Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 4 rac: I jcljc Woä;e nsch i i ft. 'Jtr. 1 Beweismittel ausgehen — er zitierte ein Moschel, und zwar ein solches Mosche!, das nebenbei noch auf den Egoismus der Zuhörer genau zugeschnitten war. Wenn ihr nicht versteht, war der Sinn seiner Rede, daß der Freihandel und die unbeschränkte Einfuhr ausländischer Produkte die englischen Agrarier und Fabrikanten und indirekt auch die Arbeiter schädigt, so liegt das daran, daß ibr euch mit diesen Dingen zu wenig beschäftigt habt. Ihr werdet mich leichter verstehen, wenn ich statt Freihandel Freizügigkeit sage und statt Einfuhr ausländischer Produkte die Einfuhr ausländischer Menschen setze. Das eine wie das andre stört den nationalen Charakter des Landes und hemmt den wirtschaftlichen Aufschwung des Arbeiterstandes. Jetzt hatte ihn die Versammlung verstanden, jetzt klatschten ihm alle lebhaften Beifall. Nunmehr folgte in der Rede ein Passus, der dem imperialistischen Politiker trotz seiner feindseligen Haltung die Sympathie gerecht denkender Juden zuführen muß. Man muß sich freilich einen Moment in den Geist eines englischen Patrioten versetzen können und etwa vorstellen, was ein preußischer Staatsmann unter den gleichen Verhältnissen gesagt und getan hätte. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob die Einwanderung osteuropäischer Juden dem englischen Volk wirklich zum Schaden gereicht und ob sie etwa durch ein nach britischen Traditionen annehmbares Gesetz verhindert werden könnte. Chamberlain jedenfalls hat die Ueberzeugung davon, er glaubt es. Wäre er ein preußischer Staatsmann, was würde er dann getan haben? Nun, wir brauchen nicht zu prophezeien; denn es liegen handgreifliche Beweise vor sowohl aus der Zeit des Fürsten Bismarck als auch aus der Aera des Grafen Bülow. Wir wissen, daß man in Preußen nicht nur den Zuzug russischer Juden inhibierte, sondern auch mit rücksichtloser Härte solche „Fremden" auszuweisen beliebte, die seit vielen Jahren im Lande saßen und durch Konnubium und Kommerzium in ein schier unlösliches Verhältnis zur Adoptivheimat getreten waren. Dabei waren die ausländischen Juden in Preußen übers ganze Land verteilt und repräsentierten in ihrer Gesamtzahl noch nicht so viele, wie in einer einzigen Straße des Londoner East-End wohnen. Nein, in Preußen lag kein Grund vor für diese brutale Judenpolitik, deren Grausamkeit nicht einmal durch ein Wort des Bedauerns oder ein Zeichen des Mitleids gemildert wurde. Chamberlains Taktik zeichnet sich gegenüber solcher kleinlichen Politik, deren schikanöse Art wir bis in die neueste Zeit verfolgen können, durch jenen hohen Zug aus, der den englischen Politiker auch in den Fesseln der Staatsraison immer als einen Gentleman erscheinen läßt. Chamberlain begnügte sich daher nicht mit der Empfehlung eines Einwanderungsverbots, sondern sprach ungefähr so: Ich will auf diese armen Menschen aber keinen Stein werfen. Sie sind unglückliche Geschöpfe, die von einem barbarischen Volk vertrieben werden und nicht zu uns kommen, um uns zu ärgern und zu schädigen, sondern weil sie' keinen anderen Schlupfwinkel finden. Hier ist ein Problem, über das man Nachdenken muß, diesen Juden muß geholfen werden auf eine Weise, durch die die englische Nation keinen Schaden leidet. Die beste Lösung für sie und für uns wäre, wenn man diesen armen Leuten ein Land geben könnte, das unter britischer Flagge steht und in dem sie frei und ungestört nach ihrer