Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · p. Seite 173

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606475--9191-9606480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 13. Israelitische Wochenschrift. Seite 173 ein Wagnis, sich noch einmal über etwas ähnliches zu äußern. Aber es muß sein. Coblenz hat in Brülls Monatsheften die Forderung aufgestellt, sich gegen die unbewußt noch fortdauernden Ueberlebsel zu wehren, durch welche auch auf der linken Seite des Judentums dessen Eigenarten gewahrt werden. Was dem deutschen Denken und Empfinden fremd ist, soll demnach als dem Wesen des Judentums nicht angehörig zu dessen Nutzen entfernt werden. Der ethische Monotheismus hat mit dem Speisegesetz nichts zu tun. Folglich muß damit, zumal es seit Saadia nicht zum Wesen des' Judentums gehört, aufgeräumt werden. Und doch nimmt es „bei den Rabbinatsprüfungen einen sehr breiten Raum ein!" Ja, ja, der böse Jore Deah mit seinem noch schlimmeren Sabbathai Kohen! Aehnlich steht es nach Coblenz mit der hebräischen Sprache beim jüdischen Gottesdienst. Und doch haben sich selbst die freisinnigsten Gemeinden nicht dazu verstanden, „die deutsche Muttersprache zur Sprache ihres Gottesdienstes zu erheben!" Noch immer wird der Knabe echt östlich im 13. Jahre Barmizwah. Noch immer ist „jeder Versuch kläglich gescheitert", eine spätere Altersgrenze festzuhalten. „Und noch läßt auch der freisinnige Jude seinen Sohn Barmizwah werden!" Die jüdische Orthodoxie gibt, wie der Katholizismus, nach Coblenz eine Entwickelung der Religionen nicht zu. Aber der Freisinn! Und doch? Es ist schwer, auf diese althergebrachten, durch die ernsten Tatsachen der Zeit längst überwundenen Anschauungen etwas zu antworten. Um so mehr, als Coblenz in anderen Teilen seiner Auslassungen selbst die Antwort darauf gibt. Allerdings ohne es zu wollen. Nach seinem Geständnis gibt es in Sachen des Bibelglaubens höchst freisinnige Leute, welche die grundsätzliche Preisgabe des Speisegesetzes „als ein Verbrechen gegen das Judentum" betrachten würden. Coblenz löst diesen Widerspruch selbst. „Wird das Speisegesetz einmal aufgegeben, so geht damit ein wesentliches Stück der besonderen jüdischen Eigenart für immer verloren; sie befürchten damit . . . allmählich eine Abnahme des jüdischen Bewußtseins . . ., die den Fortbestand des Judentums am Ende gefährde." Nun? Und? „Eine solche Furcht ist im Grunde nichts anderes als der Ausfluß nationalen Empfindens. " Und Coblenz ist nicht froh darüber, in unserer Zeit solche Befürchtungen noch vorzusinden? Er fühlt sich nicht dadurch beruhigt, daß solch ein Gegengewicht dem Abfall entgegenwirkt? Er hält nur das für heilvoll, was nicht auf eigenartig jüdischem Boden entsprossen ist? Er hält es für ein Glück, wenn alle jüdische Eigenart schwindet? Sagt ihm sein Gefühl denn nicht, daß das eine lebensunfähige Schulmeinung ist, die mit dem Leben und der Wirklichkeit nichts zu tun hat? Dann hat das Volk, die Gesamtheit, die rechts und links anders handelt und empfindet, als es ihm recht ist, ein sichereres Gefühl von dem, was das Judentum erhalten kann, als er. War es nicht oft so, daß geradlinig vorgehende Gedankeneiferer sich über die tausend unberechenbaren und unmeßbaren Einzelheiten, durch die etwas wird, besteht oder vergeht, getäuscht haben? Der „ethische Monotheismus" ist selbst nur ein Gedanke, wenn er mit keinem Inhalt erfüllt wird. Es ist dies nur eine Seite des Gottesgedankens, eine sehr wichtige, aber es ist das nicht der Gottesgedanke selbst. Das Sittliche ist eine Gottesforderung an uns, das, was wir menschlich nachzuahmen und zu verwerten haben. Der Ethik geht aber eine Weltanschauung voraus, dieser Weltanschauung liegt das Wesen Gottes zugrunde. Sonst droht sich der