Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 5 unlösliche Vorstellung. In dem „siebenten Himmel", der über allen liegt, verweilt die große Herrlichkeit im Allerheiligsten, hoch über jeder Heiligkeit, so formuliert das Buch Henoch die fromme Empfindung der Zeitgenossen. Das Ueberragen des Metaphysischen über das Religiöse zeigt sich deutlich darin, daß der Name „Gott der Himmel" ein stehender Ausdruck geworden ist und Himmel auch geradezu für Gott gesagt wird. Der Ausdruck, „die auf der Erde wohnen", ist der Apokalyptik stereotype Formel zur Bezeichnung der ungläubigen, unbußfertigen Welt; zum mindesten verrät sie, wie geläufig die Vorstellung eines innern Gegensatzes zwischen der untern Welt und den obern göttlichen Dingen geworden war. Der ursprüngliche lokale Gegensatz zwischen Himmel und Erde hat sich zu einem ethischen und religiösen verschärft. Es entspricht der apokalyptischen Denkweise, daß dieser Gegensatz zuletzt auf einen metaphysischen Hintergrund projiziert wird. Die Schlechtigkeit und Verderbtheit der Menschenwelt ist der Ausfluß einer dämonischen Macht. Das Eindringen des Hellenismus unter der Syrerherrschaft, die geschlechtlichen Ausschweifungen, der Luxus, die Kleiderpracht und alle Verführungs- •künste, das leichtfertige sophistische Disputieren und Räsonieren über alles Heilige und Hohe, diese ganze fremdländische, zweifelhafte Kultur schien den jüdischen Frommen wie ein böser Zauber, der ihr Volk geblendet hatte. Es kam ihnen vor, als ob ein Schwarm verderblicher Höllengeister über das Land hergefallen wäre, wie in den Tagen der Sündflut die bösen Engel vom Himmel herabgestiegen waren und die ganze Menschenwelt infiziert hatten. Ueberall in den literarischen Erzeugnissen jener Zeit wird jene alte Sage weitergesponnen. Die Söhne des Himmels, welche sich mit den Töchtern der Menschen vergingen, haben die Erde verdorben und die Dämonen ins Leben gerufen. Die Götter des Heidentums, welche von den verschiedenen Völkern verehrt werden und deren Geschicke leiten, gelten als ebenso viele widergöttliche oder untergöttliche Mächte, welche auf der Erde ihr Wesen treiben. Darum wird zuletzt die ganze Erde als das Herrschaftsgebiet des Obersten der Dämonen, des „Satan", ausgegeben. Er und seine Scharen heißen die Weltbeherrscher; er ist kurzweg der Gott dieser Erde. Das ganze Herrschaftsgebiet des Satan erscheint als ein Reich der Finsternis, welches der himmlischen Welt, dem Reich ^^es Lichts gegenübersteht. In der Glaubensvorstellung der ^.^dpokalyptiker bleibt also Gott dennoch der Allbeherrscher. Wenn er dem Bösen scheinbar das Feld räumt, so wird sich das mit dem Anbruch der messianischen Zeit wenden. Der Messias wird dann den Teufel mit seinen Scharen aufs Haupt schlagen und sie ihrer Macht berauben. Diese Lehren des Mystizismus bringt das Henochbuch. Nach ihm soll Azazel (Satan) an Händen und Füßen gebunden in die Wüste Dadael geworfen und von da am Tage des Gerichts in das Feuer geworfen worden. Die messianischen Erwartungen dieser Zeilstrecke bilden auch den treuen Spiegel dieser Zeit. Da der Erde Gestalt immer wüster und befleckter erschien, so wurde der Himmel mehr und mehr das religiöse Zentrum, die Zufluchtsstätte für alles, was den Menschen heilig vorkam. Das Attribut „himmlisch" wurde gleichbedeutend mit „heilskräftig", „messianisch", „beseligend". So redete man vom himmlischen Lohn, vom himmlischen Manna, vom himmlischen Leib usw. Hierauf beruht weiter eine doppelte Reihe von Anschauungen: auf der einen Seite der im Judentum