Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606475--9196-9606485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 178. Israelitische Wochenschrift. Nr. 13 Welche Verfassung wird ihr als Ideal vorschweben? darauf weiß der Herr Verfasser natürlich nicht zu antworten." Sollte es wirklich Ihrem Scharfsinn entgangen sein, daß mein ganzes Buch eine Beantwortung dieser Frage ist? — Aus welchem anderen Grunde habe ich mich an das jüdische Volk gewendet, als weil ich die Ueberzeugung gewonnen habe, die ich auch überall zu begründen suchte, daß gerade dieses Volk berufen ist, die zukünftigen Institutionen, den „Geschichtssabbath", den es zuerst verkündet hat, auch zuerst zu verwirklichen? Religion, Philosophie und Politik lassen mich kalt, wenn sie die Lage der arbeitenden Klassen nicht durch Institutionen verbessern helfen, welche jedem Kastengeiste, jeder Klassenherrschaft ein Ende machen. Das Judentum kennt aber keinen Kastengeist und keine Klassenherrschaft. Der Geist des Judentums ist ein sozialdemokratischer von Haus aus. Der Geist des Judentums, ich wiederhole cs, ist der Geist der Juden. Die Wurzel seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schöpfungen liegt nicht im Himmel, sondern im Geiste und im Herzen unseres Volkes. So lange dieses Volk einen gemeinsamen Boden hatte, auf dem es seinen Geist frei entwickeln konnte, verwirklichte es ihn in Institutionen und einer Literatur, welche für die Gesamtmenschheit die Bürgschaft ihrer Vollendung enthält. Seit dem Untergange des jüdischen Staates konnte es nur das Geschaffene durch Observanzen heilig halten, welche einen rein konservativen Charakter haben. Es liegt kein Widerspruch darin, wenn ich den Geist der alten jüdischen Institutionen als Basis der zukünftigen betrachte, ihn darum durch Observanzen konserviert wissen will, welche sich nur an die alten Institutionen anschließen können, und dennoch glaube, daß gerade dieser Geist, wenn er sich wieder auf dem Boden der Väter frei entwickeln kann, die Macht haben wird, neue Gesetze nach dem Bedürfnisse der Zeit und des Volkes zu schaffen. Die konservativen Observanzen des Judentums haben nur für uns Juden eine Bedeutung, nämlich die, unsere Nationalität für zukünftige Schöpfungen zu konservieren. Diese dagegen werden, wie die alten, als freie Geistesproduktionen wieder einen direkten Einfluß auf die gesamte Menschheit haben, und ich glaube, wir dürfen uns für die zukünftigen Schöpfungen unseres Volkes mindestens in gleichem Maße interessieren, wie jedes andere nach Wiedergeburt ringende Volk für die seinigen. Ihre theoretischen Einwürfe, die doch meine ganze Weltanschauung, mit welcher mein jüdischer Patriotismus steht und fällt, unberührt ließen, wären somit beseitigt; ich hätte nur noch den einzigen praktischen Einwand zu beleuchten, den Sie gegen die Möglichkeit einer nationalen Wiedergeburt unseres Volkes erheben. Allein ich fürchte. Sie und Ihre Leser durch längere Erörterungen zu ermüden. Ich werde mich daher kurz fassen. Es handelte sich um die Sprache einer jüdischen Nation. Sie geben zu, daß die hebräische Sprache in unserer Zeit wieder kultiviert wird, wenn Sie auch das Aufblühen der neuhebrärschen Literatur von der Mendelssohnschen Schule her datieren. Daß im westlichen Europa, von dem ich überhaupt, wie Sie wissen, kein Kontingent für den neuen Staat erwarte, Neu-Orthodoxe sich der deutschen und französischen Sprache bedienen, ändert nichts an der Tatsache, daß man sich im östlichen Europa zur Verständigung mit den dort so zahlreich lebenden Juden hebräisch