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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · p. Seite 188

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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Seite 188. Israelische Wochenschrift. Nr. 14 beginnen. Vieles ist vor ihr geschwunden. Sie ging mit der Geradlinigkeit einer Naturkraft auf der eigenen Spur weiter, bis man merkte, daß nicht mehr viel verschwinden kann; bis man einsah, daß dieses verachtete Aeußere ein Inneres unbedingt in sich birgt, während ohne dies dem Ganzen die Entleerung drohte, also die Auszehrung. Gibt es ein Inneres ohne ein Aeußeres? Gibt es ohne dies etwas Sinniges, eine bildliche Deutung, eine Vergeistigung? Nehmt dem Goetheschen Liede den äußeren Hintergrund, ihr nehmt ihm die Seele! Nehmt dem Sukkot die Palmen, die Hütte, die Umzüge im Gotteshaus, und ihr nehmt ihm die volkstümliche geschichtliche Grundlage, an welche sich Erinnerungen knüpfen und an welche menschlich angeknüpft werden kann. Mag man einmal eine Untersuchung darüber beginnen, ob mit dem Alten oder ohne das Alte mehr gewirkt werden kann. Das Alte hat durch seine Eigenart Dichter und Prediger angeregt — der Kampf gegen das Alte hat ja nur einen einzigen stets wiederkehrenden Gedanken: Das Aeußere ohne das Innere ist nur eine Lüge! Dieser eine Gedanke kann, da er eine Verneinung enthält, unmöglich befruchtend wirken. Das Innere ohne das Aeußere ist nämlich eine Unmöglichkeit! Das hängt mit der eigenen Art zusammen, wonach in uns Anschauungen, Begriffe und Gedanken allein wachsen können — ein Kampf dagegen ist mit den schönsten und besten Gründen ein Windmühlenkampf. Dies geschichtlich gewordene Aeußere hat schon nach der Erblichkeit der Anlagen und Empfindungen die erste Vorliebe für sich. Der Kampf gegen einen so unmeßbaren und unsichtbaren Gegner ist aussichtslos. So mancher ist Gegner des Alten, weil er damit nichts anzufangen weiß. In so mancher Hand belebt sich dagegen das Alte und wird zur geistig anregenden Macht, ja, zur Schwinge, die den strebenden Geist emporhebt und ihn auf andere heilsam wirken läßt. Gegen Tatsachen machtlos anzukämpfen, ist Sache des dem Leben fernstehenden Schulgedankens; mit dem Vorhandenen sich in Einklang versetzen, da man ihm doch nicht entgehen kann, das ist die Sache dessen, der im Leben und auf das Leben wirken will. Coblenz ist unerbittlich, aber er ist aufrichtig. Es steckt in ihm die Neigung, eine Schule zu gründen, die alles Anschauliche und Anmutende im gottesdienstlichen Leben des Hauses und der Gemeinde fortfegen soll. Er wäre imstande, im Namen einer Orthodoxie der linken Seite die Gemeinschaft mit jedem Andersdenkenden als schwächend mit dem „Anathema!" zu belegen. Darum verketzert er in jenem Artikel jede Genreinschaft zwischen links und rechts, darin ganz den äußersten Eiferern der entgegengesetzten Seite die Hand reichend. Es ist wiederum schade um den heiligen Eifer, der einer unmöglichen Sache gilt. Keine Suppe wird bekanntlich so heiß gegessen, wie sie auf den Tisch kommt; auch die Richtungsgegensätze werden zu Zeiten vergessen — laßt doch den Menschen ihre Gemütlichkeit, wenn sie sich an einen Tisch setzen wollen! Aber die Reform nruß die Zeche bezahlen! Nun, sie zahlt sie schließlich nicht ungern, weil es ihr auch einmal wohltut, neben den rechtgläubigen Gegnern zu sitzen und sich mit ihnen eins zu fühlen. Eins gebe ich Coblenz gern zu: Daß es in wissenschaftlichen Fragen keine Gemütlichkeit geben darf und daß wir darin oft zu gemütlich sind. Dann darf man aber nicht, wie er es tut, die in der Kirche tobenden Kämpfe um deren Grundlage vergleichen mit den Gegensätzen