Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. Seite 21. Nachkommen nicht als Monumente ihrer Liebe und Anhänglichkeit, sondern ihrer konservativen Neigungen. Sie stehen heute abseits von der deutschen Kultur und haben sich teils dem Kulturmilieu ihrer Umgebung angepaßt, teils auf dem aus Deutschland milgebrachten Kulturstück eine eigene, speziell jüdische Kultur errichtet, die mit der deutschen nur einen gewissen historischen Zusammenhang hat. Darum ist auch der Ewerssche Aufruf zur Zusammenarbeit der Deutschnationalen und Jüdischnationalen hinfällig. Die Ziele beider liegen in verschiedenen Richtungen: die Kultur der Deutschen ist aufs engste verknüpft mit der deutschen Sprache. So ist die jüdische Kultur mit der Sprache der Juden verknüpft, heute noch mit der jüdisch-deutschen, in späterer Zeit vielleicht wieder mit der hebräischen Sprache. Woher kommt es nun, daß in einem von Juden so viel gelesenen Blatte eine solche Entstellung allgemein bekannter Tatsachen vorgenommen werden konnte? Man ist allerdings längst daran gewöhnt, daß selbst hochgebildete Christen von den Juden, mit denen sie verkehren und in deren Salons sie ihren ijBeift glänzen lassen, nicht viel wissen, nicht viel mehr, als daß ^>ie Leute zwar Israeliten, aber ganz anständige Menschen sind. Die Psyche des Juden haben sie nur selten erfaßt, und wenn sie über uns ein Urteil fällen, so ist es entweder banal oder verkehrt; das nehmen wir nicht übel, wir lächeln nicht einmal darüber, weil wir daran gewöhnt sind. Aber wenn man auch verzeihen kann, daß jemand die Seele eines Menschen oder gar eines Volks falsch analysiert, so wird man doch nicht begreifen können, daß ein Mann wie Ewers von Erfahrungen spricht, die er in der Praxis gemacht habe, ohne daß er auch nur eine blasse Ahnung von den Tatsachen zu verraten vermag. Vollends unbegreiflich ist es, daß ein derartiger Artikel unter der Herrschaft Rudolf Mosses das Licht der Welt erblicken durfte; denn in der Jerusalemerstraße kennt man doch die Dinge einigermaßen. Aber in der Judenfrage beobachtet man dort jene „liberale" Taktik der Schönfärberei in dem widerwärtigsten Sinne. Man will zur Befestigung des eigenen Staatsbürgertums der Welt weismachen, daß alle Juden Europas im Herzen Deutsche seien, obwohl man selbst bei jeder möglichen Gelegenheit die Solidarität mit ihnen ableugnet. Dieses Verfahren ist um so häßlicher, als man ja jenen Juden das absireitet, orauf inan doch in Deutschland so überaus stolz ist, nämlich e innige Liebe zur Heimat und zur heimatlichen Kultur. Darum weg mit der Lüge! Wir wollen uns nicht aus Kosten unserer ausländischen Stammesgenossen beliebt machen, wir wollen auch keine ad hoc geschaffene und tendenziöse Judengeschichte, sondern wir wollen Wahrheit, selbst dann, wenn unsere Wohlfahrt auf dem Spiel stünde. Der jude in der russischen Literatur. (Die Erzählungen vor: S. A. An-sky). Von G. Savitsch. