Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 23 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2 Israelitische Wochenschrift. Seite 23. hat diese Skrupel nie empfunden und sich auch wohl selbst nie die Frage vorgelegt: „Was wird man nach der Lektüre meiner Erzählungen von den Juden denken?" An-sky fragt nur nach der Wahrheit, und das ist bei ihm einfach ein Zug seines Talents; er ist von Hause aus aufrichtig und nüchtern, wie andere überschwenglich sind und zur Uebertreibung und Karrikatur neigen. Uebrigens weisen die andern Völker der Menschheit genau dieselben Fehler wie die Juden auf. Der jüdische Wucherer ist hart gegen seine Schuldner, doch schon Saltjkow erzählte, daß der orthodoxe Kulak seinem andersgläubigen Kollegen noch etwas vorgibt. Alles in allem schildert An-sky die Juden so, wie Maupassant zum Beispiel die Franzosen geschildert hat. Welche Schlußfolgerungen könnte man z. B. aus den Schilderungen Maupassants von den Franzosen ziehen! ' Und doch hat Tolstoi, als er sie gelesen, sofort erklärt: „Maupassant hat nicht alles geschrieben, was in Frankreich existiert, er hat das Gute ausgelassen, denn augenscheinlich könnte ein Land keinen einzigen Tag leben, wäre es nur von Leuten bevölkert, wie Maupassant sie geschildert hat". Dasselbe läßt sich auch von An-skys Erzählungen und den von ihm geschilderten Personen sagen. (Fortsetzung folgt.) SprechscrcrU Eingesandt. Wir erhalten folgende Zuschrift: Berlin N. 58, den 10. Januar 1905. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir. Ihnen die folgende Angelegenheit zu unterbeiten mit der ergebenen Bitte, sie, wenn es Ihnen irgend angängig erscheinen sollte, im Sprechsaal Ihres geschätzten Blattes zu veröffentlichen und sie damit vor das Urteil Ihrer Leser zu bringen. An den Arbeiten des im Mai 1902 gegründeten Vereins für jüdische Statistik habe ich von Anfang an, wie Ihnen sämtliche Mitglieder dieses Vereins bezeugen werden, einen regen Anteil genommen; ja, ich darf wohl behaupten, daß der größte Anteil der damals zur Ausführung gelangten wissenschaftlichen Arbeiten aus mich entfällt. Im September 1902 fragte ich bei Dr. Alfred Nossig, dem Vorsitzenden des Vereins, an, ob ich nicht eine Stellung als besoldeter Beamter des Vereins erhalten könne, worauf der genannte Herr mir schrieb: „Der Verein wird an die Anstellung entsprechend besoldeter Funktionäre erst dann gehen können, wenn seine Publikation erschienen ist, was unmittelbar bevorsteht. Natürlich würden Sie hierbei in erster Linie in Betracht kommen, da Sie von Anfang an an den Arbeiten des Vereins sich beteiligt haben". Im Dezember 19,02 erhielt ich für eine besondere statistische Arbeit 20 Mark. Im Januar 1903 ward ich ermächtigt, die Korrespondenz des Vereins, deren Führung mir nunmehr als Ehrenamt übertragen wurde, als Generalsekretär zu zeichnen. Im März 1903 ward mir auf einem Briefbogen des Vereins von Herrn Dr. Nossig attestiert, daß ich noch im Frühjahr 1903 mit einem festen Gehalt als Generalsekretär des Vereins angestellt werden würde. Unausgesetzt war ich nun von Januar bis Juni 1903 für den Verein tätig (Korrekturlesen, Mitarbeit am 1. Band seiner Publikation re.), wofür ich im März 1903 ein Darlehen von 50 M. erhielt, das ich nach meiner Anstellung in monatlichen Raten wieder zurückzahlen sollte. Im September 1903 ward zwischen Herrn Dr. Nossig und mir vereinbart, daß ich vom 1. Oktober ab ein Monatsgehalt von 30 M. erhalten solle. In der Tat habe ich dieses am 1. November und 1. Dezember 1903 erhalten; aber schon am 1. Dezember 1903 ward mir erklärt, daß mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage des Vereins ich wieder unentgeltlich für den Verein tätig sein müsse; sobald der Verein finanziell sichergestellt sei, würde ich mit einem festen auskömmlichen Gehalt angestellt werden. Am 20. Januar 1904 fand im Mönchshof (Charlottenstraße) eine große Mitgliederversammlung des Vereins statt, zu der ich gleichfalls die Vorbereitungen hatte treffen müssen. Ich ward hier wieder als Generalsekretär (aber ohne Entschädigung) gewählt. Nachdem dann noch mehrere Vorstandssitzungen über die Wahl von besoldeten Vereinsfunktionären stattgefunden hatten, erklärte mir Herr Dr. 'Nossig im Juli, daß bereits zwei Herren angestellt worden seien, und zwar mit einem Monatsgehalt von 200 bezw. 120 M. Ich würde zu gelegentlichen Hilfsarbeiten herangezogen werden. Als ich dann Herrn Dr. Nossig interpellierte, wie es käme, daß zwei Herren als besoldete Funktionäre angestellt worden seien, von denen der eine bisher auf jüdischem Gebiet noch garnichts geleistet habe, erwiderte er mir ganz einfach, auf die Anstellung habe nicht er, sondern das neugebildete Kuratorium den entscheidenden Einfluß; ich würde aber bei den demnächstiaen Arbeiten des Vereins ganz bestimmt als Hilfskraft verwendet werden. Diese Handlungsweise des Vereins, der zwei Jahre lang meine Arbeitskraft unter fortwährenden Vertröstungen auf meine zukünftige Anstellung ausgenutzt hat, überlasse ich Ihnen, sehr geehrter Herr Redakteur, zur gefl. Beurteilung, und ich stelle Ihnen anheim bezw. bitte Sie von meinen Ausführungen den Ihnen als geeignet erscheinenden Gebrauch zu machen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Louis Leopold. 3aftrzeit. Wir erhalten folgende Zuschrift: Aschafsenburg, 8. Januar 1905. Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit Bezugnahme auf die Notiz des Herrn Oskar Berlin im „Sprechsaal" bemerke ich zur völligen Richtigstellung noch ergebenst, daß der 20. Tebeth jenes Jahres dem 26. Dezemberheutigen Stils entspricht, da der gregorianische Kalender seit 1900 wieder um einen Tag vorgerückt ist — Im Jahre 4965 siel Rosch hasch an ah auf den 28. August des damaligen bürgerlichen Kalenders. Hochachtend ergebenst S. Kuttner.