Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 144. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11 und die Geschichte und die Ethik, und dann fragt man sich: Sollen wir uns freuen und lustig sein? — Das ist krankhaft. Feiert die Feste, wie sie fallen, besonders die Freudenfeste! Wir haben so wenig davon. Uebrigens haben wir gerade nach den Erlebnissen der letzten Jahre ein wohlbegründetes Recht, Purim festlich zu begehen; denn in den Tagen von Susa haben die Juden sich nicht wie Lämmer von den rasenden Barbaren hinschlachten lassen, sondern sie bewaffneten und wehrten sich und gaben den persischen Vagabunden einen blutigen Denkzettel. Das ist ein Gedenktag, der einzig dasteht in der Geschichte der Juden von Susa bis Kischinew, und das könnte uns Grund genug sein, uns dieses Tages mit Stolz und Freude zu erinnern. vor Miliimdrrt Zahm. In den „Jüdischen Merckwürdi gkeiten" des Johann Jacob Schudt (Frankfurt und Leipzig, 1714) findet sich im Buch VI Seite 316—319 folgende interessante Schilderung: „Es ist auch eine Anzeigung ihrer sonderbahren Freude, daß sie zu solcher Zeit, wanns Purim-Fest ist, spielen; Wer ausführlichen Bericht verlangt von denen mancherlei) Spielen der alten Juden, wird davon vergnügliche Nachricht finden bey Herrn Wagenseil in der Beschreibung der Stadt Nürnberg Cap. 22, p. 164 seqq. Heut zu Tage haben die teutschen Juden, sonderlich in Francksurth, nur zweymal des Jahres zu spielen Erlaubnuß, als aufs Purim-Fest, so gegen Ende des Februarii fällt, und aufs Fest Chanuchah, oder der Einweyhung des Tempels, I. Mach. 4, 52. 88., dessen auch Joh. 10, 22 gedacht wird, so allemal den 25. des Monaths Kislev, so mitten im December (als anno 1713 war es auf Lucian den 13. December) fällt, da die Juden große Freude mit Lichter anzünden haben, und vorgeben, daß damals ein Krüglein heiliges Ohls gefunden worden, so nur einen Tag hätte brennen können, durch ein Wunder aber acht Tage gebrannt, bis man wieder neu heiliges Ohl verfertigen und herbeyschaffen können. Aus diese Feste spielen sie nun jedesmal acht Tage, wozu ihr Vorsteher irisgemein noch zwei Tage, daß es zehen sind, hinzu setzen, weil in solchen acht Tagen zwey Sabbath Täge, an welchem sie nicht spielen dörffen, einsallen, würden also nur sechs Spiele Täge haben, dahero werden auch zwei Täge zugegeben, damit die acht Spiel-Täge voll seyn; sie spielen aber nicht mit Würffeln (als was etwan liederliche Lumpen sind), dahero auch das Bretspiel bey ihnen rar ist, sondern mit der Karte allerley Spiel, als Kaufflabethe, Trischaken, a lombre &c. Anno 1711. Nach dem großen Brand hat die Francksurter Jüdische Gemeine einen Schluß gemacht, daß in 14 Jahren solche Spiele, aus Betrübnuß und Buße, sollen unterlassen bleiben, doch daß bey Kranken und Kindbetterinnen zur Lust, und ihnen die Zeit zu vertreiben, zu spielen vergönnt, und dann das Schach-Spiel, welches das ganze Jahr ihnen erlaubt ist, auch jetzo nach dem Brand, dahero auch einige vermögliche Juden solches Schach-Spiel ihre Kinder lehren und informieren lassen, weil es nicht so gewinnsüchtig, hingegen den Verstand schärffet, und nachdenklich ist. Weil nun aber diese beyde Spiel-Zeiten eben in die Heilige Zeit der Christen fallen, als das Purim in die Passions - und Ehanucha in die Adventszeit gegen Weynachten, so sind einige Christliche Lehrer nicht ohne Ursach auf die Gedanken verfallen, ob nicht solches mit Fleiß, und zur Beschimpfung der Christl. heiligen Zeit also von ihnen verleget worden, wie sie dann der Zeit, wie wir oben Cap. 17 8 20 ein Exempel angeführt, sonderliche Ueppigkeit treiben. Allein, weil diese