Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9. Israelitische Wochenschrift. Seite 117. und politischer Verbindung geblieben sind, wenn sie längere Zeit hindurch die gleichen Schicksale erfahren, dieselbe Geschichte gehabt haben, wenn sich ihr Leben unter denselben Bedingungen und Einflüssen gestaltet hat, so bildet sich allmählich ein Vorrat von gemeinsamen Erinnerungen, Ueberlieferungen und Vorstellungen, eine Gleichheit der Sitten, der Gebräuche der Lebensweise, der Neigungen und Abneigungen, der Tugenden und Fehler, mit einem Wort: ein Nationalcharakter aus, und dieser ist es, auf dem die nationale Einheit in erster Linie beruht und wonach sich die Nationalität der Einzelnen richtet. Man nimmt eine Nationalität an, wenn man die Denkart und den Charakter des fremden Volks annimmt; man verliert seine eigene Nationalität, wenn man die Denkweise des eigenen Volks verläßt und verleugnet. Hierfür ist nun eins vor allem von der höchsten Wichtigkeit: die Sprache. Denn sie ist nicht allein das Hauptmittel aller Mitteilung unter den Menschen, sondern auch für jeden einzelnen ist die Gestalt und Bestimmtheit seines Vorstellens mit dem sprachlichen Ausdruck untrennbar verwachsen; wir fassen in jedem Wort und jeder Wortverbindung eine bestimmte Reihe von Empfindungen, Anschauungen und Begriffen zusammen, die sich uns mit anderen Worten und Wortverbindungen nicht in derselben Weise verknüpfen. Die Sprache bestimmt unser Wesen und unsre Bildung auch noch viel unmittelbarer; denn mit jedem Wort, das das Kind nachsprechen, mit jedem Satz, den es verstehen lernt, geht etwas von der Art seines Volks in sein Gemüt, in seinen an der Sprache sich entwickelnden Geist über. Ist es aber dieses, worin das Wesen der Nationalität liegt, so wird die Frage nach dem Verhältnis der Nationalität und der Humanität bedeutend vereinfacht. Das nationale Interesse kann nur dann dem humanen widersprechen, wenn die Bildung und Entwicklung eines Volks eine einseitige Richtung genommen hat, wenn es sich in eitler Selbstüberschätzung über andre Völker erhebt. Je gründlicher dagegen und je universeller der Geist eines Volks ist, je mehr sein Leben auf dem Grund des Wahrheits- und Rechtsgefühls ruht, umso weniger wird es versucht sein, um seines Vorteils willen die Pflichten der Humanität zu verletzen. Das eine widerstreitet dem andern an sich selbst nicht; nur die Beschränktheit und die Selbstsucht der Menschen ist es, die den Schein dieses Widerstreits erzeugt. Wenden wir uns nunmehr nach dieser allgemeinen Auseinandersetzung dem Judentum zu. Wir Juden sind von Abstammung Semiten, und man könnte versucht sein, uns infolgedessen die nationale Zugehörigkeit zu den andern Völkern, unter denen wir leben, abzusprechen. Allein nach unserer obigen Ausführung ist die Verquickung der gemeinsamen Abstammung mit der Nationalität auf die neueren Völker nicht anwendbar. Denn es gibt unter den neueren Staaten kaum den einen und den andern, in dem nicht den ursprünglichen Einwohnern sehr viel fremdes Blut beigemischt wäre. Auch die andern Teile der deutschen Nation z. B. sind von Abstammung keineswegs alle reine Deutsche und Germanen, und teilweise sind sie viel später in Deutschland eingewandert als die Juden. Noch gemischter ist die Bevölkerung von England, von Frankreich, von Italien, von Spanien, von Nordamerika. Und doch wird man deshalb keinem von diesen Völkern seine bestimmte und eigentümliche Nationalität absprechen wollen. Aber auch die Religion kann