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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · p. Seite 105

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 105 (sequence 5)
Language
German
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Israelitische Wochenschrift. Seite 105 Nr. 8. schließlich zu drei Dingen erzogen: zum Reiten, zum Bogenschießen und Hur Wahrhaftigkeit, so würde hiermit unausdenkbarer Segen über die Welt gebracht werden." Das Zitat aus Herodot ist richtig. Es führt aber gleichwohl irre, indem es die darin ausgesprochene Anschauung als die persische Anschauung schlechthin bezeichnet. Herr Professor Delitzsch hätte nicht versäumen dürfen, aus derselben Quelle (Herodot I, III, 72) die Worte des Darms anzuführen: „Denn wos^du lügen mußt, da lüge, denn dasselbe Ziel haben beide vor Augen, der da lügt und der die Wahrheit sagt. Nämlich der eine lügt dann, wenn er durch seine Lüge etwas einreden und Vorteil daraus ziehen will, der andere sagt die Wahrheit darum, daß er durch die Wahrheit Vorteil gewinne und die Leute um so mehr an sich ziehe. Also wiewohl auf verschiedenen Wegen, trachten sie beide nach demselben Ziel. Sollten sie keinen Vorteil davon haben, so könnten sie gleichergestalt beides, der Wahrhaftige ein Lügner und der Lügner wahrhaftig sein." Ist die eine Aussage des Herodot glaubwürdig, so ist es die andere nicht minder; Professor Delitzsch kann sich nicht auf die eine berufen, ohne die andere zu erwähnen; er ist also nicht berechtigt, von der persischen Erziehungsmethode so zu sprechen, wie er getan. Professor Delitzsch will dem Volk Israel die Erhabenheit des Sittengesetzeß: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, nicht abstreiten, „trotz dessen unleugbarer Beschränkung auf die Angehörigen des eigenen Volkes", will aber nicht dulden, daß die Tugend der Nächstenliebe zu einem Monopol des israelitischen Volkes gestempelt und solch vorschnelle Worte in die Welt hinausgeschrieben werden wie dieses, daß „die Grundprinzipien aller wahren Sittlichkeit, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, in Babylon absolut keine Analoga habe." Wir haben alle Ursache, die Bibelkenntnis des Herrn Professor Delitzsch ungemein gering einzuschätzen, seine Kenntnis des Alten ebenso wie des Neuen Testaments. Aber er müßte doch schon gelesen haben, daß die mosaischen Worte: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, nicht, wie er sagt, „unleugbar auf die Angehörigen des eigenen Volkes sich beschränken." Das Gegenteil ist erwiesen. Der hebräische Ausdruck für Nächster in der angezogenen Stelle (3. Buch MosiS 19,18) bedeutet durchaus nicht den Volksangehörigen, sondern genau ebenso den Angehörigen eines anderen Volkes. Der gleiche Ausdruck stndet sich in der Anweisung Moses an die Kinder Israel, sie sollten sich von dem „Nächsten" silberne und goldene Gefäße leihen. Hier ist der „Nächste" der Egypter und nicht der Volksgenosse. Und wenn es Herrn Professor Delitzsch auch gelungen wäre, hiervon keine Kenntnis zu erlangen, so müßte er doch aus^dem Neuen Testament wissen, daß dort dreimal Christus auf pharisäisches Befragen die Vorschrift: liebe deinen Nächsten als dich selbst, als oberstes mosaisches Gebot ohne jede Einschränkung hinstellt. Gerade Herr Professor Friedrich Delitzschs kann unmöglich der Ansicht gewesen sein — denn er versichert das Gegenteil — daß Jesus die Liebe nur zu Volksgenossen gepredigt habe. Herr Professor Friedrich Delitzsch, der die Bibel nicht kennt, hat eine merkwürdig genaue Kenntnis aller irrigen Auffassungen von der Bibel und hält an diesen irrigen Auffassungen mit großer Zähigkeit fest. Er sagt: „Hat doch Jesus selbst der universellen Nächstenliebe der auch in diesem Punkt großzügigen Babylonier in seiner von göttlichem Geiste durchströmten Parabel vom barmherzigen Samariter