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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · p. Seite 163

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
Seite 163 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 12 Israelitische Wochenschrift. Seite 163. Berlin, 17. März. (Jüdische Arbeiterkolonie in Berlin.) Eine russische Arbeiterkolonie ist in den letzten Monaten am Gesundbrunnen entstanden. Sie setzt sich zumeist aus geflüchteten Reservisten zusammen. Die Polizeibehörde weist die Flüchtlinge als „lästige Ausländer" aus, wenn sie keinen Erwerb Nachweisen können, erteilt ihnen aber anstandslos Aufenthaltsscheine und gibt ihnen Invalid entarten, falls sie die Bescheinigung hiesiger Fabrikanten beibringen, daß sie von ihnen dauernd beschäftigt werden. Der größte Teil dieser Arbeiter ist jüdischen Glaubens und hat in Fabriken jüdischer Besitzer ein Unterkommen gefunden. Die Ankömmlinge werden von hiesigen Arbeitern angelernt, sie zeigen sich anstellig, müssen aber erst an rasches und fehlerfreies Arbeiten gewöhnt werden. Berlin, 17. März. (Die Mittelstand sbewegung und Herr Kommerzienrat Lissauer.) In der vorigen Nummer teilten wir mit, daß die Berliner Ortsgruppe der deutschen Mittelstands-Vereinigung neben Herrn Bruhn und anderen Mitgliedern auch Herrn Kommerzienrat Lissauer in den Vorstand gewählt hat. Herr Kommerzienrat Lissauer schrieb uns heute, daß er die Wahl abgelehnt hat. Düsseldorf, 18. März. (Eine Heinebibliothek.) Ende der achtziger Jahre waren bekanntlich für ein Heine-Denkmal in Düsseldorf Gelder gesammelt worden. Als sich der Errichtung eines Standbildes oder Loreleibrunnens Hindernisse entgegenstellten, löste sich der Denkmal-Ausschuß auf und der Denkmalfonds wurde unter Pflegschaft gestellt. Der Pfleger hat nunmehr nach Anhörung der ehemaligen Ausschußmitglieder und unter Zustimmung des Vormundschaftsgerichts aus dem Fonds eine Heine-Bibliothek erworben und diese nebst einer Heine- Büste und dem Rest der Gelder der Stadt Düsseldorf mit der Aufgabe überwiesen, die Heine-Bibliothek in der Düsseldorfer- Landes- und Stadtbibliothek als gesonderte Abteilung aufzubewahren, im selben Raum die Büste aufzustellen und den Rest des Fonds zur Ausschmückung des Raumes und zur Ergänzung der Heine-Bibliothek zu verwenden. Die Stadtverordneten-Versammlung hat, wie gemeldet wird, das Geschenk einstimmig angenommen. Es handelt sich dabei um eine Heine-Bibliothek, die der Leipziger Buchhändler Friedrich Meyer zusammengebracht hat; er hat gegen Weihnachten ein „Verzeichnis einer Heinrich Heine-Bibliothek" veröffentlicht, das die ganze ihm bekannt gewordene Heine-Literatur auszählt; etwa drei Viertel der aufgezählten Schriften sind in seinem Besitz und bilden die Sammlung, die jetzt nach Düsseldorf kommt und dadurch vor dem drohenden Geschick, nach Amerika verkauft zu werden, bewahrt wurde. Es befinden sich darunter nicht nur die verschiedenen Ausgaben Heinischer Schriften in Buchform, sondern auch viele Bände und Einzelnummern von Zeitschriften, in denen Heinische Gedichte oder sonstige Beiträge zuerst abgedruckt sind, desgleichen die entsprechende Literatur über Heine, von 1817 bis 1903, alles in allem über 1300 Nummern, wobei allerdings jeder Zeitschriftenaufsatz besonders gezählt ist. Es wird also in Düsseldorf kein Museum von Heine-Kuriositäten errichtet, sondern eine Grundlage für die wissenschaftliche Heine-Forschung gebildet, denn selbstverständlich soll die Bibliothek den Forschern in liberaler Weise zugänglich gemacht werden. Mülheim (Ruhr), 18. März. (Aufhebung des Schächtverbots.) Die „Mülheimer Zeitung" veröffentlicht folgende Bekanntmachung: „Das Schächten von Schlachtvieh im städtischen Schlachthof Hierselbst wird in Zukunft während der Betriebszeit unbeschränkt wieder zugelassen." Prag, 18. März. (Gegen die Demolierung des Prager jüdischen