Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 13. Israelitische Wochenschrift. Seite 177. rekonstruieren, wobei ein großer Gewinn für die Wissenschaft und das Leben herauskommt — sondern nur deshalb das Konkrete in seine Bestandteile zerlegt, um von demselben zu abstrahieren und an deren Stelle das „Wahre" zu setzen, welches wieder nichts ist als das subjektive Belieben des Dialektikers, der irgend eine beliebige Seite seines analysierten Objektes als das allein Wahre festhält. — Man hat bei dieser Art Dialektik nur zu zeigen, wie ein einzelner durch die Analyse gewonnener Bestandteil nicht das Ganze, folglich nicht das Wahre, in unserem Falle also nicht der wahre Patriotismus sei. — Durch diese Operation eliminiert man, was einem unbequem ist, um nur dasjenige als das „Wahre" übrig zu behalten, mit welchem man am leichtesten fertig zu werden hofft. Zuerst eliminieren Sie als unwahres Objekt des Patriotismus „die Berge und Täler, Fluren und Flüsse des Vaterlandes", natürlich auch die „Früchte" desselben, die mir von meinem Großvater gezeigt wurden, sodann die ganze patria naturae oder loci, die Sie so mühsam aus mehr als zwanzig Belegstellen als das Objekt des jüdischen Patriotismus zusammen gesucht haben, um nur die patria civitatis oder juris, die Institutionen des Vaterlandes, als würdigen Gegenstand der Liebe, als das Objekt des „wahren" Patriotismus übrig zu lassen. — Jetzt haben Sie leichtes Spiel mit dem jüdischen Patriotismus: „Welche Institutionen", fragen Sie, „hat aber der Herr Verfasser bei seinem palästinensischen Patriotismus im Auge?" — Mich geniert nur, wie Sie meinen, der alte Opferkultus, dessen Restituierung doch in dem altjüdischen Kultus, in welchem ich kein Gebet verstümmelt wissen will, erfleht wird. Also ein doppelter Widerspruch! Ich glaube nicht an die Wiederherstellung des Opferkultus im zukünftigen jüdischen Staate, spreche mich doch für den altjüdischen Kultus in der Gegenwart aus und muß den einzigen würdigen Gegenstand des Patriotismus, die Institutionen meines Vaterlandes, preisgeben. Denn es sind „ja nicht die Opfer allein, sondern auch die übrigen Institutionen", welche ich fallen lassen muß, da ich „kaum in der Lage sein dürfte, auch nur einem kleinen Bruchteil derselben einen Platz zu reservieren." Sie vergessen bei diesem ganzen Räsonnement nur eine Kleinigkeit. Sie selbst, Herr Redakteur, haben schon vorher die Basis desselben, die Institutionen, als den einzigen würdigen # Gegenstand des Patriotismus fallen gelassen und müssen daher auch schließlich Ihre ganze Operationsbasis ändern. Bei den „Institutionen" sind Sie nämlich auf eine Schwierigkeit gestoßen. — Völker und ganze gesellschaftliche Klassen können unmöglich, wenn sie auch über jede „gereizte Gefühlsstimmung" erhaben sind, Institutionen lieben, die sie als Parias behandeln. Dennoch findet sich auch bei ihnen, wie wir selbst täglich erfahren, Patriotismus. Man könnte hier wieder an die patria naturae, an gemeinsame Sprache, Geschichte und Abstammung denken. Sie beeilen sich daher zu erklären, daß auch hier nur die Liebe zu den Institutionen der ganze Inhalt des Patriotismus sei, aber — zu den Institutionen der Zukunft. — Nun erinnern Sie sich noch, daß auch ich die Institutionen der Zukunft „antizipiert" habe. Ja, diese bilden, wenn nicht den ganzen, doch den vorzüglichen Inhalt meines , ' jüdischen Patriotismus. Mit dem, was infolge Ihrer dialekö . tischen Methode als wahrer Patriotismus übrig geblieben, haben Sie kein so leichtes Spiel als Sie anfänglich glaubten. — Aber Sie wissen sich zu helfen. i, Einen „antizipierenden Patriotismus" hatten die Nichtadeligen in Ungarn vor 1843 und 1848, die deutschen Untertanen im Jahre 1813, wohl auch die Russen im Jahre 1812, r sowie andererseits alle Völker, die gleich