ein Denkmal gesetzt, das über den ganzen Erdkreis hin sichtbar emporragt! Ja fürwahr, wo immer in der weiten Welt Samariterdienste geleistet werden, reichen sich Babel und Bibel nicht allein schwesterlich die Hand, sondern ist der Babylonier allen Menschen von Jesus zum Vorbild gesetzt: Gehe hin und tue desgleichen!" Diese Auffassung ist nicht Delitzschsches Original, aber falsch ist sie durchaus. Die Israeliten halten sich für das auserwühlte Volk und bezeichnen sich als solches in dem Sinn, daß ihnen ethische Pflichten vor allen anderen Völkern auferlegt sind, daß ethische Vorschriften für sie mehr als für alle andern gelten, oaß sie vor jedem andern verpflichtet sind, nach den Vorschriften höchster Ethik zu handeln. Deshalb haben die Lehrer Israels bei ihren ethischen Vermahnungen es alle Zeit, schon lange vor Jesus, geliebt und in der Gewohnheit gehabt, als Beispiele für sittliches Handeln Heiden hinzustellen, weil auf diese Weise den Israeliten am leichtesten und deutlichsten klar gemacht wurde: wenn schon der Heide so gut handelt, um wieviel mehr sei er, der Israelit, zu gleich gutem Handeln verpflichtet. In allen Moralerzählungen, in allen Sagen mit Moraltendenz bei den Juden, spielt der Heide in diesem Sinn und zu diesem Zweck die edle Rolle. Genau in der gleichen Weise und genau nach dem jüdischen Muster, das er kannte und das ihm geläufig war, wie allen anderen jüdischenALehrern .auch, hat Jesus die Parabel vom barmherzigen Samariter erfunden. Er hat den Samariter genannt, nicht weil die Samariter babylonischen Ursprungs oder babylonischer Verwandtschaft sind, sondern weil die Samariter bei den Juden in^ganz besonderer Verachtung standen. Bis zur Skurrillität geht Professor Delitzsch, wenn er den Babyloniern eine besondere Scheu vor dem Eid zuschreibt, bei ihnen eine besondere Heilighaltung des Eides voraussetzt und diese Auffassung darauf gründet, daß „in den Gesetzen Hammurabis, soweit sie zur Zeit vorliegen, sowie in den Prozeßurkunden die Möglichkeit eines Meineides überhaupt nicht gesetzt wird". Hammurabbis Gesetz spricht, wie ganz natürlich, auch von falschen verleumderischen Anklagen, die unter Eid gemacht werden, und dieser Eid ist selbstverständlich ein Meineid. So von allem Verstände und von aller praktischen Lebenskenntnis war Hammurabi nicht verlassen, daß er nicht gewußt hätte, es gäbe auch meineidige Menschen. Freilich mußte er — genau wie wir — den Eid als Beweismittel anerkennen. Das ist ein pi8-u11er, nicht mehr und nicht weniger. Unsere Juristen wissen ^davon zu erzählen, und die Richter zu Hammurabis Zeiten haben es sicher auch gewußt. In dem dritten Vortrag genau wie in den früheren spricht Professor Friedrich Delitzsch von dem „denkenden Babylonier", der kein Götzenanbeter im eigentlichen Sinn des Wortes gewesen sei, der vielmehr in dem Götzen nur das Bildnis der Gottheit, nicht die Gottheit selbst angebetet habe. — Durch die Wiederholung wird der „denkende Babylonier" noch immer keine beweiskräftige Figur. Es ist selbstverständlich und bedurfte weder assyriologischer Studien noch des Professor Delitzsch, um begreiflich zu machen, daß der philosophisch geschulte, philosophisch gebildete, philosophisch denkende Kopf nicht darauf kommt, in einem Stein, er sei groß oder klein, eine Gottheit zu erblicken. Doch nicht der philosophisch geschulte „denkende Babylonier" ist das Urbild des Babyloniers, und nicht seine philosophische Anschauung ist die typische Religionsanschauungsdes^Babyloniers. Die babylomsche Religionsanschauung drückt sich aus in der Art des Götzendienstes: dem Molochsdienst, dem Astartedienst; die Teilnahme von Männern ^und Frauen an ihren Greueln sind typisch und kennzeichnen die religiöse Denkweise und Auffassung der Babylonier, nicht die eingebildete Auffassung

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