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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · p. Seite 145

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
Seite 145 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 146. Volkes ausgibt, unnatürlich und rechtswidrig ist, ganz besonders der Religion Israels widerspricht. Vielmehr wird die richtige Vereinigung der Nationalität und des Universalismus die Aufgabe und die sittliche Würde des Menschen ausmachen. Und blicken wir auf die Geschichte des Judentums, wie sie sich in ihrem Verlauf darstellt, so ist es gerade jene maßvolle Vereinigung von Nationalität und Universalismus, die sie von Anbeginn kennzeichnet. Nichts war geeigneter zu einer Vertiefung der Nationalität als das Judentum. Bei dem geringen Verkehr, den der Israelit im Lande seiner Väter mit dem Auslande hatte, wo noch dazu die auswärtigen Verhältnisse fast immer als feindliche erschienen, betrachtete der Israelit seine Nation als abgeschlossen, ja in Opposition mit der übrigen Welt. Demungeachtet hatte die geistige Anschauung des Judentums die ausgesprochene Tendenz zum Universalismus. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, in den Psalmisten, ist der Blick von der Nation aus auf die ganze Menschheit gerichtet. Je mehr die Religion in ihrer konkreten Erscheinung das Leben der jüdischen Nation zu ihrem Ziele nahm, desto mehr dehnte sie sich in ihrer Abstraktion auf alle Völker aus. Es läßt sich dieser Dualismus ferner durch alle rabbinischen Zeitalter verfolgen; er beginnt schon in leisem Anfluge in den ältesten Sprüchen der Väter, wird zu offener Spaltung in den Differenzpunkten Schamais und Hillels, und bekundete sich dann bei den in Mischna und Gemara auftretenden Lehrern, den rabbinischen Schriftstellern der geönäischen, arabisch-spanischen, französischen, italienischen, polnischen Periode bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Es würde die Grenzen einer Erwiderung überschreiten, wollten wir diese bloß im Umriß angedeutete Wahrnehmung hier ausführlicher aus den betreffenden Stellen Nachweisen. Nationalismus, Universalismus und Glaubensgenossenschaft stehen sich durchaus nicht feindlich gegenüber. Das Menschenherz ist fruchtbar genug, nur alle diese edlen Anpflanzungen zu pflegen. Familie, Religion, Vaterland und Menschheit haben nur einen gemeinsamen Feind — den Egoismus. Darauf zielt nun auch der Schluß meines Aufsatzes: „Das Nationalitätsprinzip mag ideell viel verlockendes haben; hüte man sich aber, es zu mißbrauchen. Es ist Zeit, daß es immer mehr zum Bewußtsein komme, wie die einzige, wahrhafte und dauernde Macht allein im Recht und in der Humanität besteht." Also, nicht von einer Betonung der Nationalität überhaupt, sondern von dem Mißbrauch ist hier die Rede. Herr Dr. Jungmann nennt es eine „seltsame Reflexion", aus der man die menschliche Natur ausschließt; wir könnten zwar wünschen, Engel zu werden, aber es wäre nur ein frommer Wunsch". Diesen Einwand hätte sich Herr Dr. Jungmann wirklich sparen können. Ist ihm der Begriff Ideal nicht bekannt? Auch Ideale sind nie erreichbar und trotzdem sollen wir nach ihnen streben. Allerdings ist die Stufenleiter, die zu dem Ideale führt, eine unendliche, und das erreichte Ziel nur eine wohltätige Täuschung, die unser Streben ewig in Atem erhält. Diese Täuschung hat gleichwohl für das Leben den Wert der Wahrheit; denn das Ideal ist die Seele aller Entwicklung, und das Leben müßte stillstehen, wenn der ideale Schein uns geraubt wäre. Herr Dr. Jungmann legt nun die Frage vor: „Sind wir noch eine Nation?" Nun, ich will aus meinem Herzen keine Mördergrube machen: