Weltanschauung und Geschichte zuwächst? Vergessen wir nicht den Ausspruch des Altmeister Zunz: Aechte Wiffenschaft muß taterzeugend sein. vas hellenistische 5 ' . Bon Rabbiner Dr. Max Beermann-Jnsterburg. IV. Das edelste Produkt des inneren Verschmelzungsprozesses zwischen Judentum und Griechentum ist die philonische Philosophie, der wir uns heute zuwenden. Philo lebte zur Zeit Caligulas in Alexandrien, er entstammte einer vornehmen Familie. Sein Bruder war Alabarch, genoß eine sorgfältige Bildung und ist in gleicher Weise für das Judentum wie für die Philosophie des Platon und Pythagoras begeistert. Beide sind ihm Quellen des Guten, er ringt sich zu der Ueberzeugung hindurch, daß der Mosaismus und der Platonismus im Grunde dasselbe lehrten. Durch sinnbildliche Ausdeutung der Schrift (Allegorie) gelingt es ihm diese Identität nachzuweisen. Diese Deutungsmethode gestattete ihm seine philosophischen Lehren als in der Schrift enthalten vorzutragen und treuherzig hinzuzufügen: „Es ist dies des Mose Ansicht und nicht die meine." Die Philosophie ist ihm die Königin der Wissenschaft. Ihrer Erkenntnis wird er inne gleichsam durch göttliche Erleuchtung. Wenn er philosophierte, schien es ihm, als ob er mit Sonne, Mond und Sterne frei im Weltall umherschwebte. Sie ist ihm die Wurzel des Guten, die wahre Gotteserkenntnis. Des Lebens höchste Aufgabe ist durch Schlüsse von den Werken auf ihren göttlichen Urheber vorzudringen und durch innere Schau, wie sie nur dem Asketen möglich ist, Gott zu erblicken. Wie er lehrte, so lebte er, ganz dem Göttlichen hingegeben, ohne Sinn für Ehre, Glanz, Genuß und Reichtum. Nur das Geschick seiner Brüder scheuchte ihn aus seiner philosophischen Ruhe auf. Er leitete die an Caligula abgesandte jüdische Deputation zwecks Aufhebung des Befehls, die Kaiserbilder anzubeten. Caligula hat die Gesandtschaft, an deren Spitze dieser edle Denker stand, in dem ihm eignen Wahnwitz mit Hohn und Verachtung behandelt. Nachdem er sich endlich sprechen ließ, fuhr er sie an: „Ihr seid also die Gottesverächter, die einen Namenlosen verehren, während außer euch alle andern mich anbeten." Als darauf die Juden bescheiden einzuwenden wagten, daß im Tempel zu Jerusalem auch für den Kaiser geopfert werde, schrie der Kaiser: „Mir sollt ihr opfern. Im übrigen scheint ihr weniger dumm als schlecht zu sein, wenn ihr meine Gottheit nicht anerkennt". Mit Recht weist Gregorovius in seiner Geschichte Roms darauf hin, daß die Juden allein die Heiligkeit Gottes und die Würde des Menschen dem Cäsarenwahn gegenüber zu wahren gewagt haben. Philos Charakter und Lebensführung waren mustergiltig. Seine Gattin durfte ihres Mannes Tugend ihren schönsten Schmuck nennen. In aufrichtiger Frömmigkeit besuchte er 0883