Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 172. Israelitische Wochenschrift. Nr. 13 der bewußtlosen Natur aufzugeben und den vernünftigen Institutionen des freien Geistes zu huldigen. Die Naturgebilde müssen willenlos den gegebenen Gesetzen sich fügen und in ihren einzelnen Geschlechtern sich abschließen. Die moderne Zeit betrachtet daher als einendes Volksband bald die Sprache, bald die Staatsverfassung, selten aber die Abstammung und am seltensten die Religion. Aus dieser Sphäre des Gefühls in die des verständigen Denkens ward der Mensch vom Genius der modernen Zeit gehoben. In dieser erkannte der Mensch, daß das normgebende, von ihm stets göttlich verehrte Prinzip in ihm selbst sich manifestiert; er betrachtet daher dessen gesetzgebende Stimme nicht mehr als die Gottes, sondern als die seines eigenen neben Gott bestehenden Geistes, und stieg durch diese Erkenntnis aus der passiven Objektivität zur aktiven Subjektivität empor. Nicht gegebene Gesetze, sondern selbst entworfene Institutionen wurden volksbildende Elemente; nicht mehr gesammelte Orakelsprüche, sondern die vom Richter gefällten Urteile bildeten den Inhalt des Gesetzbuches. Dadurch trat die Souveränität Gottes als Oberhaupt des irdischen Staates immer mehr in den Hintergrund; der gesetzgebende Mensch wurde Oberhaupt des Staates und brach vermöge der Autonomie des denkenden Geistes alle von der bewußtlosen Natur gefaßten fatalistischen Volksbande entzwei. Der Mensch, der Träger des freien Geistes, muß seine Freiheit gerade darin zeigen, daß er diese separatistischen Naturfesseln, wie Abstammung, Geburt, Religion, nach und nach bricht, jeden Kastengeist im Volke sowohl, als auch in den Völkern verbannt, bis er endlich diejenige Höhe erreicht hat, auf der alle Menschen, dem Ideal des geistigen Lebens folgend, als Geschöpfe des Geistes und nicht mehr als solche der Natur auftreten. Die Reinheit an einer ausgedehnten Familie gegen das Eindringen fremdartiger Elemente zu behaupten, war, wie gesagt, das volksbildende Prinzip der alten Welt. Der Mensch ließ sich nach objektiv gegebenen Normen wie Glieder der Natur in Rassen einteilen und behauptete, auf dem ihm angewiesenen Gebiete gegen alles Fremdartige partikularistisch sich abschließend, wie die Natur ihre Nassen gegen Abarten schützt, streng seine Eigentümlichkeit. Darum behauptete auch das Judentum der alten Welt, so lange es gegen das gewaltige Eindringen heidnischer Elemente kräftig zu kämpfen hatte, den strengsten Partikularismus, zeigte die feindlichste Abstoßungskraft gegen alle heidnischen Völker, und stellte Vorschriften auf, denen es gegenwärtig bei den veränderten Verhältnissen nicht mehr huldigen kann. Jedoch zeigen beide, Heidentum und Judentum in diesem Partikularismus ihre gegensätzliche Verschiedenheit, insofern beider Ideale als reine Gegensätze sich darstellen. Heidentum ist Naturdienst; zeigt die Natur in jedem Klima einen besonderen eigentümlichen Typus, so muß auch das Volk eines jeden Klimas seinen eigenen Gott verehren. Das heidnische Volk läßt daher auch seinen Gott ausschließlich in seinem Vaterland residieren; der Inder am Ganges, der Egypter am Nil, sowie der Perser und Grieche nur in seinem Geburtsort seinen Gott findet. Deswegen umklammert das heidnische Volk krampfhaft die Erdscholle, die es gebar; denn es fühlt, daß, getrennt von diesem, es hinwelkt, wie die entwurzelte Pflanze. Das Judentum dagegen erkennt die Natur zwar als Gottesgeschöpf, belebt durch Gotteäodem; doch ist sein Gott hoch erhaben über der Natur und findet nirgends im Dasein einen ihn fesselnden Wohnsitz. In dem Tempel läßt