Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 10 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Israelitische Wochenschrtst. Nr. 1. oder diesem Kampfe selbst zu, der sein Gewissen als ehrlicher Mann empört. So zeichnet er Bauern, denen die Behörde das Vieh gepfändet hat, um die Steuern zu decken, die die Muschiks der Schatzkasse nicht hatten zahlen können. Eine ganze Schar von „Kulaks" (ländliche Ausbeuter), Christen und Juden, stürzen sich auf die Unglücklichen. Sie haben den Regierungsbeamten bestochen, und unter den wilden Flüchen der Männer und dem herzzerreißenden Geschrei der Frauen werden die Tiere den Kulaks von den Beamten um einen geringen Preis zugeschlagen. Diese schreckliche Plünderung macht sogar auf einen Käufer, einen Juden, einen so tiefen Eindruck, daß er erklärt, er an Stelle der Bauern hätte sich empört. Aus diesen kurzen Skizzen kann man sehen, welche Sujets An-sky wählt. Doch ich will mich hierbei nicht länger aufhalten, sondern mich mit den Geschichten befassen, in denen er die Juden schildert. III. Die Juden in Rußland und Polen zerfallen in zwei ungleiche Gruppen. Da giebt es zuerst die große Masse, die sich in atavistischem Instinkt weigert, sich mit der christlichen Bevölkerung zu vermischen, ein eigenes Kostüm trägt, keine andere Sprache als ihren Jargon spricht und nur hebräisch geschriebene Bücher lesen will. Georges Clemenceau hat in seinem Bande „Am Fuße des Sinai" mehrere amüsante und rührende Gestalten von Juden dieser Art sehr anschaulich und genau geschildert. Dann giebt es andere, die bereits in mehr oder weniger bedeutendem Maße von der europäischen Kultur berührt sind; diese unterscheiden sich von den Russen oder Polen nicht anders, als wie sich die Juden anderer Länder von den Angehörigen anderer Länder unterscheiden — natürlich immer mit Rücksicht aus die Stellung, die die Juden in Rußland der Negierung gegenüber einnehmen. Diese Stellung hat vielen russichen Schriftstellern als Vorwurf gedient und wird ihnen auch noch weiter dazu dienen, aber sie behandeln sie meistens in recht wenig befriedigender Weise. Die christlichen Schriftsteller, wie Matschtet, Stangukowitsch, Korolenko, E. Schabelsky und in Polen Elise Orzeszko, Konopnicka und andere bemühen sich, den Juden in der Meinung des Publikums zu erhöhen, und einzelne, namentlich Matschtet, gehen dabei so eifrig zu Werke und schildern ihre Juden mit so heroischen Farben, daß sie in ihren Händen ein ganz lächerliches Gepräge annehmen. Die israelitischen Schriftsteller dagegen sind bestrebt, die eigentümliche Lage hervorzuheben, in der sich ihre Glaubensgenossen in Rußland befinden. Die einen schildern zum Beispiel Liebeskonflikte, die mit Katastrophen endigen, zwei junge Herzen, er Jude sie Christin, werden gezwungen sich zu trennen und in der Einsamkeit dahinzuwelken, da die Gesetze des Landes die Mischehen nicht gestatten. Oder ein genialer Sänger muß ohne Nutzen für die Welt in einem Provinzloch verkümmern, weil die russichen Gesetze dem Juden nicht gestatten, in der Hauptstadt zu wohnen, wo der in Rede stehende Tenor seine Stimme hätte entwickeln und fördern können. Das alles ist ein bischen kindisch. An-sky unterscheidet sich von den genannten Schriftstellern durch seine genaue und tiefe Kenntnis des Juden, eine Kenntnis, die den christlichen Schriftstellern fehlt, ferner, weil er seine Figuren dieser eben erwähnten elenden und dunklen Masse entnimmt und endlich, weil seine Erzählungen reine Kunstwerke und nicht etwa Illustrationen der Judenfrage sind. An-sky schreibt seine Geschichten mit einer Wahrhaftigkeit und Unabhängigkeit, daß eine bedeutende russische Revue, an deren Spitze einer unserer größten Schriftsteller, der orthodox, aber nicht antisemitisch gesinnt ist, steht, Schwierigkeiten machte, sie zu veröffentlichen, weil er fürchtete, dadurch den Juden zu schaden. Eine andere Erzählung wurde von derselben Zeitschrift und auch aus denselben Gründen glatt zurückgewiesen, und erst eine ausschließlich jüdischen Interessen gewidmete Revue, die nur von Israeliten geleitet wird, veröffentlichte das Werk. (Fortsetzung folgt.) SprechscrerU 3<ibrzeit. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer ihrer Wochenschrift spricht Herr Dr. Rieger in Hamburg sein Befremden darüber aus, daß Maimonides „Jähheit" nach der bürgerlichen Zeitrechnung am 13. Dezember gefeiert worden ist. Er scheint übersehen zu haben, daß der 20. Tebeth des Jahres 4965 überhaupt nicht entsprochen haben kann, weil in diesem Falle, was noch nie vorgekommen ist, damals Rosch haschanah auf den 26. August gefallen sein müßte. Ein kalenderkundiger Freund, mit dem ich darüber sprach, ist der Meinung, daß der 20. Tebeth jenes Jahres dem 13. Dezember alten Stils, also nach der gegenwärtigen Zeitrechnung dem 25. Dezember entspricht. Graetz, auf den die unrichtige Angabe zurückzusühren sein dürfte, scheint die inzwischen erfolgte Aenderung des Kalenders nicht beachtet zu haben. Hochachtungsvoll Oscar Berlin. Aufruf. Infolge der furchtbaren wirtschaftlichen Not in Rußland ist die Zahl der Auswanderer außerordentlich gewachsen. Viele kommen in völlig abgerissenem Zustande in den Hafenplätzen an, und es ist diesen Aermsten, die ihr letztes Geld nicht angreisen wollen, das Fortkommen in ihrer neuen Heimat natürlich überaus erschwert, wenn sie nicht wenigstens einigermaßen anständig bekleidet sind. Dieser großen Not abzuhelfen ist für die Mildtätigkeit eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, die den einzelnen Spender nicht allzuschwer belastet, und doch kann durch die Hergabe alter, aber noch brauchbarer Kleidung großer Segen gestiftet werden. Unter diesen Umständen wenden wir uns an unsere Glaubensgenossen, deren Mildtätigkeit schon so viel Elend gelindert hat, mit der Bitte, Bekleidung aller Art — gut erhaltene Anzüge, Ueberzieher, Mützen, Wäsche und Fußzeug — an den Bevollmächtigten des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Hamburg, Herrn L. Horwitz, Wexstr. 26, zu senden. Vor allen Dingen sind Kleidungsstücke für Männer dringend erforderlich, da die Zahl der Frauen und Kinder, die jetzt bei den rauhen Winter auswandern, eine sehr geringe ist. Hilssverein der Deutschen Juden. James Simon. Dr. Nathan.