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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 4. (1905) · p. Seite 15

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 4. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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sittlicher Beziehung unter dem Menschen steht, diesem unterordnet; er soll sie durch ethische Vor- Schriften dem göttlichen Willen weihen. ,,Mir gehört die Erde spricht der Ewige“. Daher kein fester Grundbesitz in Israel, daher das Erlaßjahr, das Weihen der Erstlingsfrüchte und des Zehnten. Alles Manifestationen, daß Gott der Herr ist. Dadurch aber, daß die israelitische Weltanschauung die Natur aus jenem höchsten ethischen Grunde Gott hervorgehen läßt und sie seinemWillen bannt, durfte und konnte sie trotz ihrer vielen Un- Zuträglichkeiten nicht der Geringschätzung und Verachtung preisgegeben werden. Durch den Menschen, ihr edelstes Erzeugnis, soll sie geadelt werden, indem sie dieser in Uebereinstimmung zu den Forderungen des höchsten sittlichen Willens bringt. Israel feiert die ganze es umgebende Natur an seinen Festen und läßt sie an seinem Fasten mittrauern. (Schluß folgt.) Litteraturberichl Recensionen. Schriften Ober Sirach. (Schluß.) D. A. Schiatter. Das neugefundene Stück des Sirach. Der Glossator des griechischen Sirach. 181 S. 3, 60 Mk. Dr. Gasser. Die Bedeutung der Sprüche Jesu Den Sira für die Datierung des althebräischen Spruchbuches. 275 S. 4,85 Mk. Bertelsmann, Gütersloh. Die Gassersche Schrift überträgt die neuen Erkenntnisse, um welche die Entdeckung des hebräischen Sirach uns bereichert hat, auf die Ergebnisse der Bibelforschung. Und da lag das Buch der Sprüche schon wegen seiner Verwandtschaft mit Sirach am nächsten. Hatte man das Buch der Sprüche in Eorscherkreisen als salomonisch, wenigstens als vorexilisch angesehen, so begann man seit den zwanziger Jahren immer mehr Teile derselben als nachexilisch zu betrachten, bis von den Vertretern der Wellhausenschen Schule das Ganze als nachexilisch, ja, bei manchen als nachmakkabäisch erklärt wurde. Da Mischle nicht zur Treue gegen die Thora und ihre Satzungen auffordert, so folgerte man, es sei dies nicht mehr nötig gewesen, nachdem die Gefahr, die vom Griechentum drohte, vorübergegangen war. Es ließ bei der notwendigen Bewegung in der Wissen- Schaft sich von vornherein denken, daß das Vorhandensein des apokryphischen Schriftums früher oder später zu einer Berichtigung so weitgehender Ansichten die Veranlassung sein würde. Gasser geht bei Betrachtung der Stellung, die dem Spruchbuche weiterhin anzuweisen sein wird, von dem Gesichtspunkte aus, daß Sirach dem Mischlebuche gegenüber den Eindruck eines späteren Erzeugnisses hervorruft, daß der Verfasser dem biblischen Buche gegenüber als der Nachgeborene erscheint. Wieviel beide Bücher auch gemeinsam haben mögen — im Sirach hat man jene größeren, absichtsvoll aneinandergereihten Betrachtungen (darin auf der Grundlage des abgeschlossenen biblischen Schrifttums viele Einzelheiten in bezog auf das Weltganze, auf die Geschichte und die Wechselfälle des Lebens), so daß das einfache Spruchbuch Mischle durch weite Zeiträume von Sirach getrennt zu sein scheint. " Aehnlich dachte Reuß darüber. Die*Königssprüche in Mischle setzen nach Gasser zum Teil das israelitische Königtum voraus, wo man des Königs Antlitz des Rechtes wegen suchen konnte; sein Wort war Gottesspruch und ein Gräuel war ihm Ungerechtigkeit; auf Liebe und Treue stützt er seinen Thron. An anderen Stellen sind Warnungen vor Verführung notwendig, aber auch die weniger hellen Bilder vom König deuten nach Gasser auf ein inländisches Königtum. Im Sirach kommt (außer der Geschichtsdarstellung) wenig von einem König vor. Das Volksleben, das in Mischle hervortritt•, ist frei und selbständig, während im Sirach ersichtlich über Abhängigkeit von ungerechten Beamten und enge Weltstellung geklagt wird. In