Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 4. (1905) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 4. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492408-6582208-9734547--3365-9606417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

finden. משא in der Nähe von נאלם הגבר kann nur eine prophetische Bedeutung haben. Und will man Israel die weltlich harmlose Seite des Denkens und Fuhlens ganz absprechen? Gerade wer, wie Gasser, mit Mischle in die Königszeit zurückgeht, muß es noch weit eher für möglich halten, daß das harmlose Volksleben und Volksempfinden an irgend einer Stelle wird seinen Ausdruck gefunden haben. Und gerade solche Arbeiten, wie die vorliegende, werden am ersten dazu führen, mehr und mehr Teile der Bibel durch Vergleich mit einem davon abhängigen Schrifttum in frühere Zeiten zurückzuverlegen und um so eher für israelitisch, für nicht entlehnt anzusehen. Es ist gut und heilsam auch für das Leben der Wissenschaft, daß sie ihre eigenen Schöpfungen, wenn ein Stillstand droht, vernichte, um neues zu schaffen. Wir werden Gelegenheit haben, in nächster Zeit zu zeigen, daß eine solche Bewegung seit einiger Zeit schon vor sich geht, in der man der Bibel mehr und mehr gerecht zu werden sich bemüht. Unter den Vertretern dieser Richtung ward Gasser (das zeigen auch besonders die von uns nicht behandelten Teile seines Buches) voraussichtlich eine leitende Stellung entnehmen. Die Verbreitung solcher Schriften dient der Erweckung des Geistes, der Erörterung, und Erörterung ist uns auf allen Gebieten nötiger als das tägliche Brot. Nicht wollen wir uns behaglich in den bisherigen Denkweisen einrichten, sondern unsere Zelte vorwärtsbewegen. Nur dann wird die Wissenschaft gefördert, denn nur dann kann sie atmen, und ohne Atem gibt es für sie kein Leben. Ludwig Goldstein. Moses Mendelssohn und die deutsche Aesthetik. Gräfe & Unger, Königsberg. VI. 236 S. 5 Mk. Moses Mendelssohn ist im allgemeinen der Wohltäter des Judentums, der Verfasser d>־s Phädon, der Freund Leasings. Mehr wissen recht viele nicht von ihm. Seine Stellung in der Philosophie ist durch Kant und seine Geistessöhne vornichtet worden, und von da aus fällt nun der Schatten auf sein ganzes schriftstellerisches Wirken. Männer wie Hegel und Fichte wurden ihm nicht gerecht. Erst die in den vierziger Jahren erfolgte Ausgabe seiner Gesamtwerke hat von neuem die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, und seitdem ist man ihm mit der Zeit nähergekommen und hat das Unrecht gutzumachen sich bemüht. Goldstein hat sich jahrelang mit dem Stoffe beschäftigt und sich ganz in ihn hineingelebt. Wir erfahren aus ihm zumeist nur das, was wir nicht wissen. Mendelssohn war kein Nachbeter, kein nüchternbeschränkter Grenzwäcliter der Kunst. Gerade seine Einwirkung auf Kunst und Dichtung ist es, was der Verfasser zum Gebiete seiner Betrachtungen gemacht hat. Sollte man es glauben, daß Mendelssohn der Kunst eine besondere Sittlichkeit, ihre eigene, zugesprochen? Daß er von sittlich vollkommenen Menschen auf der Bühne nichts wissen will? Daß er die Wielandsche JaneGrey ganz ähnlich beurteilt, wie Lessing? Daß in der Dramaturgie Lessing ihn, ohne ihn zu nennen, oft mit Absicht, oft unwillkürlich wörtlich anführt? Daß Mendelssohn in sehr wichtigen Punkten mit Lessings Laokoon nicht übereinstimmte? Ueber das Verhältnis Herders zu Mendelssohn wird uns im allgemeinen ־wenig Erfreuliches berichtet. Wie wird uns nun, wenn wir erfahren, daß Herder Mendelssohn sein ganzes Leben hindurch als Denker und Gesetzgeber der Kunst sehr hoch geachtet hat? Daß er ihn sehr oft anführt, ihn als Stütze eigener Ansichten benutzt und nicht zuviel gegen ihn streitet? Sollen wir einem Schriftsteller jener zahmen Aufklärungszeit wahre Begeisterung für Shakespeare zumuten? Mendelssohn ist davon durchdrungen! Wie er im allgemeinen die Hegeln für entbehrlich gehalten hat, nur nicht das Genie, so ist er bereit (man denke dabei an Voltaires