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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · p. Seite 9

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 9 (sequence 20)
Language
German
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')lv. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 9. An-sky kennen lernte, war er nicht mehr der „schwarze Jude" von ehedem; ein früher Reif hatte die Ebenholzfarbe seiner Haare bereits silbern gesprenkelt. Die Bücher, die An-sky seinen Schülern vorlas, liefern uns sofort einen genauen Anhaltspunkt über das literarische Temperament dieses Mannes. Wer sich in dieser wohlwollenden Weise mit den Kindern anderer beschäftigt, muß notgedrungen die Kinder lieben. Die Männer aber, die die Kinder lieben, haben Frauenherzen in Männerkörpern. So-finden wir denn auch in den Schriften dieses Autors neben einem sehr kräftigen Verständnis der menschlichen Wesen und einer subtilen Sensibilität eine ausnehmend leichte und zarte Feinheit des Ausdrucks. Um eine etwas klarere Vorstellung von seiner Technik zu haben, muß man sich eine Frau vorstellen, die einen Brief schreibt, der sie interessiert, und den sie weder für das Publikum, noch für die Nachwelt bestimmt. Es ist bekannt, daß die Frauen auf dem Gebiet des Briefes Ausgezeichnetes liefern, sie sind uns in diesem Falle durch die Einfachheit überlegen, mit der sie die Welt und das Leben betrachten, ferner durch die unbewußte und ganz spontane Aufrichtigkeit, mit der sie das, was sie zu sagen haben, zum Ausdruck bringen, und endlich, weil sie sich in ihren Briefen vollständig ausliefern und ihr ganzes Wesen in die Worte hineinlegen. Genau so verhält es sich mit An-sky. Es gibt keinen russischen Schriftsteller, und sei er noch so unbedeutend, der sich nicht für verpflichtet hält, über das Leben, die Gesellschaft und das Menschengeschlecht zu philosophieren. An-sky nimmt die Dinge, wie er sie beobachtet, ohne sich mit ihrer tieferen Bedeutung allzulange den Kopf zu zerbrechen. Eine Sache existiert, das genügt ihm. Sie amüsiert oder betrübt den Schriftsteller, er schildert sie, und damit basta! Er spricht sie mit einer Aufrichtigkeit aus, die unter den Schriftstellern, Denkern, Malern oder Bildhauern ohne Beispiel dasteht. Die Künstler kümmern sich in der Regel nur um das, was sie auszudrücken oder darzustellen haben; die Mittel, das Ziel, nach dem sie streben, zu erreichen, das heißt, der äußere Anblick, die Form des zu schaffenden Bildes kümmert sie weit mehr, als das Bild selbst. Das kommt jedenfalls von dem Wunsch, die Dinge mit der größten Kraft und Treue wiederzugeben, vielleicht auch von dem Verlangen, der Form eine von ihrem Inhalt unabhängige Existenz und Wert zu verleihen und in jedem Fall von der Furcht, in die bereits von andern gewandelten Wege zu verfallen. Sicherlich aber steckt hinter all diesen löblichen und ehrenwerten Vorwänden das instinktive und durchaus berechtigte Verlangen, zu gefallen, oder, was seltener vorkommt, zu mißfallen, aber auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken. Darum bilden sich die einen einen manirierten und gesuchten Stil, die andern bemühen sich, geistreich oder originell zu sein, andere wieder tragen eine unnütze Plumpheit der Sprache zur Schau oder sprechen nur in auffallenden Metaphern oder Beschreibungen, die durch die unerträgliche Fülle schreiender Farben in die Augen springen. Das alles ist An-sky unbekannt. Er hat keinen Stil, ergibt seiner Phrase stets die einfachste und natürlichste Wendung, und nie blendet oder verblüfft diese durch irgendwelche Künstelei. Kurz und gut, An-sky ist die Aufrichtigkeit selbst, und auch die Bescheidenheit selbst. Er hat keine Ahnung, daß hinter dem schüchternen Aeußern seiner Geschichten ein wirkliches, tiefes, großes Talent schlummert. Während so viele andere den Wert