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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · p. Seite 118

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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Seile 118. Israelitische Wochenschrift. 'Jit. 9. vorhanden gewesen sei, so ist zu erwidern, daß die Darstellung der heiligen Schrift, selbst für den Fall, daß Delitzsch recht hätte, geradezu ein Protest sei gegen die Auffassung der alten Babylonier; denn das Weltschöpsungsepos geht dort aus von einem Kampf Marduks gegen Tiamath, dem Prinzip der Tiefe, hebräisch „tehom", während in der Bibel der Geist Gottes über dem „tehom", der Tiefe, schwebte. Und schon der erste Bibelvers macht einen Drachenkampf mit einer Spaltung des Ungeheuers unmöglich, da ja die Allmacht nicht erst des Kampfs bedurfte, um Himmel und Erde — das Weltall — ins Dasein zu rufen. In der Sintflutsage der Babylonier ist rk'iscuthroS, der sich das Schiff baut und dann außer Rabe und Taube auch die Schwalbe entsendet, eine Analogie zur Erzählung des Noah. Aber die biblische Darstellung geht von der Ethik aus: „Voll war die Erde der Gewalt", und daher mußte das Verderben beseitigt werden. In der Sabbatfrage schildert Redner das babylonische „Schabbattu" als einen Tag nicht der Ruhe, der Sammlung und Lust, wie es der Sabbat der heiligen Schrift für die zivilisierten Völker geworden, sondern im Gegenteil als einen Fast- und Sühnetag, an dem selbst der König seine Kleider nicht wechselte und das Volk die Versöhnung der Götter herbeiwünschte. Wenn die Tontafeln aus Hammurabis Zeit wirklich den Namen Jahve enthalten haben sollten, was allgemein von den größten Forschern bestritten wurde, so sei auf die Tatsache hingewiesen, daß kurz nach dem Tode Adams, also lange vor Entstehung der semitischen Rasse, dieser Name in der Genesis Kap. 26 genannt worden ist. Damals, zur Zeit Enosch, fing man an „JHWH" anzurufen. Die Vermutung Delitzschs wird nunmehr ihres Neuheitreizes entkleidet, wie dies selbst Schräder in seinen „Keilschriften und das alte Testament" gründlich auseinandergesetzt, ohne den „syrischen Jahwe von dem hebräischen" abhängig zu machen. Es wurden ferner die Aeußerungen Delitzschs über d§n Priestersegen, die Wolkensäule, den Jstar von Arbela, Nebukadnezar, den Graseffer, sowie die spöttelnden Bemerkungen über Jona, der im Bauch des Fisches Psalmen singt, mit gelehrten Zitaten widerlegt. Ganz besonders wurde nachgewiesen, welche Zerrüttung eine falsche Textübersetzung von der „wandelnden Stimme Gottes im Paradies" bei Delitzsch bewerkstelligte. Es folgte die Darstellung Delitzschs von der Verbal- Inspiration und von der göttlichen Offenbarung, die Redner deshalb übergeht, weil er sie in seinem Werk „Der J H WH- Fund von Babel in der Bibel" (Verlag von C. Boysen), Wort für Wort widerlegt hat. Nur der Widerspruch „die zehn Gebote seien die ureigenste Gottesoffenbarung", und der Gedanke, daß der Dekalog auch den götzendienerischen Babyloniern zu eigen gewesen wäre, wurde ves näheren besprochen. Desgleichen die Aeußerungen tiefster Entrüstung über Mches Zerbrechen der Bundestafeln. Die Juden wüßten aus der Bibel nicht, warum sie ihren Sabbat heiligen, denn aus den zwei 1 Darstellungen der zehn Gebote sei dies nicht klar. Im Exodus handelt es sich um eine Argumentation aus der Schöpfung, und im Deuteronomiunr „damit dein Knecht und deine Magd ruhe wie du". Aber jeder weiß, daß die zweite Rezension dreimal die Worte enthält: „Wie ich dir befohlen habe", und daß Mose die erste Rezension mit Erklärungen und Ergänzungen hier versieht. Sonach ist die erste Rezension buchstäblich genau der Inhalt der zerbrochenen Gesetzestafeln, während die zweite sowohl deren