Gottesgedanke selbst zu verflüchtigen, indem er nach Fichte zum bloßen Wirkungsgesetze wird. Gott schafft» und erhält eine Welt des Beharrens und der Entwickelung zugleich, wo die geringste Pflanze durch den Boden und die Mutterpflanze bedingt wird, ihre Entwickelung der Entwickelung der früheren gleicht — und gerade das Judentum sollte eine Ausnahme machen? Auf Geschichte beruhend, mit der Geschichte mitwandelnd, aber im Vergangenen beharrend, darum stets sich entwickelnd, soll es mit einem Mal sich der Mittel seines Bestehens entäußern und mit einem Gedanken, wie hoch dieser auch stehe, in der Luft schweben? Hat die Geschichte die Probe auf die Wahrheit dieser Coblenzschen Anschauungen gemacht? Was wollten die Hellenisten, die Jason und Menelaus, anderes als Coblenz? Sind die Alexandriner, die zugunsten des Gedankens das Judentum der Satzungen aufgaben, Juden geblieben? In (Gegensatz zur Vergangenheit, zu den Entwicklungsgesetzen der Gesamtheit setzten sich Sadduzäer und Karaiten. Gedanklich enge Eiferer traten gegen etwas auf, was geschichtlich lebendig war, was sie aber nicht als vernünftig verstanden. Dieselben Entwickelungsgesetze haben sich an ihnen gerächt, sie mußten verkümmern und geistig verarmen, während das rabbinische Judentum im Vollbesitze dessen, was ihm stets die belebende Kraft gegeben, im Vergangenen beharrend, allen Zeiterscheinungen Neues abgewinnen konnte. Es ist wahr, wir haben zum Allgemeinmenschlichen, zur Verwirklichung der höchsten sittlichen Ziele zu wirken. Das ist aber nicht nur jüdisch, das ist allgemein menschlich. Allerdings hat das Judentum den Begriff des Allgemeinmenschlichen mit schaffen und verbreiten helfen. Aber das war ihm nur möglich, weil es sich nicht aufdringlich mit dem Allgemeinmenschlichen hervortat, sondern es als Folgerung seiner Gotteslehre und seiner Geschichte mit geboten hat. Kann nun jemand das Allgemeinmenschliche nicht seinem Wirken zugrunde legen, wenn „er die hebräische Sprache liebt mit der ganzen Glut des nationalen Empfindens, so daß sie dadurch die heilige wird?" Welche Bücherstubenenge! Welche schulstaubmäßige Abgrenzung der Empfindungen! Hätte man in Babel die hebräische Sprache preisgegeben, so wäre in Alexandria keine Bibel übersetzt und dem Griechentum als allgemeinmenschlich in die Hände gegeben worden; so Hütten spanisch-französische Bibelerklürer nicht die „hebräische Wahrheit" ihren christlichen Zeitgenossen überliefern können; so hätte kein Streit um den Talmud Luther die Wege gebahnt; so hätte kein Luther nach de Lyra und demnach nach Raschi die Bibel übersetzen können, so hätte kein Lowth sein Werk „de sacra poesi Hebraeoruni“ geschrieben und danach kein Herder mit seinem „Vom Geiste der hebräischen Poesie" der deutschen Dichtung, ja, Goethe selbst die Wege weisen können. Wir mußten zu diesem Zweck eigensinnig die hebräische Sprache wahren, lieben, wir konnten und können es nur, wenn sie nicht allein einigen Gelehrten bekannt ist, sondern als etwas Notwendiges dem Gemeindeleben in Gotteshaus und Schule zugrunde liegt. Daß dadurch der Mensch dem Vaterlande und der Menschheit entzogen wird, hat Spanien, wie das sefardische Geistesleben in Amsterdam nicht bewiesen. Wohl aber zeigt der Vergleich mit dem jüdischen neuzeitlichen Forschen (die letzten Jahrzehnte allein genommen) keine Vertiefung der wichtigen religiösen und philosophischen Fragen, die in den Zeiten Nachmanides und Aderets das ganze Judentum im Geisteskampf bewegten. Woher übrigens diese Furcht vor dem Nationalen? Weil seit den Gnostikern man stets nachredete und nachdruckte, der Gott des Judentums sei nur der Gott Israels und nicht der Menschheit? Das Liebesgesetz des Judentums betreffe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.