Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 6 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606365--9102-9606379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Israelitische Wochenschrift. Als Resultat unserer bisherigen Betrachtung ergibt sich, daß zur Zeit des zweiten Tempels im Schoße des Judentums eine reiche, vielgestaltige, metaphysisch angehauchte messianische Hoffnung sich ausgebildet hatte. Die Neuerungen sind zum Teil im Gegensatz gegen die alten prophetischen Hoffnungen zustande gekommen; sie sind aus der veränderten religiösen Grundstimmung des Judentums hervorgegangen, aber nicht ohne daß die Glaubensweise, die religiösen Sitten und Gebräuche der verschiedenen heidnischen Völker, mit denen es im Lauf der Zeit in Berührung kam, einen starken Einfluß ausgeübt hätten. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, kann die Apokalyptik bezeichnet werden als die der späteren jüdischen Gottesidee entsprechende Loslösung der messianischen Erwartungen von dem irdisch-politischen Ideale und deren Steigerung ins Uebernatürliche. Im Buche Daniel, der magna Charta der apokalyptischen Schule, liegt keimartig die neue Betrachtungsweise verborgen. Die frommen Zeitgenossen fanden hier eine eigenartige, ihrem religiösen Empfinden angemessene Form der Hoffnung: das ewige, durch das allgemeine Gericht eröffnete, mit den Gestirnen verbündete Reich der Heiligen, beherrscht von dem himmlischen Menschensohne. Die eigentlich treibenden Motive in der Ausgestaltung des neuen Hoffnungsbildes sind die unvermittelt hereinbrechende Gerichtskrisis und die Auferstehung. Damit wird die messianische Idee gleichsam aus den Angeln gehoben. Im Unterschiede zu dem prophetischen Messianismus bedeutet die Apokalyptik nicht Fortsetzung, sondern Abbruch, nicht Abschluß, sondern Antithese, nicht potenziertes Erdenleben, sondern Gericht über das vergangene und neuer Ansatz; sie ist nicht ein Finale, das an ein früheres Motiv anklingt, sondern ein neues Lied in höherem Chor. Lin jüdischer Htbcistcntcmpel in New Vork. Amerika ist wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es gibt kaum etwas Närrisches und Paradoxes, das nicht bei irgend einem Sonderling überm großen Teich eine verständnisvolle Teilnahme erweckt, und die Pankee-Schrullen bilden ja eine unverwüstliche Fundgrube für die lustige Ecke der europäischen Tagesblätter. Aber es handelt sich dabei immer nur um mehr oder weniger ernst gemeinte Späße gelangweilter Milliardäre. Sie sind durchaus harmlos. Das Närrische mit dem Gemeinen zu verbinden, blieb den jüdischen Sozialdemokraten Vorbehalten, die man nicht nur in New Port', sondern auch im Londoner Ghetto als Rowdies gefährlichster Gattung kennen lernen kann. Während der letzten Jom-Kippur-Feier, als die Juden "New Jorks fasteten und in den Synagogen ihre Andacht verrichteten, veranstalteten jene Sozialisten eine Volksversammlung in Brooklyn. Dort entfalteten sie die Pläne für eine Art von atheistischem Tempel, der im Herzen des Judenquartiers errichtet werden und ein Ersatzzentrum für alle Religionen, insbesondere für den alten jüdischen Glauben bilden sollte. Es wurden beträchtliche Geldsummen durch freiwillige Spenden gesammelt, und jetzt ist man so weit, um mit dem Bau beginnen zu können. Diese sauberen Feinde Gottes muß man kennen, um ihrem Werke und ihren Absichten eine gerechte Würdigung angedeihen zu lassen. Es sind das meistens ungebildete, unreife Burschen, deren Wiege in einem osteuropäischen Städtchen stand und die ihre Kindheit unter den allertraurigsten Verhältnissen zugebracht haben. Den an