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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · p. Seite 147

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 147 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Israelitische Wochenschrift. Seite 147. Man denke nur an die freisinnigsten Gemeinden Deutschlands, die in mancher Beziehung schon dem Zeitgeiste Rechnung getragen haben: die deutsche Muttersprache zur Sprache ihres Gottesdienstes zu erheben, haben sie bis jetzt noch nicht vermocht. Was auf diesem Gebiet bis heute erreicht worden ist, das sind nur unbedeutende Zugeständnisse, die der Zeitgeist sich mühsam erkämpfen mußte, und es bleibt ein Zeichen des unbewußt nationalen Gefühls, das auch in liberalen Juden lebt, wenn dieselben beispielsweise am Versöhnungstage lieber stundenlang unverstandene Gebete in fremder Sprache rezitieren, als daß sie, der Forderung des gesunden Menschenverstandes nachgebend, in ihrer Muttersprache an ihren Gott sich wenden. Ich meine, auch hier wäre es wirklich an der Zeit, mit den unbewußt nationalen Vorstellungen aufzuräumen. Die Vertreter des religiösen Freisinns haben die Pflicht, nicht bloß rhetorisch den Gedanken zu vertreten, daß nur das Gebet in der Muttersprache dem Herzensbedürfnis der Betenden entspricht, sondern auch praktisch diesem Gedanken zum Siege zu verhelfen. Als ein geradezu klassischer Beweis für das unbewußt nationale Empfinden, das selbst in vielen liberalen Juden noch lebt, erscheint mir die Stellungnahme der freisinnigen Elemente zur Barmizwah- Feier einerseits und zur Konfirmation der Knaben und Mädchen andrerseits. Gewiß wird niemand bestreiten wollen, daß die Barmizwah-Feier ihrem ganzen Wesen nach orientalischen Anschauungen entspricht. Die Erhebung des 13jährigen Knaben zum „Sohn des Gesetzes" hat nur Sinn, wenn man die Frühreife der Menschen in den Ländern des Orients in Betracht zieht; für unsere deutschen Verhältnisse paßt diese Altersgrenze nicht. Und dann: wie wenig ist die ganze Art der Feier geeignet, auf den Knaben eine nachhaltige Wirkung auszuüben. Trotzdem ist bis heute jeder Versuch der Reform auf diesem Gebiete kläglich gescheitert. Weder kann man sich dazu verstehen, die Feier hinauszuschieben, bis der Knabe reifer geworden ist, noch will man dieselbe umgestalten. Dabei fühlen alle das absolut Unangemessene, das mit Rücksicht auf unsere westeuropäischen Verhältnisse in dem ganzen Vorgänge liegt: und doch läßt auch der freisinnige Jude seinen Sohn Barmizwah werden. Die Zahl der angeführten Beispiele ließe sich noch vermehren; indessen wird jeder Unbefangene schon aus dem vorstehenden Materral die Ueberzeugung gewinnen müssen, daß der Zionismus nicht nur als geschlossene Weltanschauung auftritt, sondern auch in mannigfachen religiösen Bräuchen fortlebt, die als Ueberreste alter nationaler Sitten sich uns darstellen und mit dem eigentlichen Kern des Judentums nichts zu tun haben. Die Träger des Liberalismus in unserer Religionsgemeinschaft haben gegenüber solchen Erscheinungen die Pflicht, für die fortschreitende Entwickelung in den äußeren Formen unseres religiösen Lebens kraftvoll einzutreten und dadurch zielbewußt auf eine Läuterung unseres Zeremoniells hinzuarbeiten. Man könnte hier freilich einwenden, daß auch der Katholizismus insbesondere in seinem Gottesdienste mannigfache Bräuche aufzuweisen habe, die dem deutschen Wesen fremd sind und jeden Andersgläubigen eigenartig berühren. Was aber den Katholiken recht sei, das müsse uns Juden billig sein. Wolle man die besondere Eigenart gelten lassen, dann müsse man sie auch hier anerkennen. Indessen lehne ich einen solchen Vergleich prinzipiell ab. Die katholische Kirche gibt überhaupt in religiösen Fragen die Möglichkeit einer Entwicklung