Rathauses.) In den tschechischen Blättern veröffentlichte gestern eine ganze Reihe tschechischer Techniker-, Künstler- und Schriftsteller-Vereine Prags eine Kundgebung, in der darauf hingewiesen wird, in welch rücksichtsloser Weise in den letzten Jahrzehnten bedeutsame historische und Kunstdenkmale in Prag vernichtet wurden. Zum Schluß legten fie\ Verwahrung ein gegen die von den Leitern der Assanierungsaktion geplante Demolierung des israelitischen Rathauses, das, ein reizendes Stück Barokstil, eine notwendige Ergänzung zu der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Altneusynagoge bilde. Prag, 18. März. (Die Erklärung der Konfessionslosigkeit ist kein Religionswechsel.) Der Karlsbader Arzt Dr. Hugo Stark erstattete im Jahre 1901 der politischen Behörde die Anzeige, daß er aus dem Judentum austrete und sich konfessionslos erkläre. Gleichzeitig meldete er auch die Konfessionslosigkeit seiner beiden damals noch nicht sieben Jahre alten Kinder an. Die Statthalterei und später das Ministerium für Kultus und Unterricht nahmen den Austritt Dr. Starts zur Kenntnis, verweigerten jedoch die Kenntnisnahme des Austritts der beiden Kinder mit der Motivierung, daß die Konfessionslosigkeitserklärung kein Religionswechsel im Sinne des Gesetzes sei. Dagegen richtete sich eine Beschwerde, die Dr. Stark an den Verwaltungsgerichtshof erhob und über die unter dem Vorsitz des Grafen Schönborn verhandelt wurde. Die Beschwerde wurde abgewiesen. Hof i. Bayern, 23. März. (Das Schächtverbot.) Die hiesige israelitische Kultusgemeinde hatte sich an den Magistrat mit einer Eingabe gewendet, ihr das rituelle Schächten im hiesigen Schlachthause zu gestatten. Eine hierzu vom städtischen Schlachthof-Jnspektor abgegebene Aeußerung weist insbesondere darauf hin, daß durch die neueste Schrift von Dr. Schwarz- Konstanz bewiesen sei, daß das Schächten in unserer Zeit keinerlei Berechtigung mehr habe. Der Magistrat erklärte, daß die Gründe, die bei den in den Jahren 1896—1898 geführten Verhandlungen zur Nichtzulassung des Schächtens von Schlachtvieh im städtischen Schlachthofe geführt haben, heute noch unverändert bestehen, und wies das neue Gesuch der israelitischen Kultusgemeinde ab. München, 18. März. (Prof. Osthoff über die akademische Freiheit.) In der hier erscheinenden Wochenschrift „Die Freistatt" spricht sich Prof. OsthofflHeidelberg über den Kampf um die akademische Freiheit aus. Er gibt zunächst seiner Genugtuung Ausdruck, daß der Angriff auf die akademische Freiheit so glänzend abgewiesen worden ist, spricht aber dabei auch aus, daß die Forderung einer gewaltsamen Unterdrückung der konfessionellen Verbindungen ein Mißgriff und selbst ein Verstoß gegen das Prinzip der akademischen Freiheit war, wenn auch an sich das Vorhandensein konfessioneller Verbindungen auf den Hochschulen und die Gründung immer neuer Korporationen von solcher Tendenz etwas Betrübendes sei. Prof. Osthoff führt dann weiter aus: „Noch ein anderes aber darf hier nicht verschwiegen oder übersehen werden! Dieselben Kreise der Studentenschaft, die jetzt dem Unkraut der konfessionellen Zerklüftung des akademischen Lebens so entschieden zu Leibe gehen, trifft bis zu einem gewissen Grade eine Mitschuld an dem Emporwuchern eben dieses Unkrauts. Die gegenwärtig glücklicherweise in unserer Studentenwelt wieder etwas eingedämpfte Hochflut der antisemitischen Bestrebungen hatte die Unduldsamkeit gegen die Kommilitonen jüdischen Glaubens gezeitigt, die Ausschließung der Israeliten aus vielen der tonangebenden Korporationen mit sich gebracht, und die Folge war das Aufkommen der exklusiv jüdischen Studenten-Verbindungen, auch einer „unerfreulichen Erscheinung", so gut wie es die Verbindungen klerikal-katholischen Charakters sind. Darf man sich wundern, wenn der Same der konfessionellen Absonderungs-

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