Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 174. Nr. 13. Israelitische Wochenschrift.^ nur Israel, nicht die Menschheit? Weil man das Allgemein- | menschliche nur im Christentum sucht? . Was waren nun die Folgen des Gottes der Menschheit | und des nllgemeinmenschlichen Liebesgesetzes? Was immer i folgen muß, wenn man solch' einen Gedanken ohne Einzelsatzungen der Menschheit als Hauptsache predigt. Er bleibt Gedanke! Da das Thoragesetz mit seinen Einzelforderungen angeblich nur das Judentum betrifft, wird das Einzelgesetz verachtet — man liebt die Menschheit, aber nicht den einzelnen Nachbarn; die Menschheit, der man nichts zu schenken, die man nicht in Krankheit zu pflegen, die man nicht aus Not zu befreien nötig hat, weil sie nur ein Begriff ist. Nur das Eine geschieht, daß man über die ganze Menschheit jenem Liebesbegriff zufolge einen Glauben verbreiten will, sei es auch mit Hilfe von Scheiterhaufen oder von - Verlockungen und Hemmnissen aller Art. Der Menschheit zuliebe kann der Selbstsüchtige zum Fahnenflüchtigen werden; die Familie, die Nation, der engere Kreis verlangt" Treue, Selbstopferung! Das ist weit mehr. Also fort mit dem Aberglauben, daß die Liebe zum engeren Kreise die Liebe zum weiteren hindere. Sie erzieht vielmehr dazu. Darum konnte das nationale Judentum den Gedanken des Allgemeinmenschlichen neben allen Jore Deas und Orach Chajims, neben Untersuchungen über Lunge und Gebetsormeln hegen — seine nationalen Maggidim, sein Jesaia! Hurwitz im Scheloh, sein Ephraim Lenizyz im Oletoth Ephraim, | besonders sein berühmter Dubnoer haben an echt menschlichen Empfindungen und Gedanken so viel verbreitet, wie nur ein Kreis auf Erden. — Nun will Coblenz nicht nur das Nationale, sondern auch das Unbewußtnationale auf den Index stellen. Wer hat wohl die Kraft, mit dem Unbewußten in der Volksseele zu kämpfen? Wer ist eigensinniger Gedankenanbeter genug, den Tatsachen der Volksseele entgegen sich zu entsetzen, wenn Jemand am Barmizwatage seines Sohnes wahrhaft jüdisch empfindet, was doch so wahrhaft menschlich ist? Wenn Jemand dem Klange des hebräischen Wortes im Gotteshause sich nicht entziehen kann und dabei die Erinnerungen seiner Kindheit sich regen fühlt? Dann bedauere er es nur, daß unsere Zeit diese Empfindungen so selten erwachen läßt und knüpfe als Seelenkundiger an diese Saiten des Inneren zur Kräftigung des Judentums an, dann bedauere er es nur, daß das in unserer Zeit schwindende Reste zu sein scheinen, und suche sie zu etwas Ganzem zu beleben; dann bewundere er die Sicherheit, mit der die Volksseele solche belebenden Eindrücke unbekümmert um alle Stubengelehrsamkeit aufsucht, und sei zufrieden, daß sie die gelehrten Grenzlinien ablehnt. Wenn übrigens der Baum an seinen Früchten erkannt wird — besitzen wir nicht ein Geständnis von Coblenz, daß seine Bemühungen unfruchtbar sind? Wir wollen sehen. — (Schluß folgt.) Das hellenistische Judentum. Von Rabbiner Dr. Max Bcermann-Jnsterburg. III. Um die Heiden für die jüdische Lehre zu gewinnen, entfalteten die Juden eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Unter der Maske griechischer Dichter und Philosophen verherrlichten sie die jüdische Religion. Diesem Zweck dienten die jüdischen Sibyllenbücher, welche im Stil der bekannten heidnischen Wahrsagerinnenorakel dem Judentum Eingang in die Heidenwelt verschaffen wollten. Sie sind voll von Mahnungen zur Tugend, Warnungen vor Götzendienst, von