der Jude nur den Namen, die begeisternde Herrlichkeit seines Gottes thronen, ihn selbst aber kann nicht ein Himmel, nicht ein Himmel der Himmel fassen. Das Judentum ist an keinem Boden angewurzelt, weshalb sein nationaler Partikularismus nicht wie der des Heidentums eine wesentliche, sondern nur eine transitorische Bedeutung gewinnt. Darum zeugte nicht nur Palästina seine Makkabäer, sondern ein jedes Land seine Märtyrer, die der Erhaltung des Judentums das Leben opferten. Die Eigenart des Judentums besteht eben darin, daß es zur Entfaltung seiner Geistes- und Gemütskräfte, daß es zur Erfüllung seiner welthistorischen Aufgabe nicht eines räumlich abgegrenzten Landes bedarf. Israel war ein Volk, noch bevor es ein Land besaß. Denn nicht Palästina, sondern die Lehre, die Moses uns geboten, ist das Erbe der Gemeinde Jakobs. Die heidnischen Völker des Altertums waren nur solange stark, als sie, gleich dem Helden in der Sage, an der Scholle ihres heimatlichen Bodens hafteten. Kaum aber fingen sie an, sich von dieser Scholle zu entfernen, da siechten sie schon auf ewig dahin. Das Judentum hing nicht an der Erde, sondern am Himmel, nicht am Zeitlichen, sondern am Ewigen; deshalb konnte dieses Judentum von keiner irdischen Macht vernichtet werden, und deshalb wird dieses Judentum leben, so lange diese Erde von Menschen bewohnt sein wird. Die nationale Selbständigkeit, die das Judentum durch die Begründung seines Staates errang, sie war ein Mittel zum Zweck; sie sollte ihm helfen, ungestört und ungehindert von fremden Einflüssen, in seine eigene Religion sich hineinzuleben. Nationalität und Universalismus, diese beiden Gegensätze, sie verschwisterten sich im jüdischen Volk und spiegelten sich sodann in dessen Lehren und Vorschriften abwechselnd in größerer oder geringerer Klarheit ab. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, in den Psalmisten ist der Blick von der Nation auf die ganze Menschheit gerichtet. Wieviel auch in der Bibel, in den geschichtlichen und prophetischen Teilen das Bild der Völkerkämpfe m ihrer ganzen Furchtbarkeit, Dauer und Mannigfaltigkeit vor uns erscheint, wie sehr auch hier und da die Erinnerung an die Familienverbände gewisser Völker hervorgehoben wird, die allgemeinen Prinzipien, die die Schrift verkündet, die Menschennatur, die Gottesanbetung, die Freiheit, die göttliche Vorsehung und Gerechtigkeit, sie kennen keinen Unterschied, keine Stammes- und Rassenunterschiede, sondern sie gelten für alle. Nationalismus, Universalismus und Glaubensgemeinschaft stehen einander durchaus nicht feindlich gegenüber. Das Menschenherz ist fruchtbar genug, um alle diese veredelten Anpflanzungen zu pflegen. Es kommt nur darauf an, das rechte Maß, die rechte Harmonie, die sittliche Uebereinstimmung zu finden, die zwischen ihnen bewahrt werden müssen. Denn erst da, wo der eine Moment sich an Stelle des andern stellen und es verdrängen will, wird jeder zu einem sittlichen Feind, und der daraus entspringende Fanatismus wird dann den Weg der Wahrheit und des Rechtes verlieren. Das Judentum war aber für uns nie die Quelle des nationalen Hochmuts, sondern blos die Quelle der Sittlichkeit und der sittlichen Erziehung für uns und für die ganze Menschheit, und mit dem Augenblick, wo diese Aufgabe verkannt w''rd, verliert es jeden Halt, bleibt es ein Körper ohne Seele. 3iir ikliiimjifitit« des iitibniiuftt Itatioimtru im GrWslklml der mdmiku Indril. Entgegnung von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preuß Stargard. Nachdem Seligkowitz und Jungmann in diesen Blättern über jüdisches Volkstum ihre Meinungen ausgetauscht, ist es