geschriebener Zeitungen und Zeitschriften bedient. Aber, wenden Sie ein, im Leben sprechen die jüdischen Volksmassen drei verschiedene Idiome, jüdisch.deutsch, spagnolisch und arabisch. „Und diese Elemente", rufen Sie aus, „sollten sich zu einer Nationalsprache vereinigen können? Der Herr Verfasser wird hierauf schwerlich anders als mit einem entschiedenen „Nein" antworten; damit hat er aber das, was er die nationale Wiedergeburt Israels nennt, für ein eitles Phantasiegebilde erklärt!" Und Sie, wenn man Sie fragte, ob in Ungarn, wo mehr als drei grundverschiedene Sprachelemente herrschen, diese Elemente sich zu einer Nationalsprache vereinigen können, würden Sie auch hierauf mit einen entschiedenen „Nein" antworten und damit allen ungarischen Patriotismus für ein eitles Phantasiebild erklären? Beruhigen Sie sich; die Sprachverschiedenheit hat noch keine — außer beim babylonischen Turmbau. — Gesellschaft verhindert, sich zu organisieren, weder sonst noch jetzt, weder in den romanischen, noch in den arabischen und germanischen Ländern, weder in Frankreich, noch in England, weder in Belgien, noch in der Schweiz; sie wird auch in Ungarn und in Judäa kein Hindernis sein. — Jede neue Gesellschaft verschmilzt entweder die vorhandenen Sprachen, wie dies im Mittelalter der Fall war, zu einer neuen; oder sie kultiviert neben den verschiedenen Volkssprachen eine gemeinsame, offizielle, literarische Sprache, wie es gegenwärtig zu geschehen pflegt; oder endlich, es bildet sich neben der Landessprache eine Weltsprache, wie sie uns bei dem täglich lebhafter werdenden Weltverkehr wahrscheinlich die Zukunft bringen wird. Wir haben jedenfalls keine babylonische Sprachenverwirrung mehr zu befürchten. Der fortschreitende Prozeß des Geistes ist, wie jener des sozialen Lebens, kein Scheidungsprozeß mehr, sondern ein Streben nach Einheit und Universalität, nicht nach einer verflachenden, sondern nach einer lebendigen, organischen, welche das Individuelle und Nationale als das eigentlich Schöpferische in sich birgt und heilig hält. Die Politik. Kenricl kommt wieder. Antisemitische Blätter verkündeten freudestrahlend, daß der „erste und volkstümlichste antisemitische Führer", Dr. Ernst Henrici, aus Baltimore, wo er seit Jahren als Ingenieur tätig war, nach Berlin zurückzukehren gedenkt. In einem Brief an Professor Förster teilt er über den Grund seiner Rückkehr folgendes mit: „Die vieljährige Arbeit in der amerikanischen Industrie hat mich „nerven-kaput" gemacht; ich werde meine Stellung aufgeben, weil das Werkzeug verbraucht ist. Aber schön war es, das Bauen! Es wird mir irr Deutschland nicht schwer fallen, zu erwerben; ich denke, ich bin nicht unpraktisch." „Nerven-kapute" Antisemiten scheinen ja in Deutschland ein sehr begehrter Artikel zu sein. Die Nerven des Grafen Pückler haben sich wohl etwas gebessert; denn er schweigt und fährt wieder den Dünger in Klein-Tschirne. * * * Ittdenfeindliche Deklamationen. Wie der „Krymskij Wjestnik" aus Simferopol meldet, hat der christliche Gemeinderat Duwon in der letzten Sitzung der Duma folgende Erklärung abgegeben: „In den Straßen unserer Stadt werden Proklamationen verbreitet, in denen die Juden als Feinde Rußlands hingestellt und die Russen zur Ausrottung dieser angeblichen Feinde aufgefordert werden. Der Gemeinderat darf derartige Erscheinungen nicht ignorieren. Er muß seine Entrüstung gegen die Entfesselung des Rassenhasses ausdrücken und den Gouverneur auffordern, Mittel zur Verhütung von Exzessen gegen die Juden zu ergreifen". Die Duma gab dieser Aufforderung