Mischle steht alte Volkssitte und Satzung ungebrochen da, während in dieser Beziehung Sirach sich unbedingt als Nachgeborener zeigt. Das Verhältnis zum Gottesgedanken, im Spruchbuch von harmloser Innigkeit, wird im Sirach bereits vor Mißverständnissen geschützt, vor zu weitgehendem Vertrauen auf die göttliehe Allgüte und Barmherzigkeit. Er muß seinen Zeitgenossen klar machen, daß es kein Verstoß gegen das Gottvertrauen ist, einen Arzt zu benutzen. In der Zeit des Sirach muß man sich also schon mehr mit den Ansichten des Zeitalters auseinandersetzen, um der menschlichen Selbständigkeit die rechte Stelle anzuweisen. Während Mischle Propheten vorauszusetzen scheint, ist im Sirach der Schriftgelehrte als Glied eines besonderen Standes an deren Stelle getreten; die Schriftgelehrten suchen und deuten die Weisheit der Altvordern und sie sind zugleich die Weisen. Auf den Gottesdienst weisen die Sprüche in der Art der Propheten hin, während im Sirach Gebete und Opfer, sowie die Satzungen überhaupt mehr in der entschiedenen Art des späteren Judentums erscheinen. In den Sprüchen tritt der Verfasser nicht selbst hervor, im Sirach mit großer Entschiedenheit. Und wenn Sirach die Bibel auch nicht geradezu anführt, so steht er doch in unverkennbar abhängigem Verhältnis zu ihr. Unsere Leser werden aus vorstehenden Umrissen die Absicht des Verfassers und die Berechtigung seines Vorgehens erkennen. Er hat in meisterlicher Weise (wir haben nur einen Teil seiner Arbeit Umrissen) durch Beleuchtung des Verhältnisses zwischen Mischle und Sirach dargetan, daß das Spruchbuch unbedingt das ältere sein muß und daß kein geringer Zeitraum zwischen beiden liegt. So wird Mischle aus der Makkabäer-, ja, aus der nachexiiischen Zeit fortgerückt und hat seine Ausgaugspunkte im altisraelischen Staatsleben. Wenn wir nun das Buch von dieser Seite mit Entschiedenheit empfehlen, so teilen wir doch nicht alle Ansichten des Verfassers. Wir können im Gottesbewußtsein Siraclis, in seiner entschiedenen Gesetzestreue bei bestem AVillen keinen Abfall gegen den biblischen Geist sehen, vielmehr die Gesinnungen eines durch geschichtliche schwere Erfahrungen erzogenen Geschlechts, das seinen Gott und seine Thora nicht mehr verlieren will. Und in vielen Punkten geht auch die Lebenserfahrung Sirachs weit über die einfachen Vernältnisse des Spruchbuchs hinaus und zeigt eine größere Reife. Sirachs Naturdichtung wird zur Naturerkenntnis, es ist das ein Teil der Gottesweisheit, also der Wissenschaft. Gewiß trennen auch wir geschichtlich Sirach weit von Mischle, aber uns erscheint, wie wir gern im einzelnen nachweisen würden, der Geist Sirachs nicht als der minderwertige. Die Juden des größten Tempels können nicht mehr zur Harm- und Sorglosigkeit ihrer Ahnen zurück — aber ihr Bewußtsein hebt sie trotz des Verstummens der Propheten weit über jene. Auch können wir nicht zugeben, daß in den Schlußteilen Mischles sich außerjüdische Bestandteile finden. Die Zahlensätze haben nicht nur im Sirach ihr Spiegelbild, sondern auch in der Zahlenmischna, die wir in unserem ״lieber den Zusammenhang der Mischna“ und ״Die Mischna; Aufbau und Quellenscheidung“ (Straßburg, Trübner) nachgewiesen. Arabische Namen und Worte sind kein Beweis, zumal dieselben noch gedeutet werden können und gedeutet worden sind. Weshalb das frischeste und edelste, was Mischle bietet, dem Volke Israel nehmen wollen? Dazu gehören stärkere Beweise, als sie bisher geboten worden sind. Ist es denn im Hiob anders? Und bezüglich des Hiob werden wir an anderer Stelle die Ansichten widerlegen, die von außerjüdischem Ur- Sprunge desselben sprechen. Soll man auch den 104. Psalm auf fremde Einflüsse zurückführen, auch das Gleichnis des Jotham, auch jenes von der Distel, die mit der Ceder sich verbinden will? Da nehmen wfir lieber die Ansichten Nowacks und Königs an, die hier keine ausländische Vorlage für nötig

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