Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 149 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 149. Alliantt Zsraelitk Universellt. Am 6. März fand im Lokal des Brüdervereins die Generalversammlung des Berliner Lokalkomitees statt. Nachdem Rabbiner Dr. Weiße in einer Ansprache die Bedeutung der Alliance für das Judentum hervorgehoben hatte, erstattete der Schriftführer, Justizrat Dr. H. M. Cohn, den Bericht über die Tätigkeit der Alliance, insbesondere in den letzten beiden Jahren. Die Alliance hat zurzeit in 125 Elementarschulen 34 000 Schulkinder. Neu errichtet wurden im Jahre 1903 eine Knaben- und Mädchenschule in Bassorah (Golf von Persien), die Mädchenschule in Monastir und zwei Schulen in Chiraz; 1904 eine Knaben- und Mädchenschule in Janina, eine Mädchenschule in Aidin, ein Kindergarten in Jerusalem. Mt Beginn des neuen Schuljahres werden eine Knaben- und eine Mädchenschule in Sfax (Tunis) und Rodosto eröffnet, sowie eine Schule in Kermanschah (Persien). Sobald die Verhältnisse in Marokko sich gebessert haben, sollen Schulen in Mequinez, Alkazar und Mazagan begründet werden. In Tantah (Egypten) erfolgt die Eröffnung der Schule, sobald — das von der Gemeinde errichtete Schulgebäude vollendet ist. HW Vorbereitungen werden ferner getroffen, um in Jemen Elementar- und Handwerkerschulen zu errichten. Die Alliance hat im letzten Jahr für die Schulen 900 000 Frs. ausgegeben, wozu noch 600 000 Frs. Beiträge der Gemeinden und Schulgelder kommen. Die Gemeinden bauen und unterhalten ferner die Schulgebäude, sofern diese nicht aus besonderer Schenkung errichtet werden. Als Beispiel der letzteren Art erwähnte der Vortragende die vom früheren Präsidenten, Herrn Goldschmidt, erbaute deutsche Schule in Konstantinopel, und die jetzt fertiggestellte neu erbaute Schule in Jerusalem, ein Geschenk der Baronin Hirsch. Die letzte derartige Schenkung ist ein Geschenk des Herrn Kadoorie in Hongkong, welcher zur Erbauung einer Bagdader Schule für etwa 900 Schulkinder das Geld gestiftet hat. Für das von der Alliance unterhaltene Rabbinerseminar in Konstantinopel hat die dortige jüdische Gemeinde jetzt ein Haus geschenkt. Die Alliance hat im vergangenen Jahr ein Gut von 1800 Hektaren in Algier angekauft, auf welchem frühere Schüler der Ackerbauschule von Djedeida als Kolonisten angesiedelt werden. Besonders segensreich hat sich das erst wenige Jahre bestehende Schulwerk in Persien erwiesen, wo mit der Errichtung der Schulen die zu frühen Heiraten und die nicht seltenen Fälle von Polygamie verschwinden und die Ehescheidungen an Zahl rapide abnehmen. Insgesamt beträgt das reguläre Jahresbudget der Alliance, d. h. die Beträge, die sie einschließlich der Zuschüsse der Gemeinden rc. verausgabt, weit über zwei Millionen Franks. In das Jahr 1904 fällt die Eröffnung der neuen Bibliothek der Alliance in Auteuil, wohl der größten jüdischen Bibliothek, die zuletzt durch den Ankauf der großen Bibliothek von Bernhard Lazare vergrößert wurde. Die Tischlerarbeiten zu dieser Bibliothek sind ausschließlich von den Seminaristen des Lehrerseminars der Alliance gefertigt, die Tischlerei war ein Geschenk des verstorbenen Konsul Simon, der ein eifriges Mitglied des Zentral- Komitees der Alliance gewesen ist. Als einzelne