Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 22. Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. Köchin fortzuschicken. Hansa hatte das Kind mit sich in die Küche genommen, um es vor jeder unangenehmen Maßregel von seiten der erzürnten Eltern zu schützen. Eine Magd, die zehn Jahre im Hause zugebracht hat und gleichzeing ein Mitglied der Familie geworden ist, vor die Tür zu setzen, war nicht so einfach und nicht so leicht. Trotzdem beschloß Borech, Hansa zu verabschieden, die ihm vor dem Schulmeister einen so heftigen Schimpf angetan. Doch bevor er noch diesen Plan ausführen konnte, hatte sich ein Ereignis vollzogen, das alle seine Entschlüsse umstürzte. Borech hatte nämlich den Besuch eines Reb Akive erhalten, eines Wucherers, dem er Geld schuldig war, und den er für den Augenblick nicht bezahlen konnte. Das Erscheinen dieses Mannes versetzte Hanjas armen Herrn in die höchste Angst. Diesen Reb Akive schildert An-sky in folgender Weise: „Eigentlich konnte man ihn keinen Wucherer nennen, denn das Gesetz Moses verbietet streng, Geld auf Zinsen zu leihen, und kein frommer Jude wird dieses Gesetz übertreten. Reb Akive war also kein eigentlicher Wucherer; er war ganz einfach der Kompagnon von einigen hundert armen Juden oder Jüdinnen, denen er für ihre geschäftlichen Unternehmungen Geld lieh. Er gab das Geld, die andern gaben ihre Arbeit. Um sich nun vor jedem möglichen Verlust zu schützen, ließ sich Reb Akive von seinen Kompagnons Wechsel geben, die auf den drei- bis vierfachen Betrag des Geldes lauteten. Schließlich ließ er sich einen Vertrag ausstellen, in welchem ihm der Erfolg des Unternehmens, sowie regelmäßige wöchentliche Zahlungen eines Teils des vorgestreckten Geldes und außerdem von jedem geliehenen Rubel 30 bis 35 Kopeken garantiert waren. Glückte das Unternehmen nicht, so verlor Reb Akive dabei nichts und hatte außerdem noch das Recht, auf gerichtlichem Wege sein Geld und seinen Profit einzuklagen. Reb Akive, der kein Geld auf Zinsen ausleiht, sondern nur stiller Teilnehmer ist, erhebt also keine Zinsen, sondern einzig und allein nur seinen „Verdienst", so daß er das Gesetz Moses genau innehält. Reb Akive war einer der bekanntesten Männer der Stadt. Man nannte ihn den „Schwarzen", um ihn von seinem Kollegen, der den Beinamen der „Rote" führte, zu unterscheiden. Der Rote und der Schwarze hatten die Hälfte der Stadt in ihren Krallen. Alles, was arm und notleidend war und gleichzeitig eine Baracke, einen Laden oder ein Stückchen Terrain besaß, borgte sich von ihnen Geld. Der Schwarze, der seine Laufbahn mit 200 Rubeln angefangen, besaß jetzt ein Vermögen von ungefähr einer halben Million und hatte das Schicksal von „tausend Genossen" in Händen. Er hatte die Stadt in sechs Bezirke geteilt und besuchte jeden Tag in der Woche einen. Er ging langsam mit gesenktem Haupt, ein Register unter dem Arm und einen Leinwandbeutel in der Hand, durch die Straßen. Er trat in die Häuser, und wenn er sie kurz darauf verließ, ^o hatte sich der Beutel ein wenig gefüllt. Seine Genossen kannten den Tag und die Stunde seines Besuches vorher, sie erwarteten ihn, empfingen ihn an der Tür und übergaben ihm mit einer gewissen Aufregung den Teil des Kapitals, sowie den „Verdienst". Der Schwarze zählte das Geld, ohne etwas zu sagen, steckte es in einen Beutel, schrieb die Zahl in sein Register und in das Buch seines Kunden und ging zu einem andern. Einzelne seiner Genossen sahen ihn indessen mit großer Furcht kommen, sie sagten ihm