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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · p. Seite 116

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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Seite 116 Israelitische Wocheuschrist. i)ir. 9 kann man's begreifen, daß die national-deutschen Studenten endlich der ermüdenden Phrasen satt sind und nun einmal Taten sehen wollen. Sie wollen endlich eimnal die breitspurigen Reden, in denen sie sich als Retter des Vaterlands feiern, wahr machen, und zwar nach ihrer Weise, so wie sie's verstehen. Heute heißt ja deutscher Patriotismus nicht Liebe zum Vaterland, sondern Haß gegen die Nationalität und Konfession der Staatsbürgergruppen, die sich in der Minderheit befinden. Wenit man also seinen Patriotismus betätigen will, schlägt man auf die Schwächeren los. Etwas andres gibt's für sie nicht zu tun. Das erträumte Deutschland der alten Burschenschafter ist seit mehr als dreißig Jahren ein vollendetes Werk, es ist ein großes einiges Reich, in dem Künste und Wissenschaften, Handel und Wandel blühen, und es hat eine gewichtige Stimme im Rat der Völker. Was konnte also der deutsche Student fürs Vaterland noch tim? Ewig nur Hurra rufen? Dadurch konnte der jugendfrische Tatendrang nicht befriedigt werden. Und so betätigte man denn seinen patriotischen Eifer dadurch, daß man die Söhne eines Teils der Mitstreiter für das zu einigende Deutschland boykottierte, nämlich die Juden. Ihnen konnte man aber in Wirklichkeit nichts anhaben; denn sie haben sich inzwischen auch auf ihre Eigenart besonnen und sich zur Arbeit für das erstarkende Judentum in eigenen Vereinen zusammengeschlossen. Die jüdischen Studenten haben gezeigt, daß sie auf die Freundschaft ihrer hochmütigen arischen Kollegen ohne Schaden verzichten können. Darum suchte sich der deutsch-nationale Patriotismus ein neues Gebiet der Betätigung, indem er gegen die Katholiken zu wüten begann und eine Agitation gegen die ausländischen Studenten inszenierte. In diesem letzteren Fall scheute man sich nicht einmal offen zu gestehen, daß die Triebfeder dcr Hetzerei ganz einfacher, schmutziger Konkurrenzneid war. Aus Furcht vor einer zukünftigen Schädigung des Geldbeutels — und diese Furcht war sogar unbegründet — opferte man einen Teil der akademischen Freiheit. Und nun plötzlich diese Entrüstung, ja Unruhen, Streiks, weil man nicht ganz so darf, wie man möchte. Die Devise -Frei ist der Bursch" hat keine Geltung mehr. Wir möchten den deutschen Studenten eine neue empfehlen: „Wenn man dir gibt, nimm! Wenn man dir nimmt, schrei!" Nationalität und Humanität. Von Dr. B. Seligkowttz-Köthen. Unter den Bedingungen, in die die Natur selbst den Menschen gestellt hat, sind zwei die umfassendsten: die Verbindung des einzelnen mit seinem Volk und seine Verbindung mit der Menschheit. In dem Ganzen der Beziehungen, die uns mit unsern Volksgenossen verknüpfen, besteht unsere Nationalität; auf dem Gefühl unsres Zusammenhangs mit der Menschheit beruht die Humanität. Diese zwei großen Formen der menschlichen Gemeinschaft stehen aber zueinander in einem gewissen Gegensatz, der unter Umständen sogar zum Widerstreit wird. Die Nationalität hat den durchgreifendsten Einfluß auf alle realen Lebensverhältnisse; auf ihrem Grund baut sich das Staatsleben auf, das unser Dasein nach allen Seiten mit seinen Ordnungen umfaßt^nrd durchdringt. Dieser realen GemMlschaft gegenüber erscheint der Satz von der Zusammengehörigkeit aller Menschen als der Ausdruck eines sittlichen Ideals, nicht aber eines tatsächlichen realen Verhältnisses. Denn in der Wirklichkeit stehen wir ja nur mit dem kleinsten Teil des Menschengeschlechts in Verbindung. Je kräftiger