Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 6. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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23 von uns eine Ermittlung der Zeitalter verlangen, denen diese drei Bücher angehören. Es spricht nichts dagegen, sie zu Zeitgenossen Jeremias zu machen. Wem das nicht gefällt, der ist gezwungen, alle drei in die nachexilische Zeit zu versetzen. Von einander zu trennen sind sie nicht, und in andere vorexilische Zeiten gehören sie nicht hinein. Soll aber die Makkabäerzeit noch solche Bücher haben entstehen lassen? Das ist angesichts der Wachsamkeit der Ohassidäer sehr zweifelhaft. Zephanja weist in die Josiazeit, oder er wird selbst unecht. Die drei Ueberschriften unserer Prophetenbücher sagen garnichts. Wir schließen lieber mit einem Fragezeichen, als daß wir die Masse der Vermutungen um eine neue vermehrten. Und wenn wir in den Augen mancher unserer ganzen Arbeit den Wert nehmen — Selbstbeschränkung zugunsten der Wahrheit ist die erste Forderung, welche man an die Bibelwissenschaft zu stellen hat. Haben wir nur gewisse Ansichten für unmöglich hingestellt, so haben wir genug getan und einer besseren Erkenntnis den Weg gebahnt. Und werden unsere Aufstellungen mit berechtigten Gründen als gegenstandslos hingestellt, so nehmen wir jede Belehrung dankbar an. Auch das Zerstören ist ein Bauen, insofern es Neubauten veranlaßt. Nur der Stillstand, selbst auf dem Boden der Wahrheit, ist von Uebel. * Den hier vorliegenden Bemerkungen über Habakuk-Nahum-Joel, die aus sehr frühen Jahren stammen, haben wir die Form von Abreißblättern nicht ganz nehmen wollen, damit sie in gelehrter Starrheit ihre lebendige Wirkung nicht verlieren. Ein geübter Leser wird das Ursprüngliche darin von neu eingefügten Zusätzen wohl unterscheiden. Wir haben hier einen Vergleich zwischen den drei Prophetenbüchern geboten, sind sodann zu ihrem Verhältnis zu anderen Büchern und Stellen der Bibel übergegangen, haben ihre Einheit und Echtheit, wie ihren Gedankengang und dessen Bedeutsamkeit darzutun uns bemüht. Was hier nur angedeutet ist, liegt vor dem Kenner der Fragen mit genügender Klarheit; was dem Beurteiler ungenügend bewiesen scheint, tue ich gern später ausführlich dar. Es genügt mir, wenn ich eine Anregung zur erneuten Prüfung der jetzt herrschenden Anschauungen und damit einen Antrieb zu frischer wissenschaftlicher Bewegung gegeben habe. Litteraturbericht. Recensionen. Schriften zur Verteidigung des Judentums und seiner Lehre. 1. Zwei und zwanzigster Dericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Mit einer wissenschaftlichen Beigabe von Dr. J. Elbogen. Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch, Berlin 1904. 2. Das Judentum und das Wesen des Christentums. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher, V, 170Seiten. Berlin, Poppelauer. 3. Das Wesen des Judentums von Dr. Leo Bäck. 170 Seiten. Preis 2 Mk. (eleg. gebunden 3 Mk.). Berlin. Lamm. (2 und 3 sind Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums). Wann hat sich das Judentum nicht zu verteidigen gehabt? Wie viele hervorragende Werke aller Zeiten verdanken nicht diesem Zweck ihre Entstehung? Lesen wir auf einem Titelblatt ״die Religionsanschauungen der Pharisäer“, so brauchen wir nur zu fragen, ob die Arbeit jüdischen oder christlichen Verfassern angehört, um den Zweck des Angriffs oder der Verteidigung von vornherein zu ahnen. Der Vorteil erwächst den Kämpfern bei ihrer Darstellung aus der Veranlassung, daß sie die Erörterung durch den steten Blick auf den Gegner nicht ruhen lassen dürfen; das gibt der Abfassungsart eine Lebendigkeit, die bei bloß wissenschaftlichem Antriebe leicht fehlt. Elbogen versichert denn auch, daß er keine Apologie des Judentums, nur eine sachliche Beleuchtung seines Gegen- Standes geben wolle; er fügt aber mit Josephus hinzu, daß die Klarheit eines solchen Berichts die beste Verteidigung biete. Immerhin kann man sich beim besten Willen dieser Voraus- Setzung nicht entziehen. Verfasser hat vor Studierenden aller Fakultäten an seiner Lehranstalt Vorträge gehalten, aus denen diese Schrift emporgewachsen ist. Jedenfalls wollte er durch dieses Mittel der Wirkung der Harnackschen Vorlesungen entgegenarbeiten. Verfasser ist sich der Schwierigkeit des zu behandelnden Gegenstandes wohl bewußt und begnügt sich, indem er auf jetzt noch unmögliche Ziele verzichtet, mit der Feststellung des Tatbestandes. Aber diese Selbstbeschräakung gerade kennzeichnet den Meister, der genau das Mögliche vom Unmöglichen unterscheidet. So nahe vor ihm die Gefahr sich befand, schon angesichts seiner jugendlichen Zuhörer Begeisterung durch beständiges Arbeiten von Scheinwerfern zu erregen, so maßvoll und sachlich ist er geblieben. Er hätte auch zu schönfärberischen Auslassungen weder Zeit noch Raum gehabt. Er gibt sich möglichst wenig mit dem Herrorkehren seines eigenen Ich ab, da er eine unermeßliche Fülle von Tatsachen zu bieten hat; da reiht sich Beleg an Beleg aus dem Gebiete des hellenistischen und rabbinischen Schrifttums mit steten Hinweisen auf gegnerische Ansichten und auf die bezüglich der Pharisäer gestellten Fragen der Wissenschaft. Bei Josephus findet sich noch keine Spur vom üblen Beigeschmack des W70rtes ״Pharisäer“. In dessen .Jüdischen Krieg“ findet man allerdings nur wenig über sie, in den ״Altertfiümern“ mehr, da ein Teil der Aeußerungen Josephus über die Pharisäer durch christliche Hände getilgt worden sind, soweit sie der Zeichnung in den Evangelien nicht entsprechen. Aeußerungen von Römern über Juden hatten ihren Grund in staatlichen Gegensätzen; haben sich doch andererseits hervorragende Römer und Römerinnen in jüdischen Kreisen und Gotteshäusern sehr wohl gefühlt Die Evangelien sind als Streitschriften nur mit Vorsicht zu benutzen. Der Hellenismus bietet, von Juden wenig benutzt, zum Teil sich mit der Rechtfertigung Gottes und mit großen Zukunftsträumen befassend, nicht unbedingt Brauchbares und Glaubwürdiges. Dagegen hat das Judentum an sich seine Anschauungen im Talmud und den Midraschim niedergelegt. Da findet man eine Fülle unbeabsichtigter und darum um so getreuerer Zeitschilderungen und Stimmungsbilder. Verfasser benutzt seine Quellen nur bis zur Zeit Akibas, schenkt aber auch der Agada der alten halachischen Midraschim Beachtung. (Fortsetzung folgt.)