absprechende Urteile über denselben Briten, den er in Zaire und Julius Caesar ausschrieb), das nach seiner Ansicht Hegellose in Shakespeare gegen das Große in ihm in Kauf zu nehmen. Das sind nur einige ־wenige Züge aus dem Ganzen; der Verfasser folgt Mendelssohn auf alle Gebiete, wo er die Kunst berührt, und wir erkennen aus ihm erst, wie reichhaltig der Stoff ist, wie tief die Fragen, die er behandelt hat. Dabei erkennt Goldstein auch das Fehlerhafte, Halbe und Unentechiedene in Mendelssohns Natur, ist also nicht bereit, alles von ihm unbesehen zu verhimmeln, wie man es oft gerade bei ״Rettern“ findet. Eines hat uns ganz besonders berührt: Goldstein erwähnt die Bedeutung, welche die Besprechung in damaligen Zeiten hatte. Man kam auf sie zurück, man führte sie an, man sah sie als eine bedeutende Leistung an. Bedenke man, daß die berühmten Literaturb riefe, daß die Dramaturgie aus Besprechungen bestehen! Die tiefgehende Besprechung ist nur möglich, wenn man die Erörterung ehrlich liebt und sie nicht fürchtet oder für wertlos hält. Jene Besprechungen haben die deutsche Literatur verjüngt. Wir bedürfen der Verjüngung und Kräftigung auch. Wir müssen zur echten und rechten Besprechung zurück, müssen ihr die herrschende Stellung wiedererobern, müssen dem Dreizeilentum ein Ende machen und den Verfassern, den Lesern, wie der Wissenschaft selbst wieder gerecht werden. Dahin führen unsere Bemühungen — mögen sie unterstützt werden! Doch wo bin ich hingeraten? Zurück zum Verfasser! Er tut sich selbst Unrecht, wenn er sein Buch wegen der Einzelheiten schwer lesbar nennt. Wir wollen uns vielmehr daran gewöhnen, nur solche Werke, die das Einzelne bieten und verarbeiten, lesbar zu finden. Und in der Tat weiß der Verfasser seine Leser anzuziehen. Mögen die Leser ihm auch in der rechten Weise entgegenkommen. Predigtumrisse. כי תשא■ Aaron und das goldene Kalb. Die Schrift bietet Wahrheit ohne Schmeichelei, selbst wenn es sich um Aaron handelt. — Aaron will den Sturm des Volkes durch Klugheit, durch Hinhalten beschwichtigen, wo ein ernstes und wahres Wort von Wirkung gewesen wäre. Bringt mir Gold! ruft er, vielleicht in der Hoffnung, der Geiz würde zögern. Man bringt es ihm! Er wirft es ins Feuer, errechnet vielieicht auf einen der vielen Fehler beim Goldgusse. Es gelingt, und die Gestalt des Kalbes ist da! Morgen soll ein Fest Gottes sein, ruft er. Denn was kann von heute bis morgen nicht geschehen? Und es geschieht nichts! Moses kommt nicht, und das Fest geht vor sich! Eine große Lehre für die Ueberklugen, die noch lange nicht an Aaron heranreichen und auf Umwegen den Irrtum beseitigen wollen. Nur Wahrheit, nur Entschiedenheit führt zum Ziel! ויקהל• Schekalim. Einsegnung des Neumonds — Israel soll gezählt werden. Aber nicht nach Namen. Nicht Jeder, der den Namen des J#len trägt, ist schon dadurch Jude. Nein, nach Gaben, die für das Heiligtum geboten werden. An der Anzahl der Opferwilligen erkennt Israel seine Krart oder seine Schwäche Der Reiche gibt in Wirklichkeit nicht mehr als der Arme, der sein Letztes opfert. Deshalb prunke Jener nicht mit seinem Opfersinn, schäme sich dieser nicht der geringen Gabe. Es ist nur ein halber Schebal, was Jeder bietet — er muß sich stets bemühen, seine Opfer zu erhöhen, darf nie glauben, etwas Ganzes geleistet zu haben. Dann liegen die Schwellen des Heiligtums, seine Grundlagen, fest und der Angriff des Haman wird so durch das edle Wirken Aller zurückgetrieben. Inhalt der Nummer 4. Wissenschaftliche Aufsätze: Habakuk — Nahum — Joel Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. (Fortsetzung) — Optimismus. Von Dr. A. Lerich. — Literaturbericht. Rezensionen: D. A. Schiatter, Das neugefundene Stück des Sirach. — Dr. Gasser, Die Bedeutung der Sprüche Jesu ben Sira für die Datierung des althebräischen Spruchbuches. (Schluß.) — Ludwig Goldstein: Moses Mendelssohn und die deutsche Aesthetik. — Predigtumrisse. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.