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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · p. Seite 191

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 191 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 14 Israelitische Wochenschrift. Seite 191. mehreremale den Tempel zu Jerusalem. Wiewohl er die Schrift sinnbildlich deutete, drang er doch auf pünktliche Erfüllung der Satzungen: Sie stimmen mit der Natur überein und bleiben unverändert. Der mag den äußern Brauch veruachlässigen, der des Körpers ledig, nur als reiner Geist das Irdische abgestreift hat. Wenden wir uns jetzt zu seinen Werken: 1. Fragen und Antworten über den Pentateuch, ein Schulkatechismus, nur teilweise erhalten. 2. Allegorischer Kommentar zur Genesis. Die Erzählung der Schrift, eine Bilderdarstellung der Sittenlehren und der menschlichen Seelenzustände. 3. Systematische Darstellung der mosaischen Gesetzgebung: a) Weltschöpfung als Einleitung, auf die Erfüllung der Thora ist das Weltall angelegt, die Befolgung des Gotteswortes ist gleichsam auch Wille der Natur; b) Das Leben der Frommen, diese sind Verkörperung des Guten, Typen der Sittlichkeit, ungeschriebene Gesetze; c) Die Gesetze im Anschluß an das Zehnwort. 4. Leben Mosis. 5. Wer fromm ist, ist frei. Schilderung der Essäer. 6. Gegen Flaccus oder Gesandtschaft an Caligula. Der Grundgedanke ist: die Bösen nehmen ein Ende mit Schrecken. 7. Ueber die Juden, eine Verteidigungsschrift. Die Schrift über die Therapeuten hält man für ein christliches Werk zur Verherrlichung des Mönchtums. Sein Stil ist so glänzend, daß man sagte, entweder platonisiert Philo oder philonisiert Plato. Seine Auslegung der Schrift liest sich stellenweis wie ein allegorischer Midrasch. So deutet er den bekannten Schriftvers. Jakob ging von Berseba, kam an einen Ort, wo die Sonne unterging, also: Jakob — die durch Uebung erworbene Weisheit, Ort göttliche Vernunft (so auch im Talmud), Sonne - Wahrnehmung und gewinnt daraus die Lehre: Der Mensch könne nur das Göttliche erkennen, wenn sein natürlicher Verstand untergegangen, wenn er an seiner beschränkten Erkenntnis verzweifelt. Seine Anschauungen kann man in folgendes System bringen: 1. Gott ist der Quell der Reinheit, der Allerhalter, der ^Mumfasser, dasschlechthinnige Sein, ewig, unveränderlich, einfach, selbstgenügsam, in seinen Eigenschaften nicht näher zu bestimmen. Kein Ort ist leer von Gott (Talmud). Die Gottheit läßt sich erfahren und erleben, vermittelst des 2. Logos, der Offenbarung oder des Namens oder des erstgeborenen Sohnes der Gottheit, einer Personifizierung der himmlischen Weisheit, nach dessen Sinn das ganze Weltall geschaffen ist, wie ein Bau nach dem Entwurf des Baumeisters (Midrasch). Aus ihm strömen 3. Dynameis oder Ideen oder Aggeloi, welche von Gott der Materie wie ein Siegel aufgedrückt werden, sie sind die unzertrennlichen Bande des Alls mit Gott. Durch ihre Vermittlung wird die Welt gestaltet und durchwaltet. In ihnen ist Gott überall gegenwärtig, innerweltlich, während er als schlechthinniges Sein außerweltlich ist. 4. Der Mensch, eine Welt im Kleinen, trägt einen Funken Gottes in sich, die dem Logos entstammende Seele, die mit freier Selbstbestimmung begabt ist. Wer sich von der göttlichen Vernunft, wie sie in der heiligen Schrift sich ausspricht, leiten läßt, ist wahrhaft frei. Darum ist des Menschen höchste Aufgabe, sich zum Göttlichen zu erheben, und des Fleisches Macht, worin die Sünde liegt, zu brechen. In der Einheit mit Gott