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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · p. Seite 148

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 148 (sequence 8)
Language
German
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Seite 148. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. würfen der frevlerischen Menge auf egyptischer Erde ausgehaucht haben. Unter Ptolemäus I. ums Jahr 270 vor der üblichen Zeitrechnung kamen viele Juden nach Alexandrien, trieben dort Handel und Gewerbe und wohnten zumeist im Deltaquartier. Sie übten wohl auch Flußschiffahrt, und die Hafenaufsicht soll ihnen unterstellt gewesen sein. In den Glaubenskämpfen der Makkabäerzeit flüchteten viele palästinische Juden nach Alexandrien. Sie schlossen sich den bereits dort wohnenden Stammesbrüdern an, pflegten wie sie Handwerk und Künste und eigneten sich allmählich griechische Bildung und Sprache an. Auch Philosophie und Dichtkunst, Staats- und Kriegswissenschaft machten sie sich zu eigen. Dabei vergaßen sie nicht ihre väterliche Religion. In allen Stadtteilen entstanden Synagogen (Proseuchen), von denen eine, eine Basilika mit doppeltem Säulengang, wegen ihrer Größe und Schönheit sich besonderen Ansehens erfreute. Die Erinnerung an sie lebt noch im Talmud fort. Sie sei so groß gewesen, daß ein Diener mit einer Fahne neben dem Vorbeter stehen mußte, um das Zeichen für die Beter zum Smgen der üblichen Responsorien (wie Amen, baruch schmo) zu geben, denn selbst des kräftigsten Vorbeters Stimme hätte diesen mächtigen Raum nicht zu durchdringen vermocht. Die Beter saßen nach Handwerksgilden geordnet. In Heliopolis hatte ein aus Jerusalem flüchtiger Hoherpriester Onias zur Zeit der vormakkabäischen Wirren einen Opfertempel nach dem Muster des jerusalemischen gegründet, an welchem Leviten und Priester den Dienst versahen, die sich der Religionsverfolgung in ihrer Heimat unter dem Syrerkönig Antiochus Epiphanes entzogen hatten. Diesen Onias machte Philometor zum Oberhaupt aller egyptischen Juden (Ethnarch) und überließ ihm zum Unterhalt des Tempels das Einkommen des Bezirks Heliopolis. Als militärischer Befehlshaber jenes Distrikts, Alabarch, stellte er dem König jüdische Soldaten zur Verfügung und übte das Aufsichtsrecht über die Häfen aus. Wiewohl sich die egyptischen Juden für die Heiligkeit des Oniastempels (Bet Chonja) auf ein Prophetenwort (Jes. 19, 9) beriefen, gedachten sie doch des Psalmenspruchs: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, dann vergesse mich meine Rechte" und spendeten für den dortigen Tempel reichlich. Von Egypten aus besiedelten die Juden allmählich Cyrene, Macedonien, Griechenland, Italien, wo sich in Rom eine größere Judengemeinde bildete; von Palästina aus kamen sie nach Syrien und Klein-Asien. Hier waren Damaskus und Antiochien Sitze einer zahlreichen Judenschaft. Daher singt schon ums Jahr 140 v. die Sibylle: Jedes Land ist von dir voll und jegliches Meer; und ungefähr hundert Jahre später schreiben Strabo und noch später Philo und Josephus, daß die Juden in jede Stadt der Oekumene (der bewohnten Welt) gekommen seien. An der Spitze der einzelnen Gemeinden in der Diaspora standen die Gerousia (Rat der Alten) oder die Archonten (Befehlshaber), als Beamte standen ihnen die Gemeindediener (Hypercteis) zur Seite. Die Leitung der Synagogenandacht und der Lehr- und Predigtdienst ward ehrenamtlich versehen. Die Vorsteher der Beerdigungs- und Wohltätigkeitsvereine führten den Titel Vater oder Mutter der Synagoge. Verdienstvolle Mitglieder der Gemeinde wurden durch Verleihung eines goldnen Kranzes und