wir Juden bilden jetzt keine Nation mehr, sondern nur eine Religionsgemeinschaft. Zwar sind wir von Abstammung Semiten, aber auch die andern Teile der deutschen Nation sind von Abstammung keineswegs alle reine Deutsche und Germanen, und teilweise sogar noch später in Deutschland eingewandert, als die Juden. In wie viele Stämme verteilt sich nicht manches Volk, in wieviele Völker manche Nation; aus wie vielen Volksstämmen setzt sich zum Beispiel die schweizerische zusammen? Von einem jüdischen Nationalcharakter kann aber auch keine Rede mehr sein, seitdem wir über alle Weltteile zerstreut sind und gleichsam zu einer anorganischen, atomistischen, formlosen Masse wurden. Die Religion aber kann in keinerlei Gegensatz zu den engeren nationalen Begriffen und Empfindungen stehen, sondern hat sich von ihnen eher emanzipiert. Es gibt unter Kulturvölkern keine eigentlichen nationalen Religionen mehr. Der jüdische Geist gedeiht in jedem Staat und unter jedem Himmelsstrich; Philo hat griechisch, Maimonides arabisch, Spinoza lateinisch, Mendelssohn deutsch geschrieben. Ein jeder von ihnen war Weltbürger, Jude und Patriot zugleich. Bei aller Neubelebung der nationalen Leidenschaften rücken die Völker einander immer näher, der Zeitgeist macht die Farben der Grenzpfähle erblassen, die Auffassungen fließen ineinander, ja die Physiognomien der Menschen selbst scheinen sich mehr und mehr anzuähneln. Zu diesem alle übertreibende nationale Engherzigkeit vor sich herfegenden Zug, der durch die Zeiten geht, mag es nun wenig stimmen, nun gar von jüdischer Seite an die Errichtung jüdisch-nationaler Schranken zu denken, hinter die wir uns flüchten und zurückziehen können. Dis Geschichte lehrt, daß der jüdische Kulturbegriff oft gerade da die herrlichsten Blüten zeitigte, wo er sich mit andern Kulturen traf und kreuzte, wie z. B. im Hellenismus. Die europäische Kultur hat aber trotz ihres religiösen Ausgangspunktes aufgehört, konfessionell zu sein. Soll nun der alte Gegensatz zwischen jüdischem und nichtjüdischem Kulturbegriff neu herausgesucht und womöglich verschärft werden? Zur lH'l:iiiii|itiiiiii des »»lieivulit nationalen im “ ~y ‘' der modernen Inden. Ueber dieses Thema hat der Rabbiner Dr. Coblenz in Bielefeld in Brülls Monatsheften einen Artikel geschrieben, worin er im Anschluß an Ludwig Geigers Aufsatz über „Die deutsche Literatur und den Zionismus" zu sehr charakteristischen Konsequenzen kommt. Eine Kritik dieses Coblenzschen Purimspiels werden wir aus berufener Feder bringen. Heute führen wir unseren Lesern den Artikel in seiner ganzen Originalität vor. Er lautet: „Es ist nicht genug, daß wir dem Zionismus als geschlossener Weltanschauung den Absagebrief erteilen, unser Kampf hat sich auch gegen die Ueberreste jüdisch-nationaler Eigenart zu richten, die unbewußt auch bei vielen liberalen Juden Westeuropas vorhanden sind und ausschließlich auf religiösem Gebiet hervortreten. Indem ich das sage, behaupte ich nichts Geringeres, als daß zahlreiche zeremonielle Vorschriften unserer Glaubensgemeinschaft im Grunde keinen religiösen, sondern einen nationalen Charakter tragen. Sie haben sich allmählich aus alten jüdischen Volkssitten heraus entwickelt, und ihr jüdisch-nationaler Charakter wird überall dort als erwiesen gelten müssen, wo sie unserm deutschen Denken und Empfinden fremd sind und durch die zum Teil noch heute herrschenden Volkssitten semitischer Stämme des Orients belegt werden können. In allen solchen Fällen aber bedeutet ihre Entfernung aus dem jüdischen Religionsgesetze nicht nur keine Schädigung des religiösen Gehaltes, C9$B

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