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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · p. Seite 7

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 7 (sequence 18)
Language
German
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Nr. 1 Israelitische Wochenschrift. Seite 7. oft schwer errungenen Ueberzeugung, die Gefühle derer zu verletzen, die ihre Weltanschauung auf eine andere, auf eine metaphysische Grundlage aufbauen. Die jüdischen Sozialisten in England und Amerika wissen nichts davon, weil sie nicht durch Erziehung, nicht durch eine besondere Gemütsanlage zum Unglauben gelangten, nicht durch Gedankenarbeit, sondern durch ihren Trotz und ihren Haß. Ueber den Atheismus des Pöbels äußerte sich Heinrich Heine in seinen „Geständnissen" mit den Worten: „Als ich aber merkte, daß die rohe Plebs, der Janhagel ebenfalls diese Themata zu diskutieren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Tranlampe» leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergsprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken: da gingen mir plötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch meinen Geruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es gottlob! ein Ende." Jüdische Studentenverbindungen. In Hannover hat die Studentenschaft den Beschluß gefaßt, beim Senat der Hochschule dahin zu wirken, daß keine konfessionelle Verbindung, weder christliche noch jüdische und — wie auf Antrag des deutschnationalen antisemitischen Vereins deutscher Studenten hinzugefügt wurde — auch keine jüdisch-nationale geduldet werde. Soweit dieser Beschluß christlich konfessionelle Verbindungen betrifft, hat er für uns Juden kein tiefergehendes Interesse, und wir lassen hier die Frage, wie weit der in dem Beschlüsse der Hannoverschen Studentenschaft ausgedrückte Wunsch in bezug auf christlichkonfessionelle Verbindungen berechtigt ist oder nicht, außer acht. Was aber die jüdischen Studentenverbindungen anbelangt, müssen wir bemerken, daß der Wunsch nach ihrer Unterdrückung in jeder Beziehung ungerecht und ungerechtfertigt ist. — Zunächst schon geht es nicht an, die christlich-konfessionellen Studentenverbindungen in gleiche Linie zu stellen mit den jüdischen. Diese sind niemals „konfessionell" im Sinne der evangelischen oder katholischen Studentenvereine gewesen, sondern sie sind entstanden aus der natürlichen Reaktion heraus auf die allgemeine Ausschließung der Juden aus den meisten studentischen Korporationen und zur gemeinsamen Abwehr antisemitischer Angriffe, während für die Gründung der christlichkonfessionellen Verbindungen ein ähnlicher Grund nicht bestand. Es gibt keinen größeren studentischen Verband, der einen Unterschied machte in der Aufnahme von Protestanten oder Katholiken, ebensowenig wie es einen gibt, der Juden als Mitglieder aufnähme. Die antisemitischen Strömungen in den deutschen studentischen Korporationen begannen gleichzeitig mit dem Auftreten des politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus in den 70 er Jahren, und vielfach haben selbst Dozenten, wie z. B. Heinrich von Treitschke, nicht zum wenigsten zu ihrer Verbreitung beigetragen. Die studentischen Korporationen und Verbände teilten sich bald in Judenvereine und sogenannte paritätische, die angeblich Mitglieder ohne Ansehen der Konfession aufnahmen, re vera aber größtenteils nur aus Juden oder getauften Juden bestanden. In dem vorletzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts, als die Wogen des offenen und Radau-Antisemitismus am höchsten schlugen, da gründete sich im Jahre 1886 zu Breslau die erste jüdische Verbindung in Deutschland, die die Vereinigung selbstbewußter Juden in einer studentischen Korporation bezweckte, ohne daß ihre Mitglieder sich oder ihrem Judentume etwas zu vergeben hatten, und den Kampf gegen den Antisemitismus, vor allem mit der studentischen Waffe, zu ihrer Tendenz erhob. Es war dies die Verbindung „Viadrina" zu Breslau. Ihr folgten bald die „Badenia" zu Heidelberg, die „Sprevia" zu Berlin, die „Licaria" zu München und andere. In den 90 er Jahren schlossen diese Verbindungen ein Kartell, den sogenannten „K. C." (Kartell-Convent), der heute Verbindungen in Berlin, München, Breslau, Heidelberg, Freiburg, Bonn und Darmstadt umfaßt. Seine Tendenz ist „die Erziehung seiner Mitglieder zu selbstbewußten Juden und der Kampf gegen den Antisemitismus". Nach dem K. C. entstanden in Berlin, Charlottenburg, Breslau, München, Freiburg, Straßburg und Königsberg die „Vereine jüdischer Studenten" (V. I. St.), die im „B. I. C." (Bund jüdischer Corporationen) vereinigt sind. Der B. I. C. steht auf jüdisch-nationalem Boden, während der K. C. seinen Mitgliedern die Stellungnahme zu den innerjüdischen Fragen überläßt und von ihnen nur selbstbewußtes Judentum fordert, „unbeschadet der Pflichten gegen ihr deutsches Vaterland". Während die im K. C. vereinigten Verbindungen mehr auf das Studentische und das Auftreten nach außen Wert legen und ihre Mitglieder auch die Freuden des studentischen Korporalionslebens kosten lassen wollen, suchen die V. I. St.*), ohne ganz auf diese Seite zu verzichten, mehr ihre Mitglieder wissenschaftlich auszubilden und ihnen eine weitgehende Kentnis aller das Judentum, und namentlich das moderne Judentum, betreffenden Fragen beizubringen. Sie haben sich auch schon vielfach an wissenschaftlichen Arbeiten, wie an denen des Vereins für jüdische Statistik beteiligt, und geben eine eigene Zeitschrift, „Der jüdische Student", heraus. In jüngster Zeit sind außerdem zionistische Verbindungen entstanden, so die „Hasmonaea" in Berlin, die die Propagierung des Zionismus in der Studentenschaft und die Ausbildung ihrer Mitglieder zu ihren Zielen erhoben hat. Der kurze historische Ueberblick über die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Studentenverbindungen zeigt, wie ungerechtfertigt es ist, die jüdischen Korporationen mit den christlich-konfessionellen auf eine Stufe zu stellen. In dem Sinne, wie sie konfessionell sind, sind es alle Korporationen, die Juden den Eintritt verweigern. Eine Unterdrückung der jüdischen Verbindungen würde den selbstbewußten jüdischen Studenten einfach das Recht nehmen, aktiv zu werden. Die nichtjüdische Studentenschaft hat den Juden gezeigt, daß sie nicht mit ihnen in Korporationen zusammen zu sein wünscht, teils dadurch, daß die großen Verbände, sei es statutarisch, sei es gewohnheitsrechtlich, die Juden ausschließen, teils dadurch, daß die christlichen Studenten nicht in die paritätischen Verbindungen eintreten. So bleibt den Juden, die sich aus irgend einem Grund einer Korporation anschließen wollen, ohne sich oder ihrem Judentum etwas zu vergeben, nichts übrig, als sich in jüdischen Verbindungen zusammenzuschließen, ganz *) Die akademischen Lesehallenwahlen, bei denen aus den nationalen Parteien 10, der freien wissenschaftlichen Vereinigung 2 und dem Ver. jüd. Studenten ebenfalls 2 Vertreter hervorgegangen sind, haben das allgemeine Interesse an studentischen Organisationen wieder wach gerufen.

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