Gewährung eines vorderen Synagogensitzes geehrt. Da die Umgangssprache der hellenistischen Juden ein wohl stark hebraisiertes Griechisch war, so stellte sich auch das Bedürfnis heraus, die Bibel in griechischer Sprache zu lesen. Allmählich hatten sie ihr palästinisches Idiom verlernt, daher bedienten sie sich bei den gottesdienstlichen Schrifterklärungen des Griechischen. Aus diesen Uebersetzungen für den Synagogengebrauch entstand allgemach die griechischeBibel-Septuaginta, ganz so wie in Palästina sich feststehende aramäische Bibelübersetzungen durch die Arbeit der Meturgemanim (Uebersetzer in der Synagoge) bildeten, die sogen. Targumim. Die Sage läßt die Septuaginta durch 70 aus Palästina vom Hohenpriester Eleasar dem Ptolemäos Philadelphos gesandte Schriftgelehrte für die königliche Bibliothek übersetzt werden. In einem Palast auf der Insel Pharos hätte jeder Gelehrte in einem besonder« Zimmer die ganze Bibel übersetzt, und als man später die Arbeiten verglich, hätten sie wörtlich allesamt übereingestimmt, ein Beweis, daß der heilige Geist die Uebersetzer unterstützt habe. Alljährlich habe man den Gedenktag der Uebersetzung durch ein Fest auf der Insel Pharos gefeiert. Ob die Sage durch die Tatsache entstand, daß in der berühmten Bibliothek des Ptolemäus sich ein Exemplar dieser Uebersetzung befand, oder ob sie bloß die besondere Heiligkeit dieser Uebertragung betonen will, ist unentschieden. Die palästinischen Juden schlossen sich nur zum Teil dieser Verherrlichung der Septuaginta an. Es ließen sich Stimmen vernehmen, die den Tag. da die Bibel ins Griechische übersetzt worden ist, nicht als Festtag, sondern als Fasttag angesehen wissen wollten, als Unglückstag, gleich dem Tage, da Israel einst das goldne Kalb anbetete. Es spricht sich hier die Befürchtung aus, daß durch diese Uebersetzung die Kenntnis des Hebräischen und das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den palästinischen Juden immer mehr schwinden würde. Eine interessante Parallele hierzu bildet die Aufnahme der Mendelssohnschen Bibelübersetzung bei den deutschen Juden des 18. Jahrhunderts, die ebenso begeisterte Aufnahme wie energische Ablehnung erfuhr — aus ähnlichen Gründen. Die Freude»der griechischen Juden über das Gelingen der Uebersetzung und die Feier in Pharos wird verständlich, wenn wir erwägen, daß durch diese Verdollmetschung das Judentum zum erstenmal in abendländischer Gewandung auftrat, sich nun leicht allen Kulturmenschen Mitteilen und die Vorurteile gegen Israels Glauben zerstreuen konnte. Sorgfältig ist daher bei der Uebersetzung darauf geachtet, alles den Heiden Anstößige zu vermeiden. Dauernden Wert hat die Septuaginta für die Bibelforschung, da sie von unserm hebräischen Bibeltext abweichende Lesarten in griechischer Uebertragung aufbewahrt hat. Als später das Christentum sich der Septuaginta bemächtigte, verfaßte der jüdische Proselyt Aquilas im 2. Jahrhundert eine neue griechische Bibelübersetzung, wobei er die traditionellen Schriftdeutungen, wie sie in der Schule des Rabbi Akiba üblich waren, und den von den Rabbinen festgesetzten sogenannten masoretischen Bibeltext benutzte. „Schön bist du unter den Menschenkindern"; mit diesem Psalmenwort priesen die rabbinischen Freunde Rabbi Elieser und R. Josua den frommen Bekehrten ob seines wohlgelungenen Werkes. Diese Uebersetzung ist nur in Bruchstücken auf uns gekommen. Einige Teile hat man jüngst unter dem sogenannten Genisafund in der alten Synagoge zu Kairo auf Palimpsestblättern aus dem 5. und 6. Jahrhundert wiederentdeckt. (Fortsetzung folgt.)

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