größere Aktionen der beiden letzten Jahre erwähnte der Vortragende die Tätigkeit'in Rumänien (Unterhaltung von Schulkantinen und Darlehnskassen) und die Sammlungen für Kischinew, aus deren Ergebnis noch im letzten Jahr 115 000 Frs. zur Beihilfe an jüdische Gemeinden in Rußland, 100 000 Frs. zur Beförderung von russischen Auswanderern aus Galizien gezahlt wurden. Zu dem gleichen Zweck wurden auch kleinere Beihilfen an einige jüdische Gemeinden in Deutschland, wie z. B. Gollub (Westpr.) geleistet; auch das Berliner Lokal-Komitee hat in einer Anzahl von Fällen russische Auswanderer befördert. Die Unruhen in Stat (Marokko) erforderten einen Aufwand von 15 000 Frs., ferner wurden 8000 Frs. nach Fez, Rabat und Casablanca gezahlt. 7000 Frs. erhielten die Abgebrannten von Kutti und Zloczow. Der Vortragende sprach sodann über die allgemeinen Prinzipien der Alliance. Er zeigte an dem Lehrplan der Schule von Tetuan (der ältesten, gegründet 1862) und der Schule in Jerusalem, welchen großen Raum das Hebräische im Unterricht einnimmt, durchschnittlich in jeder Klasse wöchentlich mehr als zehn Stunden (in der untersten Klasse in Jerusalem mit Hebräischschreiben zusammen zwanzig Stunden wöchentlich). Abgesehen von Hebräisch werden in den Alliance- Schulen Arabisch, Türkisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch unterrichtet, das Deutsche in Jerusalem, den vier größten Schulen von Konstantinopel und Rustschuk. Eine Subvention von jährlich 2000 Mark erhält das deutsche Waisenhaus in Jerusalem. Zum Schluß betonte der Redner den Wert, den gerade das universelle Prinzip der Alliance habe; Baron Hirsch habe nach dem Muster der Alliance die I. C. A. international errichtet. Auf allen Gebieten, welche über die lokale Wohltätigkeit hinausgehen, sei die Alliance bahnbrechend gewesen, in der Errichtung von Schulen, von Handwerkerschulen, in Errichtung der jüdischen Ackerbauschule bei Jaffa, der ersten jüdischen Ackerbaukolonie und der ersten jüdischen Kolonie in Palästina. Endlich nicht zum wenigsten in der Auswandererfrage. Die Hunderte, welche die Alliance nach der Hungersnot von 1869 aus Rußland nach Amerika beförderte, haben, da sie wirtschaftlich gut fortkamen, das Beispiel zur Maffenauswanderung nach Amerika gegeben. Obgleich die Jahresbeiträge bei dem großen Budget der Alliance eine verhältnismäßig geringe Rolle spielen, könne sie natürlich immer mehr leisten, je mehr Einkünfte sie habe, und die Propaganda für sie in Deutschland sei, abgesehen von ihrer ruhmvollen Vergangenheit und ihren bedeutenden Leistungen in der Gegenwart, auch deshalb erforderlich, um den universellen Charakter der Alliance aufrecht zu erhalten. An den Vortrag schloß sich eine Diskussion, an welcher namentlich die Herren Dr. Bernfeld, Nathan und Rechtsanwalt Mendel teilnahmen. Die ausgelosten Mitglieder des Komitees, nämlich die Herren Heinrich P. Goldschmidt, R.-A. Dr. Hantke, Dr. med. Lehfeldt und Louis Rosenbaum, wurden wiedergewählt. Literarisches. Jüdische Zeitfragen von Ing. M. Ussischkin: Unser Programm. Wien. Verlag Zion. Dieses Buch beschäftigt sich in ausführlicher Darstellung mit Vorschlägen für eine Oraanisationsänderung der zionistischen Partei. Max Nordau: Mahä-R6g und andere Novellen. Berlin. Verlag Alfred Schall.