Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 8. Israelitische Wochenschrift. Nr. 1 abgesehen davon, daß sie vielleicht von selbst, ebenso wie ihre arischen Kommilitonen, den Wunsch haben, sich gerade mit Stammesgenossen zu irgend welchem Zwecke zu vereinigen. Wenn nun aber (was in absehbarer Zeit kaum eintreten dürfte) alle studentischen Verbände den Juden unbehindert Zutritt ließen, hätten die jüdischen Korporationen auch dann noch Existenzberechtigung? Unserer Anschauung nach: Ja; denn was die jüdischen Studenten zusammenführt, ist mehr als die bloße Konfession. Ganz besonders trifft dies zu auf die jüdischnationalen Verbindungen; sie hätten auch dann die gleiche Existenzberechtigung wie etwa jeder polnische oder japanische Studentenverein. Aber auch diejenigen jüdischen Korporationen, die nicht ausgesprochen national sind, hätten keinen Grund, sich aufzulösen oder eine erzwungene Auflösung als berechtigt hinzunehmen, wenn der Antisemitismus in der Studentenschaft abnähme; denn einerseits könnte auch hier der Wunsch nach Zusammenschluß mit Stammesgenossen vorhanden sein, und andererseits können die Aufgaben, denen sie sich gewidmet haben (Erziehung der Mitglieder zu selbstbewußten Juden, ganz zu schweigen von ihren wissenschaftlichen Aufgaben, für die wohl nur in den seltensten Fällen ein nichtjüdischer Student dasselbe Interesse haben wird, wie der Jude), nur in exklusiv jüdischen Verbindungen gepflegt werden. — Aus dem Gesagten geht hervor, wie wenig die deutsche nichtjüdische Studentenschaft Grund hat, sich über jüdische Verbindungen aufzuhalten, und wie falsches wäre, sie zugleich mit den christlich-konfessionellen Verbindungen zu bekämpfen, die ihre Existenz religiöser Intoleranz verdanken. Die selbstbewußten jüdischen Studenten hingegen sind gezwungen, wenn sie nicht ganz auf das Verbindungsleben und das Wirken in Verbindungen verzichten wollen, sich in exklusive jüdische Verbindungen zusammenzuschließen. bepräsentanten(lersammlnng. Am 27. Dezember, abends 7 Uhr, traten die Berliner jüdischen Gemeindeväter noch einmal zu einer letzten Sitzung im alten Geschäftsjahr zusammen. Einige pünktlich erschienene Herren hatten jedoch noch eine ziemlich lange Geduldsprobe in Harren und Bangen durchzumachen, ehe man an die Aufarbeitung des Restezettels gehen konnte. Es dauerte geraume Zeit, bis durch das Erscheinen noch einiger Mitglieder der Versammlung eine knappe Beschlußfähigkeit erreicht war. Zehn Herren waren schließlich anwesend. Gegen Schluß erhöhte sich ihre Anzahl auf zwölf. Der Hauptpunkt der Sitzung war wohl die Genehmigung einiger Rechnungsabschlüsse, die statutenmäßig noch in diesem Jahr .erledigt werden mußten. Zunächst wurden zwei Legate der Frau Paula Jacob im Gesamtbeträge von 20 000 M. angenommen; die Zinsen dieser Summe sind nach Abzug der Kosten für die Instandhaltung einiger Grabstätten für Zwecke der Armenunterstützung bestimmt. Der Abschluß der Altersversorgungsanstalt ergibt, daß im abgelaufenen Rechnungsjahr die Zahl der Insassen unverändert 240 betrug. Die Verpflegungskosten stellten sich in diesem Jahr wesentlich höher durch die höheren Preise des Fleisches und der Kartoffeln. Infolgedessen war die Verwaltung gezwungen, den eisernen Fond um 3000 M. zu erleichtern, ein Verfahren, das seitens der Kommission gerügt und auch von Herrn Manheimer als inkorrekt zugestanden wurde. Die Kommission