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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-01-13 · 2 (13.1.1905) · p. Seite 20

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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Seite 20. Jsraclilische Wochenschrift. Nr. 2 stück des jüdischen Volks. Wahrlich, wir wollen die Kränkungen verzeihen, wenn wir sehen, daß die Schächtstürmer aus derselben idealen Gesinnung heraus handeln, die sich in der Lehre Mosis dokumentiert. Aber diese Ueberzeugung fehlt uns. Solange noch die Treibjagd, die grausamste aller Tierquälereien, als ein hochedler Sport angesehen wird, solange man die Pferderennen protegiert und die Zirkusdressuren nicht verbietet, solange hat man kein Recht, von uns zu verlangen, daß wir an die Ehrlichkeit der Motive gegen das Schächten glauben. Nein — im Gegenteil — wir zweifeln keinen Moment daran, daß die Liebe zum Tier in der Brust dieser Tierschützer nicht annähernd so fest wurzelt, wie der Haß gegen die Juden. Das Tier schützt man nur solange, als man dadurch in seinen Vergnügungen nicht gestört wird, man schützt es aber ganz besonders, wenn man dadurch den Juden einen Streich spielen kann. Der3ude ein Pionier des" In Nr. 2 des „Zeitgeist" (lucus a non lucendo) gibt Herr Tr. Hanns Heinz Ewers eine ausführliche Darstellung der Pionierarbeit, die der Jude für das Deutschtum geleistet haben soll. Natürlich meint er die kulturelle Tätigkeit der großen jüdischen Masse, nicht etwa die eines einzelnen hervorragenden Menschen a la Heine; denn wäre Heine zufällig nicht in Düsseldorf, sondern in London geboren worden, „so hätte er gewiß wie Zangwill oder Rosenthal sich der englischen Sprache bedient". Kennt jemand diesen Rosenthal? Herr Dr. Ewers denkt offenbar an Rosenfeld, von dem er leider nicht weiß, daß er nicht in der englischen, sondern in der jüdisch-deutschen Sprache dichtet. Dieser Irrtum oder richtiger diese Unwissenheit ist umso merkwürdiger, als Ewers ja gerade die jüdisch-deutsche Sprache als die Vorbedingung und als das Hauptmerkmal der Pionierleistungen kennzeichnet. Rühmend hebt er hervor, daß in osteuropäischen Städten jüdische Theater existieren, in denen von jüdischen Schauspielern vor einem überwiegend jüdischen Publikum jüdische Stücke gespielt werden, aber die Sprache sei deutsch, „selbstverständlich stark mit korrumpierten hebräischen, chaldäischen und aramäischen Ausdrücken und Witzworten durchsetzt". Hier wird die Unwissenheit durch das Wort „selbstverständlich" verschleiert; er hätte mit demselben Recht „bekanntlich" sagen können. Indessen, wir wollen uns mit dem Mangel an Kenntnissen des Herrn Ewers nicht befassen; denn man kann nicht von jedem Menschen verlangen, daß er über alle Dinge orientiert sei, über die er schreibt. Wir wollen uns vielmehr einmal ansehen, wie die Juden zu ihrer deutsch-hebräisch-chaldäischaramäischen Sprache gekommen und dadurch zu Pionieren des Deutschtums geworden sind. Und das ging nach Ewers so vor sich: Die hebräische Sprache war tot, sie führte seit Jahrhunderten nur ein Scheinleben. Die Juden hatten also keine Sprache. Da sie aber nicht nur mit den Händen, sondern auch mit dem Munde reden wollten, bedienten sie sich (d. h. die Juden in West- und Mitteleuropa) des Spanisch-Portugiesischen. Was die Juden Osteuropas damals sprachen, wird von Herrn Dr. Ewers als ein süßes Geheimnis bewahrt. Nun — mit dem Schwinden der spanischen Macht schwand auch bei den Juden das Interesse für diese Sprache, zumal da aus dem Osten immer mehr Juden nach Westen zogen und die Spaniolen sich nach Südosten wandten. Mit der deutschen Sprache sah es damals noch übel aus; denn die Gebildeten verpönten sie und unterhielten sich lieber französisch. In dieser Zeit machte das Deutsche in den baltischen Provinzen aber desto