daher unser Nc.tionalgesühl entwickelt ist, mit so ausschließlicher, scheint es, wird unser Interesse sich auf unser Volk beschränken, um so mehr stehen wir in Gefahr, aus Vorliebe für das eigene Volk die Pflichten der Humanität und der Gerechtigkeit gegen andere zu verletzen. Umgekehrt laufen wir Gefahr, aus idealer Begeisterung für die Menschheit die realen Interessen unsres Volks zu vernachlässigen. Die Frage entsteht nun: Liegt überhaupt das Interesse der Nationalität im Streit mit dem der Humanität? oder läßt sich jenes in einer Weise auffassen und verfolgen, die auch dieses nicht beeinträchtigt, sondern fördert? Blicken wir auf das jüdische Volk, wie es auf seinem Weltgang sich darstellt, so ist es gerade die maßvolle Vereinigung der kosnropolitischen Humanität und der Nationalität, die es von Anbeginn kennzeichnet. Niemand war zu einer Vertiefung der Nationalität geeigneter als der Israelit. Bei dem geringen Verkehr, den er im Land seiner Väter mit dem Ausland hatte, wo noch dazu die auswärtigen Verhältnisse fast immer als feindliche ei schienen, bei den vielen Momenten nationaler Erhebung und nationalen Stolzes, betrachtete und fühlte der Israelit seine Nation abgeschlossen, ja in Opposition mit der übrigen Welt. Dessenungeachtet hatte die geistige Anschauung des Jsraelitentums die ausgesprochene Tendenz zur kosmopolitischen Humanität. Schon in Mose, fortschreitend in den Propheten, den Psalmisten u. s. w. ist der Blick von der Nation auf die ganze Menschheit gerichtet. Je mehr die Religion in ihrer konkreten Erscheinung das Leben der israelitischen Nation zum Bild nahm, desto mehr dehnte sie sich in der Abstraktion auf alle Völker aus. Was versteht man jedoch unter Nationalität im modernen Sinn? und worauf beruht ihre Bedeutung? Zunächst weist uns der Name der Nationalität auf die Gemeinsamkeit der Abstammung. Allein diese Auffassung läßt sich auf die neueren ■ Völker garnicht anwenden. > Denn wenn auch die meisten Staaten ursprünglich aus l^er Stammesgenossenschaft hervorgingen, und wenn das Altertum in der Regel den Fremden von dem Bürgerrecht ausschloß und dadurch an jener Grundlage strenger festhielt, so gibt es dagegen in den neueren Staaten kaum den einen und den andern, in dem nicht den ursprünglichen Einwohnern sehr viel fremdes Blut beigemischt wäre. Andrerseits darf man die Nationalität auch nicht mit dem Bürgerrecht in einem politischen Gemeinwesen, mit der Staatsangehörigkeit verwechseln. Es können vielmehr verschiedene Nationalitäten in einem und demselben Staat vereinigt sein. Und wenn hierbei nicht selten der Einheit des Staats durch das Auseinanderstreben der Nationalitäten eine ernstliche Gefahr droht, so fehlt es doch nicht an Beispielen von Staaten, in denen die Gemeinsamkeit der Interessen die nationalen Gegensätze überwiegt und ein friedliches Zusammensein und bereitwilliges Zusammenwirken der verschiedenen Nationalitäten herbeiführt. Ist es aber weder die gemeinsame Abstammung als solche, noch die politische Verbindung der einzelnen, was über ihre Nationalität entscheidet, so werden wir das Wesen der Nationalität nur in etwas suchen können, ivas an sich selbst von dieser wie von jener verschieden ist; und das ist die Gleichartigkeit der Gefühls- und Denkweise, die Einheit des Geistes und des Charakters, die die Glieder eines Volks innerlich mit einander verbindet. Zur Bildung und Erhaltung dieses Volkscharakters wirken mancherlei Momente zusammen; ähnlich wie auch die Gleichartigkeit des Charakters in einer Familie neben der Blutsverwandtschaft noch von vielen anderen Ursachen abhüngt. Wenn die Stammesgenossen mit einander in räumlicher

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