ihrer mittelmäßigen Gaben übertreiben und das Maximum aller möglichen Vorzüge daraus zu ziehen wissen, setzt An-sky dagegen seine Künstlervorzüge herab und würde vielleicht über den lachen, der ihm sagte, daß seine Mittel als Schriftsteller ihm gestatten, sich den ersten modernen russischen Literaten zuzugesellen. Während die übrigen Romanschriftsteller in ihren Bestrebungen das Publikum im Sturm zu nehmen scheinen und ihren Lesern zu verstehen geben, daß sie sich noch lange nicht ausgegeben haben und der Roman oder das Drama, das sie vorbereiten, noch viel verblüffender als die schon erschienenen sein werden, legt An-sky in die einfachen Geschichten, die er erzählt, so viel von seiner eigenen Seele und seinem eigenen Selbst hrllein, daß man am Ende einer jeden seiner Novellen die Empfindung hat, der Autor habe seine ganze schöpferische Kraft verbraucht. Alle diese Züge bilden in ihrer Gesamtheit eine literarische Physiognomie von hohem Adel, und es ist kein Wunder, daß An-skys Schriften „trotz des vollständigen Mangels äußerer Mittel auf den Leser einen dauerhaften" und tiefen Eindruck Hervorbringen. Sie sind nämlich alle von einem sanften und diskreten Lyrismus durchdrungen, der weder durch geräuschvolle Töne, noch durch mehr oder weniger deklamatorische Phrasen zum Ausdruck gelangt; dieser Lyrismus will sich gar nicht durch Worte ausdrücken, sondern liegt einfach im Gefühl selbst, einem einfachen, wahren und aufrichtigen Gefühl, das der Autor bei der Niederschrift dieser Dinge empfindet. Gerade dadurch ist den Erzählungen An-skys, obwohl sie nur die reine Wirklichkeit schildern, die herrlichste Poesie eigen. II. In einem bestimmten Augenblick seines Lebens führte An-sky eine ähnliche Existenz wie Gorki. Er war Arbeiter, wenn ich nicht irre, Bergmann, aber Gorki war dieses Leben von den Umständen aufgedrängt worden, während An-sky die manuelle Arbeit aus Prinzip oder aus „Idee", wie man in Rußland sagt, gesucht hatte; das heißt, sein Gewissen verspürte das dringende Bedürfnis, die Vorteile der priviligierten Stellungen zurückzuweisen, ins Volk hinabzusteigen, sein Leben und sein Elend kennen zu lernen, mit ihm zu leben und ihn: womöglich durch seine Kenntnisse, die er sich als zivilisierter Mann erworben, nützlich zu werden. Unter der Einwirkung dieser Idee studierte An-sky die Arbeiterviertel der Städte und auf dern Lande, drang in die Nachtasyle und stieg sogar bis zu den Verbrecherkneiperr und in die Niederungen deö Volkes hinab. Die Beobachtungen, die er dort gemacht, die Typen, die er geschaut, die menschlicher: Seelen, die er studiert — er zeichnete sie mit jener großartigen Einfachheit, die ihm eigen ist, und gab uns so eine Galerie von Figuren, die weniger auffallend als die Gorkis, aber ebenso wahr und ebenso tragisch sind. Da sind zum Beispiel die beiden Weiber, eine Mutter mit ihrer Tochter, die beide betrunken, sich einiger Kopeken wegen in einer Kneipe schlagen; die blutende Mutter beklagt sich der Wirtin gegenüber und nimrnt sie.zum Zeugen für die Unverschämtheit der heutigen Kinder, die so wenig Respekt vor ihren Eltern haben („In einer Kneipe"). Ebenso lebenswahr ist in derselben Erzählung eine andere Säuferin, die sich im Schnapsnebel, der ihr vergiftetes Hirn umhüllt, plötzlich an ihr früheres Leben und ihre frühere Stellung erinnert und unter Schluchzen und Schlucken ausruft: „Ich bin im Gymnasium gewesen, ich habe Grammatik gelernt . . . Nominativ Kind, Genitiv Kind, Dativ Kind ..." In den Lebensbildern, die An-sky mit seiner feinen Feder entwirft, gibt es keine Voreingenommenheit. Ich will damit sagen, er wählt sich nicht selbst die Bilder, die er malen will, sondern wendet sich instinktiv den am tiefsten gefallenen Wesen, den vollständig im menschlichen Kampfe besiegten Geschöpfen

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