Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 11 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 11. Wir schließen uns der Bitte des Hilfsvereins gern an und empfehlen unseren Lesern aufs wärmste, für die Verbreitung des Aufrufs und für die Unterstützung der in ihm ausgesprochenen Wünsche Sorge tragen zu wollen. Die Redaktion. Litevclvilcbes. Die Irauen des Hrienls in der Geschichte, in der Dichtung und im Leben. Von A. Freih. v. Schweiger-Lerchenfeld. Mit 338 Textabbildungen, 11 farbigen und 15 schwarzen Vollbildern. In 25 Lieferungen (60Bogen Quart 5 16 Seiten) 5 1 Mk. Soeben vollständig geworden. In eleg. Prachtbande 30 Mk. A. Hartleben's Verlag, Wien und Leipzig. Das neue Jerusalem. Ein jüdischer Roman. Stuttgart. Verlag v. Adolf Bonz u. Co. (Ausführliche Besprechung Vorbehalten.) Lieder und Zähren. Von Otto G log au-Nickolsburg. 2. Auflage. 1905. Verlag „Nec Sinit", Berlin N, 24. Die 2. Auflage dieser Gedichte erscheint unter einem schöneren Titel als die erste. „Lieder und Zähren" klingt doch anmutiger als die stark nach Dekadenz riechende Ueberschrift „Und lechzen nach dem Weibe". Der Dichter, der ein sehr schätzenswertes lyrisches Talent verrät, gibt in seiner Sammlung eine Reihe stimmungsreicher Symphonien, die beim Leser einen warmen Eindruck hinterlassen. Er ist ein Jude, also ist er ein Träumer und Grübler, und darum singt er auch nicht fröhliche Trinklieder, sondern den ewigen Schmerz und die keusche Liebe und das Herz der Mutter. Unter den Gedichten findet sich eins von speziell jüdischer Klangfarbe, das so vieles sagt und so wahr gesehen und empfunden ist, daß ich es hier zitieren möchte: Der jüdische Student. Ein Judenweib, den Säugling im Arm, Hat an sein Fenster gepocht. Ihn faßte ein schmerzvoller, bitterer Harm, Weil nichts er zu schenken vermocht. Sie schaut' ins Zimmer, es war so klein. Die Wände kahl und leer: Der Hunger grüßte zum Hunger hinein — Und beide seufzten schwer. Sie sagten nichts und verstanden sich schnell. .Den Säugling küssend geschwind. Verließ sie, Tränen im Auge, die Schwell': — „Das winkt auch Dir, mein Kind!" . . . vie Politik. Konservative moralische Entrüstung. Die „Schlesische Zeitung" ereifert sich gewaltig wegen der in England herrschenden Bewegung gegen die Fremden. Sie will sich nämlich nicht einreden lassen, daß sich die Fehde nur gegen die osteuropäischen Juden richte, sondern meint, daß auch der Deutsche unter ihr zu leiden haben werde. Darum spricht sie vorn „demagogischen Charakter" dieser Agitation. „Niemand", meint das konservative Blatt, „wird es den Engländern wie irgend einer ani deren Nation verdenken, wenn sie sagen: wir haben zuerst dafür zu sorgen, daß unsere eigenen Arbeiter Brot und Beschäftigung zu Hause finden und nicht alljährlich viele Tausende weit bedürfnisloserer Arbeitskräfte unsere Landeskinder aus ihren Häusern und Arbeitsstellen verdrängen, indem sie, die Fremden, sich für billigere Löhne anbieten. Uns ist es nur zu natürlich, daß angesichts der herrschenden und weitverbreiteten Arbeitslosigkeit diese Frage mehr denn vorher in den Vordergrund tritt. Es ist ebenso unleugbar, daß der Ausländer den einheimischen Arbeiter in den letzten zwanzig Jahren aus ganzen, bis dahin von den Engländern allein bewohnten Stadtteilen — den ärmsten und elendesten Londons — verdrängt hat. Aber der einstige Hochkonservative und seither immer mehr nach links herübergegangene Abgeordnete Winston Churchill hat schon sehr zutreffend darauf hingewiesen, daß „diese ganze Agitation Schwindel ist", da, selbst wenn die Regierungsvorlage, das „Anti-Fremdengesetz", seinerzeit das Parlament passiert hätte, doch kaum 3—400 Ausländer davon betroffen worden wären, und das Gesetz also weder die einheimischen Arbeiter noch deren Arbeitsstellen und Wohnungen vor der Fremdeninvasion geschützt hätte". Damit stimmen wir überein. Aber diese Ansicht in den Spalten des Breslauer Antisemitenblattes macht einen ebenso kläglichen wie komischen Eindruck, da es ja selbst jederzeit für! „Anti-Fremdengesetze" zu haben war. Es spottet seiner selbst | und weiß nicht wie. * * * Auf dem Parteitag der Sozialdemokraten Wreusiens ist von dem bekannten Berliner Stadtverordneten Adolf Hoffmann folgende schriftliche Erklärung abgegeben worden: „Der Genosse Wittrich-Forst hat gestern im Verlauf der Schuldebatte mitgeteilt, ich habe meine Kinder jüdisch taufen lassen (Stürmische Heiterkeit), beziehungsweise sie in bcn jüdischen Religionsunterricht geschickt. Dazu bemerke ich, daß ich dazu durch das preußische Kammergericht gezwungen worden bin. Nachdem meine Kinder infolge meines Austritts aus der Landeskirche 10 Jahre hindurch von: Religionsunterricht befreit waren, mußte ich sie auf Grund der Kammergerichtsentscheidung einem religiösen Unterricht überweisen. Ich wählte den jüdischen, da mir die Wahl durch das Urteil sreistand, und da ich wußte, daß sie dabei von Bibelsprüchen re. verschont bleiben würden. Daß über den bloßen Unterricht hinaus nichts geschehen würde, konnte ich mir denken, weil man heute natürlich nicht gern Juden herauzieht. (Erneute Heiterkeit.) Seitdem meine Kinder die Realschule besuchen, sind sie von jedem Religionsunterricht befreit." Für den Chronisten des modernen Judentums ist diese Erklärung ein wertvolles Material. Es scheint demnach, daß die Kinder in gewissen jüdischen Schulen Berlins Religionsunterricht erhalten können, ohne daß ihr Gemüt vom jüdischen Geist wesentlich beeinflußt wird. Außerdem müssen wir entschieden dagegen protestieren, daß der jüdische Religionsunterricht zur Trotzstätte gemaßregelter Dissidenten gemacht wird. * Die Behandlung russischer Hlekruten. Eine Anzahl jüdischer Rekruten sandte folgendes Telegramm an den Minister des Innern: „Wir, die Rekruten aus dem Bezirk Kowel, die wir hier in der erdrückenden Luft des Polizeigefängnisses ersticken, bitten Ew. Exzellenz, uns vor Demütigung, Schande und