Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 6. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sich vor dem Propheten und seinen die Zeitverhältnisse mitfühlenden Zuhörern in ein Heer! Diese Heuschrecken sind das Heer Gottes! Die Vorboten des Gerichts, der Feindesheere. Wie konnte man fragen, ob es Heuschrecken oder Feinde seien, oh man hier buchstäblich oder bildlich die Schilderung nehmen muß? Wem dies gewaltig Tatsächliche, dies Buchstäbliche nicht zugleich das Bildliche ist, vor wessen Augen sich diese entsetzlichen Heuschreckenscharen nicht in Heere mit Reisigen und Wagen verwandeln, der hat Joel nicht empfunden. Soll doch auch die urplötzlich eintretende Besserung der Dinge ein Bild der leuchtenden Zukunft sein. Welcher Prophet hat so unmittelbar die Wirkung des Gebetes, der vertrauensvollen Hingabe an die göttliche Gnade gepredigt, wie dieser Joel 218 ff.! Gott sprach in der Not, nun ist es Gott, der erhörend durch die Tatsachen des wiederkehrenden Flurenschmuckes zu seinem Volke spricht (2!9). Die Erkenntnis, daß Gott in Israel wohnt (227), ist keine durch Denken und Grübeln erlangte, sondern durch das Erlebnis der göttlichen Hilfe hervorgerufen. Daran schließt sich ganz folgerichtig die Weissagung, daß, wie jetzt sich Gott durch das inbrünstige Gebet, das vertrauensvolle Emporblicken auf Israel niedergelassen, einst sein Geist auf allen ruhen wird. Die Greise und Jünglinge sind dieselben, welche 12, 2!9 angeredet werden, dazu kommen noch Sklaven und Sklavinnen. 223 ergießt sich der Regen, 81 ergießt sich der Geist. Die Himmelszeichen 33 sind geröteter Himmel, und zwar durch Feuer, dessen Rauchsäulen bemerkt werden. Wer nun den Namen Gottes anruft, wie es in der Versammlung 1,2 geschehen, der übersteht die schweren Zeiten (Habakuk ״der Gerechte wird durch seine Festigkeit bestehen“), darum ist in Zion und Jerusalem, dem Schauplatze der oben dargestellten Bußversammlung, die Rettung, aber nur bei den ״Auserwählten, welche der Herr beruft“. — Alles neue, aus 1 und 2 sich ergebende, bei keinem Propheten so anschaulich und gewaltig sich bietende Begriffe. Nichts geistlich und priesterlieh Beengtes, sondern alles aus der Fülle lebendiger Anschauung und tiefer Empfindung der äußeren Vorgänge gefolgert. Gerade Joel zeigt uns den durch die Tatsachen waltenden und dadurch sein Volk erziehenden Gott. Schon oben (217) fragen die spottenden Völker ,,Wo ist denn ihr Gott?“ Die Völker werden zum Gerichte versammelt, weil sie Israel vergewaltigt haben. Das Gericht im Tale Josaphat geht in Gestalt eines Völkerkrieges vor sich (49), wo im Gegensatz zu Micha und Jesaia Sicheln und Winzermesser zu W affen werden. Dieser Kampf ist in seinen Wirkungen schon 33, 4 in sehr irdischen Zeichen angedeutet. Das Ergebnis dieser Kämpfe (der Völker unter einander) wird die Ruhe und Sicherheit Judas sein. — Wer hier in Joel einen Geist der Enge bemängeln wollte, der verkennt den Rechtssinn, welcher durch die Gewalttaten von außen her verletzt wird, verkennt das Mitleid und die Liebe eines Joel zu seinem vielgepeinigten Volke. Dies Gefühl darf, ja, muß zum Worte kommen, wenn auch das eigene Volk das Vergewaltigte ist und weil es das ist. Zeigen uns doch die drei Propheten, auch Nahum, darin den gleichen Geist. Habakuk fühlt menschlich mit seinem Volke, Joel empfindet tief dessen Leiden, Nahums Seele jubelt auf, da der Dränger Israels verschwunden ist und fühlt noch inderErinnerungJudas Schmerzen. Alle reden sie zu ihrem Volke, wollen dessen Bestehen, und es wäre eine sehr kleinmeisterliche Frage, ob sie nur Israel oder die Gesamtwelt im Auge haben. Sie sind in einem Fall nicht größer, noch kleiner, nicht mehr, noch minder wirksam, als im anderen. Weshalb aber soll Israel bestehen und glücklich sein? Habakuk fürchtet das Schwinden des Gottesgedankens mit Israel, Joel den Spott der Völker, die da fragen: ״Wo ist ihr Gott?“ und er betont, Gott sei doch in Israel. Gottes Gerechtigkeit ist es, welche die Ernte im vierten Kapitel notwendig macht. Und Nahum ist glücklich, durch den Fall Ninives Gott verteidigen zu können, ״der doch die Seinen kennt und das Dorngestrüpp der Bosheit beseitigt“. Die Vaterlandsliebe, die Liebe zum eigenen Volk ist hier ganz eigentümlich mit der Liebe zu dessen höchsten Gütern verbunden, der Lebenstrieb Israels ist vorwiegend der Lebenstrieb des Gottesgedankens und des Rechtssinns. Dabei ist es durchaus nicht ausgeschlossen, daß bei Habakuk die Erde von Gotteserkenntnis erfüllt ist, wie die Wasser das Meer bedecken“, daß bei Joel der Geist ״über alles Fleisch“ buchstäblich sich ergießt. (Wer das für unmöglich hält, muß vergessen, daß zum Glück und zur Ruhe Israels es notwendig ist, daß Friedensgedanken alle Völker durchwehen. Aber auch ohne dies — sollten Männer, die so Gewaltiges und Ewiges geschaffen, garnicht fähig sein, ihre Folgerungen vom eigenen Volk auf die Menschheit auszudehnen? Das ist weit leichter, als das Aufstellen der in ihnen waltenden Anschauungen und Empfindungen überhaupt. Die Frage: Israel oder die Menschheit? ist in ihrer Wichtigkeit an sich überhaupt überschätzt worden. Ohne Israel wäre sie nicht möglich gewesen, Israel war ihr stärkerer Förderer, aber sie ist in der Form ״ein Glaube für alle“ am meisten gegen Israel geltend gemacht worden.) Daß solche Stellen entlehnt und darum unecht scheinen? Unecht in jenem höheren Sinne, wonach etwas unwahr und minderwertig ist? Wenn die angeblichen Zusätze dem Ganzen einen höheren Gedanken geben, sind sie echter und wahrer als das Ganze außer ihnen. Aber es ist nicht ausgemacht, daß das Zusätze sind. Sehe man das gleichlautende «> icohpac 07$ rfi «vazTsc am Ende der Uedipe des Sophokles und Euripides. Denke man an gleichlautende Reime bei Goethe und Schiller. Denke man an Schillers Teil und Tschudi. Davor schwindet die Auffassung, daß die Großen Nichts entlehnen können. So kann Habakuk mit Bewußtsein dem Jesaia und Jeremia wichtige Stellen als Belege für die höchsten menschheitlichen Hoffnungen und Wahrheiten entnommen haben. Mit diesen Bemerkungen sind wir am Schluß unserer Erwägungen angelangt. Denn niemand wird