liegt des Menschen Paradies, in dem Sieg der Begierden die Hölle. Die philonischen Gedanken haben auf die Dogmenbildung im Christentum einen bedeutenden Einfluß gehabt, wie ja überhaupt der jüdische Hellenismus erst die christliche Missionstätigkeit eines Paulus und andrer Sendboten des Evangeliums ermöglichte. Die weitere Entwicklung des Judentums ist im großen und ganzen von Philo unabhängig. Allein in der jüdischen Geheimlehre (der Kabbala) und in ihren frühen Spuren, die uns der Talmud und die Midraschim an einigen Stellen aufbewahrt haben, sind philonische Gedankenkeime mit Sicherheit nachzuweisen. Diesen Zusammenhang näher zu beleuchten, behalten wir uns für die Entstehungsgeschichte der jüdischen Mystik vor. _ Die Politik. Herr Dr. Paul Nathan hat an die „Vossische Zeitung" nachstehende Erwiderung auf die Ausführungen, die Abgeordneter Liebermann von Sonnenberg in der Donnerstaasitzung des Reichstages über die Dertehung der WehrpsiWt seitens der Inden gemacht, geschickt: Nach dem Berichte der Kreuzzeitung vom 24. März morgens hat der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg eine Statistik, die ich herausgegeben habe, angeführt, um zu beweisen, daß innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Deutschland eine besondere Neigung besteht, sich dem Militärdienst zu entziehen. Da der stenographische Bericht über die betr. Reichstagsverhandlung noch nicht vorliegt, so beziehe ich mich auf die Wiedergabe der Rede des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg in einem Blatte, das ihm feindlich nicht gegenübersteht. Herr Liebermann von Sonnenberg sagte: „Von 1882 bis 1892 durften sich der Wehrpflicht 2408 Juden entziehen; es haben sich ihr aber entzogen 4006 (Hört! Hört! rechts), und das ist nicht etwa eine antisemitische Statistik, sondern eine von Dr. Paul Nathan (Heiterkeit)." Es ist richtig, daß in dem Buche, das ich herausgegeben habe: „Die Kriminalität der Juden in Deutschland" (Berlin 1896, Verlag Siegfried Cronbach) auf Grund der amtlichen Statistik die vorerwähnten Zahlen mitgeteilt sind. Es ist diesen Zahlen dann eine Erläuterung hinzugefügt, und zwar die wörtliche Wiedergabe von Ausführungen aus der Statistik des Deutschen Reiches, 30. Band, Seite II, 8 und 9. Es wird in diesen amtlichen Darlegungen untersucht, wie es kommt, daß in den Jahren 1882 bis 1892 sich schwankend über 14 000 bis über 21 000 Deutsche in je 12 Monaten die Verletzung der Wehrpflicht haben zu Schulden kommen lassen. Die Statistik des Deutschen Reiches führt aus, daß von einer Verletzung der Wehrpflicht im eigentlichen Sinne für die Gesamtheit der in dieser Rubrik Untergebrachten nicht die Rede sein könne. Denn die Auswanderung von Kindern im zartesten Alter bis an die Grenze der Gestellungspflichtigkeit heran ist als eine Verletzung der Wehrpflicht natürlicherweise nicht zu bezeichnen. Die Auswanderung spiele für diese Rubrik der Statistik eine außerordentliche Rolle. Auf Grund dieser Erörterungen kommt die „Statistik des Deutschen Reiches" an der angezogenen Stelle zu folgenden Schlußfolgerungen: „Hiernach dürfte es klar sein, daß an die jährlichen Zahlen dieser Verurteilten Schlußfolgerungen aus die Kriminalität in dem Sinne, wie es bezüglich der anderen Deliktsarten zulässig ist, insbesondere hier auf die Gründe, welche zu dieser Gesetzesverletzung verleiten, nämlich auf die Unzufriedenheit mit den heimischen Zuständen oder auch nur auf die Häufigkeit der

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