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. (Fortsetzung.) Sehen wir uns nun einzelne dieser Geschichten einmal näher an. Besuchen wir z. B einmal das Haus eines gewissen Borech; er selbst ist abwesend und nur seine Mutter, seine Frau und seine Köchin befinden sich im Hause. Die letztere leitet alles despotisch, selbst das Familienleben, und ihre beiden Herrinnen bemühen sich vergeblich, das Joch der Magd abzuschütteln, die — wie sie halb und halb einsehen — der gute Genius des Hauses ist. Das Haupt der Familie, Borech, ist bei einem Reichen angestellt; er verbringt sein Leben fern von den Seinen und verdient mühsam sein bischen Brot. Hanja, die Köchin, macht alles; sie kümmert sich sogar um den Sohn Borechs, Leibka, einen kleinen Jungen von 10 Jahren, den seine Mutter und seine Großmutter mit der beständigen Aufforderung verfolgen, er solle tüchtig in der Schule arbeiten und zu Hause seinen Talmud lernen; nur bei der Köchin, die er in naiver Dankbarkeit „Tante" nennt, findet der Kleine Zuneigung und Zärtlichkeit. „Hanja war bei den Borechs seit 10 Jahren. Sie war bei der Geburt des kleinen Jungen und hat ihn erzogen. Als er zu fünf Jahren krank wurde, kaufte ihn Hanja feierlich vor Zeugen seiner Mutter für fünf Kopeken ab. Damit wollte man den Todesengel täuschen, wenn er die Seele des Kindes holen wollte; da er Leibkns wegen gekommen, sollte er ein Kind Hanjas finden, und dieses würde er sicherlich in Ruhe lassen. Diese abergläubische List gelang. Der Todesengel kehrte mit leeren Händen heim, und Leibka genas. Seitdem nannte ihn Hanja „mein Sohn", wenn sie guter Laune war und rief, wenn sie zornig war: „Warte nur, ich werde deiner Mutter mein Fünfkopekenstück wieder fortnehmen, dann ist's aus, ich will nichts mehr von dir wissen". Leibka hielt sich gern in der Küche aus. Dort putzte ihm Hanja zuweilen mit einem Zipfel ihrer rauhen Schürze die Nase, daß ihm blau vor Augen wurde, aber sie gab ihm auch manchmal mit Butter und Honig beschmierte Brodschnitte und küßte ihn auch. Und das nervöse und dankbare kleine Geschöpf umschlang leidenschaftlich mit seinen Armen die gute Frau, gab ihr einen Kuß auf die Wangen und sagte zu ihr: „Ach, liebe Tante, wie liebe ich dich!" Dann erzählte er ihr Geschichten, die er in der Bibel gelesen, und Hanja war ganz begeistert. In ihren Augen war Leibka kein Kind mehr, er war ein Jude, ein Gelehrter. Ihr Leibka wußte schon jetzt so viel, wie würde es erst werden, wenn er groß war? In der Phantasie der einfachen Frau erschien das Bild eines großen, strengen und allmächtigen Rabbiners." Ich kann dem Autor nicht Schritt für Schritt in der Schilderung dieses Familienlebens folgen, und namentlich kann ich hier nicht den Sabbat wiedergeben, wie ihn Borech im Kreise der seinen feiert. Man müßte alles zitieren, und das ist leider unmöglich. Ich greife einige Szenen auf's Geratewohl heraus: „Freitag abend bei Tisch bemerkt Borech, daß Leibka im Stehen ißt; er konnte sich nicht setzen, weil ihn sein Schullehrer am Morgen heftig geprügelt hatte. Dieser hatte die Schüler überrascht, wie sie mit christlichen Kindern herumtanzten, und sie wegen dieser Sünde hart bestraft. „Glaubt mir", sagte er zu Borech am nächsten Morgen, als dieser ihn besuchte unb ihm schüchtern Vorhaltungen machte, „es ist ttötig, die Kinder zu prügeln, das macht sie nicht krank, und wenn ihnen selbst einige kleine Striemen auf der Haut bleiben, so ist das Unglück nicht schlimm". In diesem Augenblick trat Hanja wütend ein. „Kleine Striemen!" ruft sie; „alter Räuber, Gott gebe Euch für's ganze Leben solch kleine Striemen auf Eurer Haut, und Ihr wagt noch, den Leutenins Gesicht zu sehen und mit ihnen zu sprechen? Henker, Mörder!" Damit jagte sie den Schullehrer, eine respektable Persönlichkeit mit weißen Haaren und weißem Bart davon und erklärte dann, Leibka würde von nun an in eine andre Schale gehen. Das empörte Borech schließlich, und er beschloß, die