Leib und Seele Darbenden konnte von den Eltern nichts anderes fürs Leben mit- UM gegeben werden als der Glaube und die Hoffnung auf -die Hilfe Gottes. Die Schönheiten des' irdischen Daseins blieben ihnen verschlossen, und nur mit seinen Schattenseiten wurden sie vertraut. Dieses unbeschreibliche wirtschaftliche Elend im Verein mit einer grausamen politischen Unterdrückung schuf aus ihnen eine Gesellschaft finsterer Pessimisten, in deren Seele „ schließlich alle Regungen einem einzigen Gefühle weichen mußten, dem Gefühl der Rache. Freilich, unter dem schweren Druck ihrer heimatlichen Zustände blieben derartige Instinkte latent, da konnte diesen Empfindungen kein Ausdruck verliehen werden. Kaum aber haben sie die Ketten gesprengt, kaum haben sie ihren Fuß auf den Boden eines jener freien Länder gesetzt, das in ihnen den frei geborenen Menschen respektiert, da kommt der arllgespeicherte Zündstoff zur Explosion. Wie ein junges, feuriges Pferd, das nach langer Gefangenschaft wieder einmal an Luft und Sonne kommt, so stürmen diese entfesselten Menschen zügellos in der Freiheit umher; im Ueberschwall ihrer Empfindungen sehen sie kein Hindernis und rennen blindlings durch die Gassen, bis sie sich schließlich an einer Mauer die Schädel einrennen. Der erste Feind, gegen den sie stürmen, ist der alte Gott ihres Volkes, an den sie selbst einst glaubten und der ihre Hoffnungen getäuscht hatte Ihn machen sie zum ersten Opfer ihrer Rache. Gewiß kann man psychologisch vieles begreifen, auch den ungerechten Haß. Aber die bestialischen Formen, die er bei diesen freigelassenen jüdischen Sklaven annimmt, müssen Verzeihung und Mitgefühl vollständig ausschließen. Ich selbst war in London häufig Zeuge unglaublicher Dinge, und das Gleiche kann man in New Jork erleben. Zum Tag der größten Rache wählen die Sozialisten — die übrigens im Sozialismus noch weniger Bescheid wissen als im Judentum — den Versöhnungstag aus. Schon einige Wochen vor dem Feste kündigen sie auf Plakaten in jüdischdeutscher Sprache und in hebräischen Lettern einen großen Jom- Kippur-Ball an. In lästernden und höhnischen Redensarten ziehen sie die Vergleichung zwischen den traurigen Gesängen heiserer Chasanim und dem lieblichen Gesang der Soubrettistin L und der Operettendiva 4), zwischen dem Fasten der gläubigen Juden und dem Schmaus der Sozialisten. In der Tat beginnt dann am Kol-Nidre-Abend das Tanzvergnügen,^ das bis zum frühen Morgen dauert. Gegen Mittag wird dil^^». Belustigung wieder ausgenommen, bei Musik und heiteren Liedern, bei guten Speisen und Getränken — gewürzt durch sozialistische Reden — amüsiert man sich bis tief in die Nacht hinein. Das ist ein jährlich wiederkehrendes Schauspiel. Ihre Vergnügungslokale verlegen die tapferen Jünglinge stets in die Nähe einer Synagoge, und so oft das ernsteste Fest der Judenheit herannaht, an jedem Jom-Kippur berichten die Zeitungen von blutigen Schlägereien zwischen jüdischen Sozialisten und orthodoxen Juden. Nun werden die verblödeten atheistischen Misanthropen ihrem Haß ein Heiligtum errichten. Man darf ihre Versammlungen nicht etwa auf eine Stufe stellen mit den Andachten der freireligiösen Gemeinde, nein, nach den bisher gemachten Erfahrungen herrscht kein Zweifel, daß ihr „Tempel" ein Hetzpodium gegen die jüdische Religion und alles Jüdische darstellen wird. Freireligiöse und Ungläubige, die durch Erziehung, Gemütsanlage und Gedankenarbeit zu einer Überzeugung gelangen,; die vom Glauben der Masse abweicht, gibt's unter allen Völkern und allen Nationen. Ihnen verbietet schon ihre Bildung und die Heilighaltung der eigenen