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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · p. Seite 123

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 123 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9. Israelitische Wv^cuschrift. Seite 123. unsere lieben Kollegen haben sich vergebens gefreut. Leider ist das Prinzip des Kriegsministers also nicht durchbrochen, und wir werden auch in Zukunft mit dem Rang als Vizefeldwebel der Reserve vorlieb nehmen müssen. Berlin, 26. Februar. (Pücklers Jünger vor Gericht.) Am 21. d. Mts. erschien der Schmiedegeselle Wilhelm Jäcks vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I. Am 28. Oktober v. I. fand in Kellers Festsälen eine Pücklerversammlung statt, die um */2*0 Uhr durch den überwachenden Polizeileutnant aufgelöst wurde. Der Angeklagte der in den vorderen Reihen saß, sprang erregt auf, als der Polizeileutnant an alle Anwesenden die Aufforderung richtete, den Saal möglichst ruhig zu verlassen. Jäcks stieg auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme den übrigen zu: „Das wollen wir doch mal sehen, alles sitzen bleiben, erst Bier austrinken. Wir zahlen ebenso gut Steuern wie jeder Andere, wir sollen wohl alle Sozialdemokraten werden." In dieser Weise versuchte der Angeklagte die Anwesenden zum ferneren Verweilen aufzusordern. Ties gelang auch zum Teil, denn es entstand ein allgemeiner Tumult, dem erst durch die Festnahme des Angeklagten ein Ende bereitet werden konnte. Für den eifrigen Pückler- Verehrer sollte indessen dieser Vorfall ein unangenehmes Nachspiel haben, und zwar in Form einer Anklage wegen Vergehens gegen den Paragraphen 119 Strafgesetzbuchs (Verletzung der öffentlichen Ordnung). Vor Gericht war I. geständig. Der Gerichtshof beließ es unter Berücksichtigung der bisherigen Unbescholtenheit des Angeklagten bei einer Geldstrafe von 20 Mark. — Hoffentlich erläßt Herr Bruhn wieder einen Ausruf zu Geldsammlungen für den Märtyrer. Königsberg i. Pr., 28. Februar. (Jahresbericht.) Das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz zu Königsberg in Preußen versendet soeben seinen, 44. Jahresbericht. Die Verwaltung der Anstalt ist mit de^ Errichtung eines neuen Waisenhausgebäudes beschäftigt, das im Rohbau bereits vollendet, im September laufenden Jahres bezogen werden soll. Tie Anstalt unterhält z. Z. 31 Zöglinge, Knaben und Mädchen, darunter 7, die bereits in beruflicher Ausbildung begriffen sind. Zur Entlassung kamen im vergangenen Jahre zwei Knaben und ein Mädchen nach vollendeter Berufsausbildung, ein Uhrmachergehilfe, ein Klempnergeselle und Wirtschaftsmädchen. Neu ausgenommen wurden vier Kinder. Die Zöglinge erhalten eine vielseitige Erziehung und besuchen höhere und niedere Schulen, je nach ihrer Begabung. Die Anstalt betrachtet die Fürsorge für ihre entlassenen Zöglinge als wichtige Aufgabe und sucht ihnen besonders bei der Gewinnung ihrer beruflichen Selbstständigkeit zu helfen. — Die Einnahmen betrugen im vergangenen Jahre 52158 Mk., darunter auch ein Legat von einer christlichen Dame über 16 000 Mk., die Ausgaben betrugen 23799 Mk. Dazu 237937 Mk. für den 'Neubau. Das Vermögen der Anstalt beläuft sich auf 344020 Mk. Die Verpflegungskosten betrugen pro Kopf 49^ Pf., die Gesamtausgaben für ein Kind 740 Mk. — Der Vorstand des Waisenhauses besteht aus den Herren Prof. Dr. Saalschütz Vorsitzender, Stadtr. Prof. Dr. Laßar-Cohn stellv. Vorsitzender, Alexander Magnus Kassierer, A. Aron, Dr. Ad. Friedländer, Julius Lazar, Max Minkowski (Königsberg) und Dr. med. Kamnitzer-Allenstein, Otto Eichelbaum-Jnsterburg. — Ehrcndamen der Anstalt sind: Frau Friederike Behrend, Frau Rahel Josephsohn, Frau Kommissionsrat Laser und Frau Emilie Magnus. — Die Leitung der Anstalt liegt in den Händen des Herrn Inspektors Adolf