sich verallgemeinernde Glaube an die Himmelfahrt der großen Gotteshelden nach ihrer irdischen Laufbahn, und auf der andern Seite die Meinung, daß die Heiligtümer Israels schon vor Erschaffung der Welt im Himmel zugegen waren. So die Vorweltlichkeit des Messias. Das Buch Henoch und das Buch Esra sprechen sich in diesem Sinn aus. „Noch ehe die Welt geschaffen, war der Name des Messias". Im talmudischen Schrifttum findet sich diese Lehre ebenfalls, aber sie wird unter einer Modifikation mitgeteilt, die jede Annahme von der Ewigkeit des Messias ausschließt. Es werden sieben Gegenstände aufgeführt, die vor der Weltschöpfung geschaffen wurden, zu denen auch der Name des Messias gehört. Auch die Angaben über die Ueberweltlichkeit und die göttliche Natur des Messias sind bei den Mystikern vertreten. Der Messias ist nach ihnen ein Mann von gewaltigen Geistesgaben, erfüllt von Weisheit, hohem Rechts- und Sittlichkeitsgefühl, ausgerüstet mit einer mächtigen Tatkraft, ein Sprößling aus dem königlichen davidischen Hause. Die Schriftbeweise für ihre Lehren sind zahlreich. Zu 1. Mos. 2. „und der Geist Gottes schwebte über den Wassern", fügen sie erklärend hinzu: „Das ist der Geist des Messias", als Beweis seiner Göttlichkeit und Vorweltlichkeit. (Sohar 1. 6. 128.) Andere Anführungen gelten dem Nachweise, daß der Messias ein Himmelswesen sei. Die erste ist die Stelle in Daniel 7, 13. „und mit den Wolken des Himmels kam wie ein Menschensohn und gelangte bis zu dem Hochbetagten", die auf den Messias gedeutet wird. Der Messias muß demnach ein Himmelswesen sein. Dagegen verstehen die Exegeten unter „Menschensohn" das israelitische Volk mit seinem Märtyrertum. Die zweite Schriftstelle ist Daniel 7, 9, von den zwei Thronen, welche Akiba dahin deutete, daß der eine Thron für Gott, der andere für den Messias bestimmt sei. Diese Erklärung hat bei den Lehrern seinerzeit die tiefste Entrüstung hervorgerufen, sodaß dem Akiba zugerufen wurde: wie lange noch wirst du die Gottheit Schechina profanieren! In keinem Teile der Messiaslehre jedoch treten die Differenzen der beiden Strömungen im Judentum, der mystischen und der rationalistischen, so schroff hervor, wie in bezug auf die Werke und Aufgaben des Messias. In den Prophetenreden von dem künftigen davidischen Messias sind die messianischen Heilsgüter, die Werke des Messias politische und ethische. Die Wiederherstellung des.davidischen Reiches, die Aufrichtung des davidischen Thrones, dem die Sammlung und die Rückkehr der zerstreuten Reste des israelitischen Volkes vorausgehen soll, wird als die Gründung eines Reiches des Rechtes und des Friedens für alle Völker verheißen. Der Messias ist der Friedensfürst und der Richter unter den Nationen, die sich um ihn scharen und dein so entstandenen Gottesreiche anschließen werden. Dagegen spricht die Mystik vorzugsweise von einer Menge messianischer Heilsgüter rein religiös-ethischer Natur, die jene gar nicht kennt. Dies sind: die Wiederherstellung des durch den Sündenfall Adams vernichteten, vollendeten Zustandes der Welt und der Menschen; das Brechen der Macht und der Herrschaft des Satan nebst dessen völliger Besiegung; die Befreiung der in der Hölle Schmachtenden; die Totenerweckung, die Gesetzeserneuerung; die Ausbreitung seiner Herrschaft über alle Völker; das Gerichthalten auf einem Throne neben Gott, u. a. m. Die Mystik sucht für diese Angaben gewisse Begründungen in den Schriften des alten Testaments auf, die natürlich von den Lehrern der VerstandeSrichtuug zurückgewiesen werden.