Verheißungen einer kommenden Heilszeit. Es ist zweifelhaft, ob Virgil von ihnen beeinflußt ist, wenn er nach den Wirren des Bürgerkrieges den Anbruch einer Friedensära, des goldnen Zeitalters schildert: Ultima Cumaei venit iam carminis aetas Tu modo nascenti puero quo ferrea primum Desinet ac toto surget gens aurea mundo Casta fave Lucina. „Schon ist das letzte Zeitalter des sibyllischen Liedes gekommen. Sei du nur keusche Lucina dem Knaben hold, wenn er geboren wird, unter dem zuerst das eiserne Zeitalter aufhört und auf der Welt das goldene anbricht. Jener Knabe aber wird ein göttliches Leben führen und wird den besänftigten Erdenkreis mit väterlicher Liebe regieren." In beredten Worten preist die Sibylle die Nächstenliebe des jüdischen Volks: Eine breitstraßige Stadt gibt's im asiatischen Lande, Dorten bereitet der Reichere nicht dem Aermeren Kränkung Und betrübet die Witwe nicht, vielmehr leistet er Hilfe, Steuert der Not mit Weizen stets, mit Wein und mit Oele, Ja, dem Armen gewährt er den Teil von der eignen Ernte, Denn allen gab der Himmlische ja die Erde gemeinsam. Diese Bekehrungsschriftsteller legten Griechen, Dichtern und Philosophen Huldigungsworte für Israels Glauben in den Mund. So besingt ein Pseudophokylides und Pseudomenander die Schönheit der jüdischen Sitte.üehre, und Pseudohekataeus läßt den griechischen Sänger Orpheus im Psalmen- und Prophetenstil sprechen. Auch Nichtjuden äußerten sich zugunsten der israelitischen Lehre. So preist Strabo den Mose als den großen Weisen, der erhabenere Begriffe von der Gottheit habe als Egypter, Griechen und Lybier. Mose habe Egypten verlassen, weil er den Gottesdienst dieses Volks nicht billigen konnte, und bei seinem Auszug sei ihm eine große Anzahl tugendhafter Menschen nachgefolgt. Mose lehrte, die Gottheit im Geist und ohne sichtbare Abbildung zu verehren, Frömmigkeit in die Unschuld der Sitten und in die Tugend zu setzen und alles, was unanständig und ungereimt war, von dem Gottesdienst fernzuhalten. Das ist eine andere Sprach- und Anschauungsweise als in der antiken Judenhetzerliteratur, die in ihren Pamphleten seitenlange Märchen über die wegen Aussatz und anderer ihnen anhaftenden Krankheiten aus Egypten vertriebenen Juden und ihre merkwürdigen Abenteuer in der arabischen Wüste ihren vertrauensseligen Lesern vorschwatztcn. Der Polyhistor Varro rühmt die bilderlose Gottesverehrung der Juden und meint, daß diese auch bei den Römern in alten Zeiten üblich war, hätte dieser Gebrauch bei uns Römern Bestand gehabt, so wäre unsere Anbetung der Götter weit reiner. Dio Cassius verherrlicht ihre ideale Gottesverehrung in warmen Worten. Er sagt an einer Stelle, die der gewiß sprachbefugte Renan für die interessanteste aus dem klassischen Altertum hält: „Es gibt kein Götterbildnis zu Jerusalem, weil die Juden ihren Gott für unsichtbar halten, und darin übertreffen sie alle andren Völker". Irgendwo — ich erinnere mich nicht, bei welchem lateinischen Schriftsteller — wird das Judentum iustitia religione permixta genannt, „eine Gerechtigkeit mit Religion durchsetzt"; ein merkwürdig tiefes Wort, das trefflich das ethische Grundwesen des Judentums erfaßt hat; es klingt wie eine römische Umschreibung und Zusammenfassung des herrlichen Prophetenverses, der die Grundwahrheiten der jüdischen Religion predigt: Gott hat dies kundgetan, was gut ist und was er von dir fordert: „Liebe üben. Recht tun und in Demut wandeln in deinem Gott". Doch