größere Eroberungen, weil ja innner die Sprache des kulturell höher stehenden Volks den Vorrang über die des kulturell tiefer stehenden behauptet. „Die deutschen Einwanderer nun waren die Lehrmeister des Ostens". Die Juden schlossen sich ihnen gern an; denn während die slavischen Barbaren — „wie heute in Kischinew" — die Juden am liebsten samt und sonders totgeschlagen hätten, waren die Deutschen natürlich tolerant und human. Aus Dankbarkeit lernten und benutzten die Juden ihre Sprache, und wo sie sich der deutschen Kultur anschlossen, ging's ihnen brillant. Für diejenigen, die das nicht glauben wollen, sagt Herr Dr. Ewers: „Zur Unterstützung dieser Hypothese mag die Tatsache angeführt werden, daß die Judenverfolgungen und Unterdrückungen der letzten fünfzig Jahre fast nur an Stellen ausbrachen, wohin kaum je ein deutscher Bauer oder Kaufmann seinen Fuß gesetzt, so in bestimmten Gegenden der Wallachei und unlängst im Kischinewer Bezirk, in Gegenden also, wo dem Juden nicht die Gelegenheit gegeben war, sich aus deutscher Kultur eine Schutzwaffe zu schmieden". Zur Unterstützung einer anderen Hypothese könnte man dagegen anführen, daß gerade die Deutschen inr^ Auslande die Träger und Verbreiter des Antisemitismus sind. Diese Erfahrung, die jeder in England, Amerika und sonstwo machen kann, ist so alt, daß sie zum Gemeinplatz wird, wenn man sie ausspricht. Und unr nur der Kulturmenschen aus den baltischen Provinzen zu gedenken, wer weiß nicht, welche Schutzwasfen für die Juden die Germanen Plehwe, Wahl, Raabe usw. geworden sind? Wer weiß nicht, daß die Affäre von Kffchinew dem Konto germanisch-baltischer Volkserzieher gutzuschreiben ist? Einer weiß es nicht, nämlich Herr Dr. Ewers. Darum glaubt er, daß in der Gemeinsamkeit oder in der Aehnlichkeit der Mundart die Plattform geschaffen sei, „auf der der Deutschnationale und der Jüdischnationale gemeinsam arbeiten können. Denn ihre Interessen sind gemeinsame". So sprunghaft und unlogisch auch immer die von falschen Prämissen ausgehende Beweisführung des Herrn Dr. Ewers ist, von seiner Unwissenheit wird sie dennoch übertroffen. Ihm und der Redaktion des „Zeitgeist" wollen wir nun kurz den geschichtlichen Werdegang skizzieren, wenn wir auch den Lesern jenes Blattes die beglückende Illusion rauben müssen, daß die osteuropäischen Juden eine große Liebe für die deutsche Sprache und Kultur besitzen. — Zunächst sind die Ereignisse jenseits de« Pyrenäen auszuscheiden, die Herrn Dr. Ewers als spanisch^ Berge erscheinen. Die Vorgänge, die dazu beitrugen, einen deutschen Dialekt in Osteuropa zu konservieren, spielten sich lediglich auf deutschem Boden ab; hier und nicht durch die baltischen Kulturträger lernten die Juden des Mittelalters die deutsche Sprache kennen, die sie wahrscheinlich damals schon durch hebräische Brocken ergänzten. In den deutschen Landen ging es ihnen aber nicht gut; denn die Mkuern und Kaufleute, sogar die Fürsten selbst kannten noch nicht die Ewerssche Theorie von der aus deutscher Kultur geschmiedeten Schutzwasse. Vielmehr stritten alle deutschen Stände und Klassen — geradeso wie heute — um den ersten Preis im Judenhaß. Man zwängte die Juden in Foltern, verbrannte sie unter frommen Gebeten auf lodernden Scheiterhaufen, man sperrte sie in enge Gassen und machte sie durch einen gelben Fleck den Straßenbuben kenntlich. Schließlich vertrieb man sie massenhaft aus dem Reiche. Und da flüchteten die Armen in das benachbarte Königreich Polen, das toleranter war und sie menschlich behandelte. Jene ersten Generationen haben zweifellos ebenso wie ihre spaniolischen Leidens- und Stammesgenossen die Liebe zur grausamen Heimat lange im Herzen bewahrt, die Sprache des deutschen Mittelalters aber erhielten sie für sich und ihre ^22935

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