Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 26 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 26. Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. Und immer paßt die Melodie zum Text; immer klingen die Töne „wie gedrechselt", sagen die Marktweiber. Von dem Eifer und der Unternehmungslust Basche-Leas erzählt man sich Wunderdinge. Noch nie hat inan sie untätig sitzen sehen; sie ist immer auf den Beinen, immer auf der Suche nach irgend einem Verdienst; nach allen Seiten sendet sie ihre Blicke. „Das ist Feuer und Flamme!" spricht von ihr der ganze Markt. -i- * * Ganz anders verbringt sie jedoch den Sabbat und die Feiertage. Gleich nach dem Mittagessen räumt sie das Zimmer auf, wäscht ihre Kinder und kleidet sie an; darauf kleidet sie sich selbst um und wartet auf Besuch. Dieser besteht aus ihren Kundinnen, den Dienstmädchen aus nahen und fernen Straßen. Gewöhnlich erscheinen auch einige „Kavaliere" — und nun geht das Tanzen los. Freilich ist es in dem kleinen und niedrigen Stübchen ein wenig eng, aber wer wird darauf achten! Man setzt sich auf die Bettstellen, auf den Tisch, aufs Fensterbrett, — nur um die Mitte des Zimmers frei zu lassen. Dirigiert werden die Tänze von Basche-Lea selbst, die auch unter leiser Begleitung aller Tanzenden die passenden Melodien singt. Sie ist immer ein „Herr" und führt die Damen wie ein echter „Kavalier". Ihre Bewegungen und Wendungen sind so kühn, so lebendig, „daß man sich vor Verwunderung auf den Kopf stellen möchte". So lautet das allgemeine Urteil. Ihr Mann, der, wie er behauptet, vom Tanzen nichts hält, streckt sich auf dem Ofen aus, hält seinen kleinen Sohn neben sich und wendet, den Kopf auf die Hand gestützt, keinen Blick von seiner „Alten". Er ist selig; sein Herz hüpft nur so vor Entzücken. Und Basche-Lea wird immer lustiger, lebhafter, leidenschaftlicher. Sie kann keinen Augenblick ruhig sitzen. Sie hüpft, sie fuchtelt mit den Händen. Sie blinzelt mit ihren glänzenden Augen. Sie ringt und streitet mit jedem. — Da wird plötzlich von einer Seite der Wunsch geäußert, Basche-Lea möge den „Zigeuner" tanzen. Dies Wort wirkt elektrisierend auf alle Anwesenden. Und mit stürmischen Bitten drängen alle aus sie ein, den „Zigeuner" zu beginnen. Und Basche-Lea läßt sich nicht lange bitten. Ja, häufig kommt es nicht mal zu einer Bitte. Schon die spontane Erinnerung an den „Zigeuner" genügt manchmal, um Basche-Lea in eine fieberhafte Erregung zu versetzen, deren sie nicht eher Herr werden kann, als bis sie ihrem unbändigen, stürmischen Drange genüge getan hat. . . „St! Platz da!" ruft sie. Die Gäste schieben sich zur Seite, um der Tänzerin mehr Raum zu lassen, und diese stellt sich in emer Ecke des Zimmers hin, mit der einen Hand ihren Nock ein wenig hochhebend, mit der andern ein Tuch über dem Kopf haltend. Noch eine kühn-zuckende Achselbcwegung, ein leichtes Schwenken des Tuches — und nun beginnt sie, die Melodie vor sich hinsingend, den Tanz der Zigeuner. . . Wild-verwegen ist der Zigeunersang. In ihm hört man das ganze unruhige, abenteuerliche Zigeunerleben. Bald erbraust er stoßartig-stinmisch, gleich dem Wind, der durch die freie, weite Steppe dahinsaust, die zeitweilige Heimat des unstäten Zigeuners, bald flüstert er wie das wahrsagende Zigeunerweib, das aus den Karten die Zukunft verkündet, dann wird er stärker und stärker und brüllt wie der Bär, der an der Kette des Zigeuners tanzt, jetzt aber fällt der Ton und klingt so geheimnisvoll leise, gleich der vorsichtigen Beratung der Zigeuner vor einem