dem französischen Volke im Jahre 1789 erst nach einem modernen Vaterlande ringen und streben. — Ein Volk jedoch gibts, ein einziges, bei welchem auch vom Gegenstände des „antizipierenden Patriotismus", von den zukünftigen Institutionen, abstrahiert werden muß. Nichtadelige Ungarn, deutsche Untertanen und russische Leibeigene können für eine Zukunftsidee schwärmen. Die Juden nicht. — Andere Völker, die sich jene Idee der Gerechtigkeit und Humanität, welche die Seele der jüdischen Geschichtsreligion ist, erst nach einem langen historischen Prozeß teilweise aneignen konnten, sind befähigt, dieselbe ins Leben einzusühren. Die Juden nicht. — Bei allen westeuropäischen Völkern ist die Lösung des großen sozialen Problems, an welchem sie seit der ersten französischen Revolution arbeiten, ohne sie noch gefunden zu haben, selbstverständlich; sie haben wohl, meinen Sie, ihre „Konstitution" schon in der Tasche? — Bei den Juden dagegen, die bereits im Altertume, soweit die damals noch unentwickelten Arbeits- und Verkehrsverhältnisse es zuließen, ihr Volksleben „nach mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen" gestalteten, ist die Lösung jenes Problems unmöglich. Wie kommen Sie dazu, allen anderen Völkern den Glauben an eine neue humanitäre Schöpfung, den jüdischen Glauben an die messianische Weltepoche zu vindizieren und ihn dem jüdischen Volke selbst abzusprechen? Vielleicht werden wir uns gegenseitig besser verstehen und dulden, wenn wir uns die Verschiedenheiten unserer Gesichtspunkte nicht verhehlen. — Ihnen ist der Geist des Judentums, sein schöpferischer Genius, sein Gott und Gesetzgeber ein jenseitiger. Hiermit will ich nicht sagen, daß Ihr philosophischer Standpunkt, den ich nicht kenne und den Sie ja selbst von Ihrem theologischen unterscheiden, ein supernaturalistischer — ich meine nur, daß für Sie wie für die ganze nichtjüdische Menschheit das schöpferische Wesen des Judentums, welches meiner Ansicht nach vom jüdischen Patriotismus unzertrennlich ist, ein jenseitiges geworden sei, weil Sie heute kein jüdischer Patriot mehr, sondern ein ungarischer geworden sind. Das Judentum hat für Sie nur noch die historische Bedeutung einer durch dasselbe den weltgeschichtlichen Völkern gewordenen, von diesen passiv empfangenen „Offenbarung", also die Bedeutung eines Bekenntnisses, nicht die einer stets aktiven Selbstosfenbarung. — Für mich dagegen ist der Geist des Judentums der Geist der Juden; der jüdische Gott ist der Gott unserer Väter, unser unveräußerliches Erbteil, an dem wir nicht bloß zehren, das wir zu weiteren Schöpfungen verwenden wollen. Sie wollen mich nicht zu jener modernen Religion, noch zum Patriotismus des ubi bene ibi patria bekehren. Sie haben in meiner Schrift finden können, daß und warum ich jene moderne Reformreligion für den Widerschein eines sozialen Auflösungsprozesses halte, daß und warum ich von der Wiedergeburt der Völker und auch die Wiedergeburt einer lebendigen Religion erwarte, die jedes Volk zu einem Volke Gottes gemacht. — Auch die Ungarn mögen, ich wünsche es ihnen von Herzen, ihre Wiedergeburt erringen, und ich halte es für eben so verdienstlich, aus den jüdischen, katholischen und protestantischen Ungarn ungarische Ungarn, als aus den ungarischen, polnischen, deutschen und anderen Juden jüdische Juden zu machen. Nur die Halbheit der modernen Fortschrittler ist mir zuwider, welche ohne alle Autorität reformieren und mit den Trümmern eines längst zerstörten Gebäudes den neuen Gesellschaftsbau aufrichten wollen. Bei den Juden wie bei allen nach Regeneration strebenden Völkern handelt es sich um kein Reformflickwerk, sondern um eine Neugestaltung des ganzensozialen Lebens. Worin aber, fragen Sie, wird diese Neugestaltung bestehen? „Von welchen Prinzipien wird sie geleitet werden?