Giltigkeit ausspricht, als auch human hinzufügt: Der Sabbat lehre nicht nur das Ruhen, sondern auch das Ruhenlaffen der Untergebenen, also die Humanität. Am ausführlichsten verweilt der Redner bei der Widerlegung des „Anthropomorphismus" und des „Partikularismus" des einen und einzigen Gottes. Schon dieser Satz birgt den größten Widerspruch in sich. Wie kann es einen Gott geben, der zugleich nur der Gott eines engen Kreises wäre? Schon der Name „ J H W H “ künde den lebhaftesten Protest gegen alle Verkleinerung oder irdische Beschränkung des Allgeistes. „Hütet euch, denn keine Gestalt habt ihr gesehen am Horeb." Es ist ein Trugbild nicht der Uroffenbarung, sondern von deren Verdunkelung, wenn der jüdische Monotheismus auf solche Art herabgewürdigt wird. Dieser Monotheismus ist das Fundament aller Sittlichkeit und aller Nächstenliebe, selbst nach dem Zeugnis des Neuen Testaments. Ebenso wenig stichhaltig sei die wiederholte Hypothese von der niederen Stellung der Frau in Israel. Die Juden waren die Ersten, die die Ebenbürtigkeit der Frau deklarierten in den Worten: „Sie ist eine Gehilfin an deiner Seite". Wenn im Dekalog bei der Sabbatruhe die Frau fehlt zwischen „du und deinem Sohn", so ist in diesem „Du" zweifelsohne Mann und Weib zugleich verstanden. Am treffendsten gelingt der Beweis dieser Ebenbürtigkeit der Frau durch den Hinblick auf Deborah mit dem Epitheton „Das Weib des Lapidoth", wobei die hochbedeutende Prophetin und richterliche Führerin des Volkes sich nicht auf ihre Bedeutung beruft und nicht auf ihren Namen oder ihren Vater, wie dies sonst der Fall ist; sie will nichts weiter sein, als das Weib des Lapidoth, auch wenn er unbedeutend ist. In der vatikanischen Bibliothek wurde eine Schrift aufgefunden, aus der Redner über Deborah und ihren Gatten mitteilt, daß der unbedeutende Mann ihrer Erfindungsgabe den Namen „Lapidoth", Fackelträger zur Ehre Gottes, verdankt. Am Schluß seiner mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen weist Redner darauf hin, wenn die Wahrheit den Sieg err ngcn solle, dann müßte durch die Tätigkeit aller die Wissenschaft der heiligen Schrift, wie Her Volksgeschichte und der jüdischen Volksseele, nicht nach Ausgrabungen, sondern nach wirklicher Erkenntnis lebensvoller Traditionen Gesamtgut der Menschheit werden. Berliner RepräsentantenVersammlung Die Repräsentanten hatten sich in ihrer heutigen Sitzung zunächst mit einer Reihe von Rechnungsabschlüssen pro 1903/04 zu beschäftigen. Ten betreffenden Verwaltungskomissionen, die mit Ausnahme der Quellbad-Verwaltung, welche 294,70 Mk. Mehrverbrauch zu verzeichnen hat, mit einem mehr oder minder hohen Mmderverbrauch abgeschlossen hatten, wurde Entlastung erteilt. Zur Vorlage der Bibliothek-Kommission teilt der Kommissar Eisner auf Anfrage mit, daß der Plan der Verlegung der Bibliotheksräume, die schon jetzt unzureichend seien, bereits im Stadium der Vorberatung sei. Zu den Abschlüssen mehrerer Synagogen hat der Ausschuß in einer Resolution, die zur Annahme gelangt, den Gemeindevorstand ersucht, eine Gesamtübersicht über die Einnahmen und Ausgaben aller Synagogen einschließlich der Rabbiner- und Vertretergehälter sowie der Platzmieten künftig anzufertigen. Eine sehr lange Debatte erhebt sich ferner hierbei über den Verkauf der Mizwoth, dessen Abschaffung, weil unzeitgemäß und den Gottesdienst störend, Herr Manheimer anregt. Herr Martin Simon bezeichnet dieses Ziel als erstrebenswert und erklärt die Bereitwilligkeit des Vorstandes, hierüber in Verhandlung zu treten. Nach seiner Angabe beträgt der Ertrag des Verkaufes der Mizwoth in allen Synagogen und Festgottesdicnsten jährlich etwa 3 000 Mk.,

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