im Judentum, die sich um die Gotteseinheit nicht drehen dürfen, sondern nur die Anwendung der Thora betreffen. Dann darf man einen Amos, Hosea, Jesaia oder Micha, wie er es tut, nicht unbedingt der! Reform zuweisen; man muß vielmehr wissen, daß nicht nur ein Mann wie z. B. Oettli, daß auch ein Steuernage! von einem Gegensatz der Propheten zum Opfergottesdienst nichts wissen will. Diese Wandlungen auf dem Gebiet der Bibel- Wissenschaft müssen wohl beobachtet werden. Wir haben hier nicht den Gegensatz zwischen rechts und links ausgetragen, sondern mit voller Anerkennung seiner redlichen Gesinnung und seines Strebens nach Wahrheit uns bemüht, Coblenz den Irrweg zu zeigen, der nur zu ziellosem Zerstören führt und ihm die Zufriedenheit mit dem eigenen Streben raubt. Es ist eines Wahrheitssuchers nicht unwürdig, einen Irrtum einzugestehen und sich vor der Macht entgegenstehender Tatsachen zu beugen. Das ist es, was wir von ihm zum Besten der auch von ihm vertretenen guten Sache erhoffen. 7 ‘. ' i>rr MW-lilrrarWll KtskWast. Besprochen von Kreisrabb. Tr. Beermann-Jnsterburg. Verneinungslüsterne Geister werden wohl über das neuerschienene Jahrbuch des Frankfurter Vereins, das in allen Teilen den Parteistandpunkt der gesetzestreuen Richtung wahrt, schnell aburteilen und sagen:' Wissenschaftliche Forschung, die nicht voraussetzungslos ist, ist nicht die echte und rechte. So gestimmte Beurteiler dürfen auch darauf Hinweisen, daß unter den 13 Arbeiten, die sich in diesem Sammelband ein Stelldichein geben, sich keine einzige findet, die sich mit religionsgeschichtlichen oder religionsphilosophischen Problemen auseinandersetzt oder auf die vordringlich genug laut werdenden Fragen der modernen Bibelforschung eingeht. Auf diese beiden prinzipiellen Einwände gegen Anlage und Art des Werkes gedenken wir bei andrer Gelegenheit gründlich und ausführlich einzugehen. Heute wollen wir den Inhalt des Buches, wie es nun einmal vorliegt, einer sachlichen Würdigung unterziehen. Ueberschauen wir das hier Geleistete, so meinen wir, daß auch der grundsätzliche Gegner billiger Weise zugestehen müßte, daß allen Untersuchungen, so mannigfaltig sie nach Themawahl und Behandlungsform sind, der Stempel ernsten Forschersinns ausgeprägt ist. Neue Materialien zur Geschichte der Vierländer- Synode liefert Dr. L. Lew in, Rabbiner in Pinne. Eine große zusammenhängende Darstellung der Tätigkeit dieser merkwürdigen Organisation, eine allseitige Würdigung ihres Einflusses, ein scharf umrifsenes Bild ihrer Entstehung und ihres allmählichen Verfalls findet man weder bei Grätz, noch bei Harkavy. Vielleicht wird eine solche Arbeit überhaupt nicht möglich sein, weil die authentischen Protokolle der Sitzungen zum großen Teil verloren gegangen sind. Zu den bereits aufgefundenen Bruchstücken in den Gemeindebüchern Lembergs und Krakaus fügt L. der Veröffentlichung im hohen Maße würdige neue Excerpte aus dem Posener Kscherimbuch. Wir erfahren daraus Näheres über den Machtbereich und die Besoldung der Ländervorsteher, über die Zusammensetzung der Rabbinergerichte auf den Synoden; Mitteilungen über Fuhrlohntarife, über Verkehrshindernisse, Steuerverhältnisse, Kreditwesen, Luxusverordnungen haben allgemeines kulturgeschichtliches Interesse. Wir sehen, wie man bemüht gewesen ist, gegen die von judenfeindlichen Geistlichen und Adligen ausgehenden Ueberfülle jüdischer Reisenden Abhülfe zu schaffen. — Wie die Bestimmungen sich auf ganz verschiedene Lebensgebiete erstrecken, veranschaulicht die Klage gegen die nachlässigen Drucker, deren Bücher für Lernende schwer zu benutzen seien. 6451

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