nicht zu. Sie will eine in sich vollendete Institution darstellen, die nach keiner Richtung hin der Läuterung bedarf und also auch nicht umgestaltet werden kann. Das ist dieselbe Auffassung, wie sie bei der jüdischen Orthodoxie herrscht, und unsere Orthodoxen haben demgemäß auch ein gutes Recht, sich auf den Katholizismus als eine parallele Erscheinung außerhalb des Judentums zu berufen, denn sie selber vertreten ja die katholische Richtung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die Liberalen aber wollen diese Richtung bekämpfen; sie treten als ihre grundsätzlichen Gegner auf und huldigen einer andern Weltanschauung. Wollen wir überhaupt Vergleiche von außen heranziehen, dann erscheint es viel angemessener, auf den Protestantismus hinzuweisen, der grundsätzlich die Entwicklung der Religion anerkennt und in dieser Auffassung den liberalen Juden außerordentlich nahe steht. Auf dem Gebiete der Bibelkritik haben wir uns daran gewöhnt, in den protestantischen Gelehrten die eigentlichen Bannerträger der Wissenschaft zu sehen, denen wir manches zu danken haben. Ich glaube, auch für die aufsteigende Entwicklung des religiösen Lebens können wir von ihm lernen. Geradezu typisch ist in dieser Beziehung das Verhalten der führenden Kreise des kirchlichen Liberalismus aus Anlaß des Falles Fischer. Der freisinnige Berliner Pfarrer Dr. Fischer hatte bekanntlich anfangs Januar auf dem Prolestantentage einen Vortrag gehalten, in welchem er ausdrücklich betonte, daß er jede Christus-Anbetung verwerfe. Als er dieserhalb von dem Brandenburger Konsistorium eine scharfe Rüge erhielt, wurde sofort eine große Protestversammlung abgehalten, in welcher einer der ersten theologischen Universitätslehrer, Professor Pfleiderer, als Hauptredner auftrat. Charakteristisch in seinen Ausführungen ist insbesondere der Satz: „Es gilt für uns, den alten Geist, die alte Wahrheit in neuen Formen darzubieten." Das heißt doch wahrlich die Entwickelung der Religion rückhaltlos anerkennen. Aber damit noch nicht genug. Eine ganze Reihe evangelischer Pastoren hat eine Sympathie-Erklärung für Dr. Fischer veröffentlicht, in der es unter anderem heißt: „Niemals war der Schutz der geistigen Unabhängigkeit des Pfarrerstandes nötiger als heutzutage. Wie ein Fluch lastet auf unserem Stande der Vorwurf der Unwarhaftigkeit .... Wir wissen, ... daß wir den Suchenden die Klarheit der Erkenntnis zu bringen, und denen, welchen die Elemente aller Religion zweifelhaft geworden sind, den Unterschied zwischen Dogma und Religion, zwischen der vergänglichen Form und der ewigen Wahrheit mit unbedingter Wahrhaftigkeit und Offenheit zu zeigen haben. Wir sehen in diesem Recht zugleich eine Pflicht, von deren Erfüllung wir nicht lassen können." Wie wohltuend berühren diese Sätze! Welch ernste Selbstkritik spricht aus jedem dieser Worte! Und ich meine, davon können wir lernen. Selbstkritik tut auch uns not, damit wir endlich einmal den Mut gewinnen, „den Unterschied zwischen der verfänglichen Form und der ewigen Wahrheit" durch zielbewußten Fortschritt auch im Judentum klar und bestimmt zu betonen." vas hellenistische Meliilim. Von Rabbiner Dr. Max Bcermann-Jnsterburg. I. Viele Jahrhunderte bevor durch die Römer dem jüdischen Staatsleben auf dem Boden Palästinas ein Ende bereitet wurde, lebten zahlreiche Juden außerhalb des heiligen Landes — in der Diaspora oder Galut (Zerstreuung, Exil). Als 538 jüdische Verbannte aus Babel zur Neubesiedlung Judäas heimkehrten, waren viele Tausende Israels in Babel geblieben; andre hatten fünfzig Jahre früher in Egypten eine neue Heimat gefunden. Jeremias, der mit Gewalt von seinen Landsleuten mitgeschleppt worden ist, soll seine Seele unter den Stein-

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