in keinerlei Gegensatz zu den engeren nationalen Begriffen und Empfindungen stehen, sondcrn hat sich von ihnen eher emanzipiert. Es gibt unter Kulturvölkern keine eigentlichen nationalen Religionen mehr. Auch das Judentum scheint nicht mehr notgedrungen an eine Nation gebunden. Der jüdische Geist gedeiht in jedem Staat, unter jedem Himmelsstrich. Philo hat griechisch, Maimonides arabisch, Spinoza lateinisch, Mendelssohn deutsch geschrieben. Ein jeder von ihnen war Weltbürger, Jude und Patriot zugleich. So haben die Juden in Deutschland den Ehrgeiz der Mitarbeit an den Interessen der Gesamtheit. Seitdem der Jude geistig mittun darf, hat er bewiesen, daß er nicht nur Händler, sondern auch Gelehrter und Künstler, Fabrikant und Staatsmann sein kann. Kann man aber jetzt noch von einem einheitlichen jüdischen Nationalcharakter sprechend Wir sind der Meinung: es gibr keinen solchen. Die deutschen, holländischen, englischen, polnischen, russischen, südeuropäischen, asiatischen und afrikanischen Juden sind so verschieden in ihrem Charakter, wie nur ihre nichtjüdischen Landsleute irgend sein können. So gut wie Klima, Nahrung, Beschäftigung usw. ihre allgemeinen Wirkungen ausüben, so gut üben die speziellen Verhältnisse der Juden speziell die ihrigen. Es ist leicht gesagt: die körperliche Bildung, die Physiognomie der Juden hat ja einige Besonderheiten, warum nicht auch ihr moralischer Charakters Allein, wir geben die allgemeine Geltung dieser Prämisse nicht zu. Der Unterschied ist so durchgreifend garnicht, und die Nationen Europas wenigstens sind von so durchmischter Abstammung — wie bereits oben ausgeführt — daß die Verschiedenheit der Rasse durchaus keine Basis sür die Eigentümlichkeit der Gesichtsbildung, geschweige für die Organe der inneren Tätigkeit gibt. Nein, es gibt keinen gemeinschaftlichen Judencharakter, so wenig als es gemeinschaftliche jüdische Nationalmelodien gibt. Die Gesamtheit der Juden hat nichts gemein mit einander als ihre Thora, über die sie wiederum zahllose verschiedene Ideen haben. Das Nationalitätsprinzip mag ideell viel Verlockendes haben; hüte man sich aber, es zu mißbrauchen. Es ist Zeit, daß es immer mehr zmn Bewußtsein der Menschheit komme, wie die einzige wahrhafte und dauernde Macht allein im RechL^ und in der Humanität besteht. Am allerwenigsten aber stimmt es zu dem alle übertreibende nationale Engherzigkeit vor sich herfegenden Zug, der durch unsre Zeit geht, nun gar von jüdischer Seite an die Errichtung jüdisch-nationaler Schranken zu denken, hinter die wir uns flüchten und zurückziehen können. proMr WWs iiiiptlirfrn »,ld die UlilTriifdjaft des Zii-kiililiiis. Ueber dieses aktuelle Thema hirlt Herr Prediger Dr. Leimdörfer in der Henry-Jones-Loge zu Hamburg einen Vortrag. Der Redner betonte einleitend, daß die Vortrüge Professor Delitzschs sich für die ganze gläubige, skeptische und atheistische Kulturmenschheit als ein wahrer Segen erweisen. Denn alle nehmen in einer Zeit der Blüte der Natur- und Realwissenschast durch diese Vorträge Veranlassung, zur Bibel zu greifen und sich dem von den Gläubigen verehrten, von den Skeptikern bestrittenen, von den Atheisten geleugneten Ideen und Lehren des Buchs der Bücher mit regem Interesse zuzuwenden. Das ist an sich ein Erfolg, um den die Prediger aller Konfessionen den deutschen Gelehrten beneiden dürften. Was die Annahme betrifft, wonach die Kosmogonie, Sintflutsage und Sabbat bei den Babyloniern lange vor der Bibel, freilich in anderer Form,