mit bewegter Stimme, sie hätten das Geld nicht bereit, entschuldigten sich, suchten sich zu rechtfertigen und schworen, sie würden in Zukunft pünktlicher sein. Der Schwarze hörte diese Versprechungen ruhig an, wenn sie nicht allzulange dauerten, und unterbrach sie nicht weniger ruhig, wenn sie sich allzusehr hinzogen. Dann steckte er den Nutzen ein, notierte ihn in seinem Register und sagte: „Ich werde in der nächsten Woche wiederkommen, haltet das Geld bereit." Damit ging er — immer seelenruhig — von dannen. Seine Stimme drang wie die kalte Schneide eines Messers dem Genossen in die Eingeweide, der sich Entbehrungen auferlegte, um das Geld beim nächsten Besuch des Schwarzen bereit zu haben. Die Genossen des letzteren wußten, daß er sie nach einigen ruhigen Mahnungen in derselben ruhigen Weise vernichten würde. Sie wußten, der Schwarze war unerbittlich. Reb Akive hatte Borech gesagt, er solle ihm am nächsten Tage das Geld bringen, sonst würde er klagbar werden. Der unglückliche Borech und seine Frau waren zerschmettert. Was tun? Es gab nur ein einziges Mittel, diese Katastrophe zu vermeiden, und dieses Mittel bestand in folgendem: Der Schwarze hatte seine Achillesferse, doch man mußte sie zu treffen wissen. Man mußte so lange bitten, bis der Schwarze seine Ruhe verlor, bis er wütend wurde und zu fluchen ansing. Dann wurde er den Bitten zugänglich, dann konnte man etwas von ihm erlangen. Doch es war sehr schwer, ihn in Zorn zu bringen. Man mußte am frühen Morgen anfangen und ihn keinen Augenblick verlassen, ihm überall wie ein Schatten folgen und ihm keinen Augenblick Ruhe gönnen. Man mußte sich an seine Schritte klammern, ihn auf die Straße und in die Synagoge begleiten, ihn vor den Türen seiner Genossen erwarten, fortwährend mit ihm sprechen, schreien, flehen, schwören, ihm Versprechungen und Versicherungen geben, bis er es nicht mehr aushielt. Borech wußte, daß eine solche Aufgabe über seine Kräfte ging; wer sollte das nun übernehmen? Er blieb noch einige Augenblicke in seine traurigen Gedanken vertieft, dann wandte er sich an seine Frau: „Ruse Hanja", sagte er mit schwacher Stimme, „sie wird vielleicht etwas finden. Vielleicht sucht sie den Schwarzen morgen auf." Alle Hoffnung der Familie wandte sich nun Hanja, der despotischen, reizbaren Hanja zu; sie wird die Sache schon in Ordnung bringen. Ich will mich jetzt über die künstlerischen Eigenschaften der analysierten Erzählung nicht weiter verbreiten. Die Gestalt des Schwarzen ist so klar gezeichnet, ebenso die Leibkas, Hanjas und sogar der Katze Eysse, daß der Leser sofort begreift, daß er einen ganz hervorragenden Künstler vor sich hat. Doch auf die Lebenswahrheit der An-skyschen Gestalten möchte ich noch ein wenig eingehen. G IV. Wir sehen in den „Lämmern" Juden, die gemeinsam mit einigen orthodoxen Genossen ein ganzes Dorf mitleidslos ruinieren. Wir sehen andere, die ihren eigenen Glaubensgenossen systematisch das Blut aussaugen. Diese Juden betrachten die Gojim als niedrigstehende Wesen und wünschen nicht, daß ihre Kinder sich unter die Kinder der Christen mischen. Der Autor mildert in keiner Weise die strengen Linien seiner Zeichnung, wenn er die antipathischen Züge im Leben oder im Charakter der Juden besonders hervortreten lassen will. Bei einem Christen würde eine so aufrichtige Schilderung tendenziös erscheinen, und man begreift die Skrupel des Verlegers der Zeitschrift, der An-skys Erzählungen nicht einem großen Leserkreis zugänglich machen wollte. An-sky selbst