Pferdediebstahl, und nun schwillt er wiederum an und dröhnt und stampft, als ob lausend Menschen den Dieb verfolgten, der mit der Schnelligkeit eines Pfeils auf dem gestohlenen Pferde über die Steppe dahinfliegt. Aber wilder noch und zügelloser ist der Zigeuners Tanz. Er gleicht dem Wirbelwind, der über die weite, endlose Steppe dahineilt, unaufhaltsam, ganze Sandhügel vor sich hertreibend. Und kunstvoll, mit der höchsten Vollendung tanzt Basche-Lea diesen Zigeunertanz. Die Gäste können ihre Blicke nicht von den Füßen der Tänzerin losreißen, sie vermögen ihren Bewegungen kaum zu folgen, und mit größerem Staunen, immer höherem Entzücken zucken die Achseln der Zuschauer. „Ah, ah! Wahrhaftig, als ob der Teufel in ihren Füßen steckte!" ruft jemand aus. „Wahrhaftig der Teufel!" bekräftigen die anderen. Aber nun ist sie zu Ende. Ermüdet"^sinkt sie auf einen Stuhl, und von allen Seiten wird sie durch Applaus und Bravorufen belohnt. „Nun, wie gefällt euch mein Altchen? was?" ruft der Gemahl vom Ofen herab, mit liebevollen Blicken und glücklichem Lächeln seine Frau betrachtend. — — Wenn die Dunkelheit hereinbricht, hören sie mit dem Tanzen auf. Es wird plötzlich still. Die Gäste nehmen alle ihre Plätze ein. Man bereitet sich anscheinend auf etwas vor. . . . Basche-Lea wird singen. Alle Augen sind auf sie gerichtet; Bitten werden laut: Der verlangt nach diesem, jener nach einem andern Liede. Und Basche-Leas Augen funkeln, ihr Antlitz glüht, doch ist ihr Blick jetzt ernst, gedankenvoll, ja wehmütig-melancholisch. Sie steht mit einem fast trübseligen Lächeln in der Mitte des Zimmers und schaut auf die Gäste, — aber sie denkt nicht an sie — sie sieht sie nur wie durch einen Nebel. „Nun aber still, ihr losen Dinger!" spricht sie endlich, und aus ihren halb geöffneten Lippen löst sich der erwartete Ton — das Konzert beginnt. Sie singt gewöhnlich traurige Lieder. „Ein lustiges Lied will mir nicht aus der Kehle", pflegt sie zu sagen. Ihr Gesicht wird immer düsterer, ernster und schwermütiger, das Lächeln schwindet von ihren Lippen. Die Wangen sind flammengerötet, und die Augen glänzen so mild, so sanft... Sie vergißt alles um sich, wie traumverloren geht, sie von einem Ort zum andern. Und ihre Stimme wird immer lauter und heller, und immer rasender wogt ihre Brust auf und nieder. Und es ist ihr so schwer ums Herz, und es drängt sie immer lauter, immer kräftiger zu singen, und sie glaubt, es werde etwas eintreten bei ihrem Gesang, sie werde sich dann so wohl, so glücklich fühlen. Und ihre Lieder, sie erzählen von unglücklicher Liebe, von des Weibes Lohn und dem Elend des Lebens. Sie selbst aber denkt an ihr freudloses Dasein, das reich an Entbehrungen ist, an Kummer und Sorgen. Erinnerungen werden wach und ziehen an ihrem geistigen Auge vorüber: eine bunte Reihe mannigfaltiger Bilder, an Düsterkeit und Trübsal einander überbietend. Einzelne dieser Bilder sind von so packender Schaurigkeit, daß Basche-Lea am ganzen Körper erbebt und ihre Stimme zu zittern beginnt. Aber sie rafft sich zusammen, sie singt wieder laut und immer lauter, um die Schauer und Schrecken aus ihrer Seele zu bannen. Ob ihr das gelingt? — Hier entsteht vor ihr das Bild eines Kindes! Und daneben drängt sich ein zweites Bild hervor: das zeigt ein hungriges, schmutziges, vernachlässigtes Kind. Und sind doch beide Bilder mit einander identisch. Zeigen doch beide die kleine Basche-Lea! . . . Dort ein Kind, wie die Natur es geschaffen hat — und hier das arme Opfer der Not und des Elends! — Und was singt nun Basche-Lea?