Peritz. Hamburg, 28. Februar. (Jüdischer Frauenbund.) Eine Sitzung des jüdischen Frauenbundes fand im Logenheim (Hartungstraße) statt, an der auch die Vorstände der hiesigen Vereine, die sich dem Bunde bereits angeschlossen haben, teilnahmen. Die Vorsitzende Frl. Pappenheim aus Frankfurt a. M. setzte kurz die Gesichtspunkte auseinander, die für die Begründung des Bundes maßgebend gewesen seien. Er solle und wolle nicht in die Einzelvereine eingreifen, sondern der Förderung der Gesamtinteressen der jüdischen Frauenwelt dienen und Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Anregung selbständiger Schöpfungen geben. Politische und religiöse Parteifragen seien ausgeschlossen. Die erste Schriftführerin Frau H. May-Berlin erstattete Bericht über die bisherige Tätigkeit und teilte mit, daß sich bereits 42 jüdische Frauenvereine dem Bunde angeschlossen hätten. Sodann wurde über Organisation, Propaganda und ein Bundesorgan verhandelt. Fräulein Sidonie Werner-Hamburg wurde zur Vorsitzenden eines Pressekomitees ernannt. Hamburg, 27. Februar. (Jüdische Rückwanderer.) Wie der „Hamburgische Korrespondent" milteilt, trafen 68 mittellose Rückwanderer mit dem Dampfer „Olivia" von England hier ein. Sie wurden dem israelitischen Komitee zur Weiterbeförderung in ihre Heimat übergeben. Frankfurt a. M., 1. Mürz. (Erinnerung an Fettmilch.) Die „Frankfurter Zeitung" erinnerte am 28. Februar an den Todestag des berüchtigten Rebellen Vinzenz Fettmilch, der vor dem spanischen Gewissenszwang aus den Niederlanden geflohen war und sich in Frankfurt niedergelassen hatte. Hier wütete er nicht nur gegen den Kaiser und die städtische Obrigkeit, sondern auch gegen die Juden, die durch seine Hetze aus Frankfurt vertrieben wurden. Am 28. Februar fiel Fettnfllch mit seinen Anhängern unter dem Henkerbeil, und eine fchandsäule wurde errichtet, die hundert Jahre lang den ürgern Frankfurts „zu treuer Warnung" diente. Beim großen Brand von 1719 zerfiel die Säule, und ihre Reste wurden später dazu benutzt, eine Lücke amPheilerderaltenMainbrückeauszusüllen. „Von Fettmilchs Leben und Treiben würde also heute nrw noch erhalten geblieben sein, was in den Chroniken steht, wenn^v ihm nicht diejenigen, die er ehedem so sehr bedrängt) einen besonderen Gedächtnistag gewidmet hätten. Es sind dies die Frankfurter Juden, deren Gasse er plündern und die er aus ihrer Heimat vertreiben ließ. Als Fettmilch auf dem Blutgerüste starb, wurden die Juden nach anderthalbjährigem Exil mit einer gewissen Feierlichkeit am Nichtplatz vorüber in die Judengasse zurückgeführt. Voran marschierten Soldaten mit einem Musikkorps, das aus Trommlern und Trompetern, vielleicht auch Pfeifern bestand, dann kam ein Wagen mit den Zeichen des kaiserlichen Schutzes, die an die Pforten der Judengaffe geheftet werden sollten, und schließlich ein Reiter mit einer „silbernen" Trompete, der ein Stück blies, das die Melodie zur damals wohlbekannten „Schlacht von Pavia" gewesen sein soll. Um die freudige Rückkehr in die Hermat zu feiern und die Erinnerung hieran festzuhalten, sangen die Frankfurter Juden alljährlich am betreffenden Tage des jüdischen Kalenders eines der Gebete nach der damals vernommenen Weise. Auch heute geschieht dies noch in den Gebetrersammlungen der strenggläubigen Juden, denen aber nur noch wenige Altfrankfurter Familien angehören. Es ist dabei bemerkenswert, daß heute noch die zwei Melodien, die des Musikkorps und die des Solotrompeters, deutlich unterscheidbar sind. Man hat vor etwa drei Jahrzehnten für die eine Melodie eine Niederschrift in Noten versucht, die aber nur ein Bruchstück war. In neuerer Zeit ist es durch die Mitteilung aus einer Altfrankfurter Familie gelungen, diese Niederschrift zu vervollständigen."

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