Feste von unfern heutigen Juden nicht erstlich erfunden, sondern von Mardochai das Purim- und von Juda Machabäo das Chanucha-Fest, da man an unsere Christliche Feyer-Zeiten noch nicht gedachte, aus diese Zeit verlegt worden sind, auch von ihnen jederzeit mit allerley Lust, Freude und Kurzweil begangen worden, so wollte ich meines Orts die Juden eben mit solchem Verdacht nicht belegen; halte aber doch indessen dafür, um solch Aergerniß zu solcher heil. Zeit zu verhüten, die Christl. Obrigkeit könne sie mit allem Fug und Recht anhalten, daß sie entweder diese beyden Feste außer unfern heiligen Tagen auf andere Zeit verlegen, und alsdann nach Gefallen spielen sollten, oder, sie möchten diese Feste zu solcher Zeit feyern, dabey aber alles üppige Spielen und Boßheit unterlassen. Das erste wäre um so viel leichter, weil es nicht von Gott, sondern von Menschen eingesetzte Feyertäge sind; das andere aber, wo sie ja zu spielen so große Lust hätten, mögten sie sich andere Zeiten darzu bestimmen; müssen sie doch sonsten sich nach unserer Heil. Fasten-Zeit darein richten, daß sir keine Spielleuthe bey ihren Hochzeiten haben dörffen, wie wir dessen ein Excempel oben Cap. XVII. § 20 beygebracht haben. Nach hiesiger neuen Stättigkeit ist denen Juden alles Spielen (wie unten im Hl. Teil p. 169 zu sehen) in Franckfurt verbotten, wie es dann 8 41 lautet, auch sollen sie in der Stadt Franckfurt Gebiethen und Terminey nicht spielen, noch das gestatten oder halten, in gemein und insonderheit in ihren Häusern, bei den Poenen, und in der maßen der Rath sie antreffende gebotten und gesetzt hat. Sie spielen aber gleichwohl nicht allein für sich, sondern kommen auch wohl Christen zu ihnen, und spielen halbe und ganze Nächte mit ihnen." Die Orthographie, der Stil und der Geist dieser Schrift wirken noch komischer, wenn man daran denkt, daß 15 Jahre später Lessing geboren wurde. Noch einmal Nationalität und Humanität. Von Dr. B. Seligkvlvitz-Köthen. Veranlaßt durch eine Erwiderung des Herrn Dr. Jungmann-Berlin, in der letzten Nummer der „Israelitischen Wochenschrift", ergreife ich noch einmal das Wort zu dem Thema „Nationalität und Humanität". Schon die Zusammenstellung dieser beiden Begriffe erscheint dem Herrn Dr. Jungmann als eine willkürliche, „weil Nationalität etwas Ursprüngliches, von Gut und Böse Unabhängiges, die Humanität aber etwas Gewordenes, ein Produkt der Kultur ist". Hätte Herr Dr. Jungmann meine weitere Ausführung über die Antithese dieser beiden Begriffe mit etwas mehr Aufmerksamkeit verfolgt, so wäre ihm diese Kritik erspart geblieben. Ich sagte: „Je kräftiger daher unser Nationalgefühl entwickelt ist, um so ausschließlicher wird unser Interesse sich auf unser Volk beschränken, um so mehr stehen wir in Gefahr, aus Vorliebe für das eigene Volk die Pflichten der Humanität und der Gerechtigkeit gegen andere zu verletzen". — Also nicht das Nationalitätsprinzip an sich ist rechtswidrig und unnatürlich, sondern dessen übertriebene Akzentuierung, die nationale Engherzigkeit, wodurch man Gefahr läuft, das allgemein Humanitäre zu verleugnen. Beispiele hierfür bietet die Geschichte des Altertums, glaube ich, zur genüge. Uebrigens scheint Herr Dr. Jungmann die ganze Tendenz meines Aufsatzes mißverstanden zu haben. Die Tendenz meiner Ausführung ist: Ein jeder Universalismus, der die Nationalität verwirft und aufheben will, ist allerdings einseitig und unnatürlich. Wir scheuen uns aber nicht auszusprechen, daß die Nationalität, die den Universalismus gänzlich verleugnet, sich selbst als das alleinige Moment der Bildung, des Strebens, der Erziehung des Einzelnen wie des