zur Unterstützung Durchreisender hat einen Minderverbrauch von 587 M. zu verzeichnen. Bemerkenswert ist das starke Anwachsen solcher Personen, die vom Westen (gemeint ist^wohl im wesentlichen Amerika) nach ihrem östlichen Ursprungslande (in den meisten Fällen wohl Rußland) zurückwanderten. Es waren 987 Personen gegen 838 im Vorjahr. An Ausgaben wurden sodann noch bewilligt: 1500 M. zum Umbau der Kastellanswohnung in der alten Synagoge, 700 M. für das Abschreiben des Notenmaterials der Synagoge Rykestraße, 225 M. für Anschaffung eines Spindes für das Bureau in Weißensee. Die Vorlage betreffend Dienstanweisung für einen anzustellenden Schularzt wurde von der Tagesordnung abgesetzt, da der Referent am Erscheinen verhindert war. So ist denn auch die alte Reprüsentanten-Versammlung zu ihren Vätern und Vorgängern versammelt worden. Nun knüpft an das fröhliche Ende der fröhliche Anfang sich an. Der Jude in der russischen Literatur. (Die Erzählungen von S. A. An-sky). Von G. Savitsch. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. I. Im Alter von 18 Jahren konnte dieser Schriftsteller noch nicht schreiben. Sein Vater, ein ursprünglich sehr reicher Kaufmann, war eines Tages ruiniert. Damals zählte S. A. An-sky sechs Jahre. Er wuchs in vollständigem Elend, in so tiefer Not auf, daß seine Eltern ihm nicht einmal eine Elementarerziehung angedeihen lassen konnten. Später bildete er sich selbst und zwar sehr tüchtig, aber zu 18 Jahren war er noch Analphabet. Das heißt, er war nicht etwa unwissend; er hatte leider schon in dem großen Buche des Lebens geblättert, dem interessantesten, das man lesen kann, aber auch dem grausamsten. Einer meiner Freunde, der An-sky einige Jahre später kennen lernte, als er sich bereits die beiden Künste des Lesens und des Schreibens zu eigen gemacht hatte und sie wiederum den Kindern eines hauptsächlich mit Juden bevölkerten Dorfes beibrachte, erzählte mir über ihn einen reizenden Zug, der ebenso den Menschen, wie den künftigen Schriftsteller charakterisierte. Die Eltern seiner Schüler waren gute Juden, die die religiösen Vorschriften gewissenhaft beobachteten. Ihre Kinder arbeiteten Sonnabend nicht und waren sogar schon Freitag Nachmittag frei. An-sky versammelte sie an diesen Tagen bei sich und las ihnen die Werke der großen russischen Schriftsteller vor, die sich für ihr kindliches Verständnis eigneten. Jeder Schüler wurde angehalten, eine oder zwei Kopeken wöchentlich in eine gemeinsame Kasse zu zahlen. Man kaufte mit diesem Gelde die Volksausgaben von Tolstoi, Turgenjeff und Dostojewski. An-sky schuf auf diese Weise für seine Schüler und durch sie eine gemeinsame kleine Bibliothek, einen richtigen Herd der Solidarität, eine Art geistiges Zentrum. Die Kinder liebten diese Freitage, wo man sich an einem Tische versammelte, — nicht, um an einer langweiligen Grammatik zu arbeiten, sondern um interessante Geschichten zu lesen, gemeinsam darüber zu plaudern und zu diskutieren. Sie liebten auch ihren Lehrer. Die Muschiks, die im Dorfe wohnten, nannten An-sky den „schwarzen Juden". In diesem Spitznamen lag keine böswillige Nebendeutung; sie liebten im Gegenteil ebenfalls diesen trefflichen Menschen, der stets bereit war, andern mit einem guten Rat oder auch durch die Tat zu helfen. Sie nannten ihn den „schwarzen Juden" seiner Haare und seines Bartes wegen, die die Farbe des Ebenholzes aufwiesen. Als ich