Religion und ihren Sitten leben könnten. Uebrigens, ist es denn für die Juden selbst hier ein so glänzendes Leben? Ist es denn gut für Menschen, dem Vieh gleich in engen Käfigen zusammengepfercht zu sein und für ein paar Pfennige den ganzen Tag zu schuften? u. s. w. Um wie vieles überragt dieser Chamberlainsche Fremdenhaß die hochgerühmte Duldsamkeit der preußischen Regierung! Nach der Auffassung unserer jüdischen Ethik stehen sie allerdings beide noch niedrig genug. Im alten jüdischen Reich wurde der nationale Geist des Volkes tatsächlich durch die Sitten der Fremden verdorben. Die Religion der Heiden, ihre obscönen Kulte, ihre sinnlichen Feste und Orgien erweckten häufig genug Nachahmung bei den Juden und gefährdeten den sittlichen und materiellen Bestand der Nation. Gleichwohl richteten die Propheten ihren Zorn und ihren Fluch nur gegen die Juden und gegen die Nachahmung der fremden Sitten,-..^ nicht aber gegen die. Fremden selbst. Eine Fremdenvertreibung^ oder ein Einwanderungsverbot existierte im jüdischen R^ich nicht. Hier galt höher als das eigene Wohl der oberste Grundsatz aller Zivilisation: Nimm dich des Fremdlings an, .der in deinen Toren wohnt; denn auch du warst einst ein Fremdling in Mizrajim. Der prophetische und der apokalyptische Messias. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Es gibt keinen Punkt, in dem sich das Judentum des zweiten Tempels so scharf von dem älteren Judentum abhebt, als die Vorliebe für die himmlische Welt. Der Himmel, für den alten Hebraismus der Gegenstand einer diskreten und nüchternen Betrachtung, wird in Daniel und in Henoch zum Tummelplatz für die apokalyptische Phantasie. Während der Propheten Blick und Interesse sich der Gegenwart und der nächsten Zukunft zuwendet, wird diese zeitliche Dualität im spätern Judentum durch den lokalen Dualismus zwischen unten und oben in den Hintergrund gedrängt. Dieser Zug nach der obern Welt steht in Wechselbeziehung mit der zunehmenden ungünstigen, abfälligen Beurteilung des „Unten" in den apokalyptischen Schriften. Die Erde gilt ihnen als eine Stätte der Ungerechtigkeit, der Befleckung, der Unreinheit. Die Gewalt- und Bluttaten der fremden Herrscher, der offene und geheime Abfall der eigenen Volksgenossen seit der Makkabäerzeit haben der weltmüden Stimmung energisch Vorschub geleistet. Der Verfasser der Jubiläen weiß, da „die Erde von aller Sünde und von all ihrem Schmutz" ge reinigt werden muß. Die griechische Baruchapokalypse malt diesen Gedanken weitere so aus, daß die Krone der Sonne jeden Abend erneuert werden müsse, weil sie und ihre Strahlen auf der Erde durch die Gesetzesübertretungen der Menschen, Buhlerei, Ehebruch, Diebstähle, Raub befleckt werden. Spricht schon aus diesen starken* Bildern eine tiefe Empfindung für den Unwert alles Irdischen, so kommt sie besonders noch darin zum Ausdruck, daß man die Wurzeln des Elends bis auf Adam zurück verfolgt und ein allgemeines unentrinnbares Gesetz der Sünde und des Todes seststellt. Ueber der ganzen Schöpfung lastet seit der Uebertretung Adams der göttliche Fluch. „Diese Welt ist voll von Trauer und Ungemach" ruft Pseudo-Esra. Alle Kreaturen, die persönlichen Wesen, wie die Tier- und Pflanzenwelt seufzen unter diesem Druck und sehnen sich nach Befreiung von diesem Erdenlos. In dem Maße aber, wie das Verderben sich unter uns ausbreitet, zieht sich Gott nach oben, in den Himmel zurück. Das Wohnen im Himmel, und zwar im höchsten, unerreichbaren Himmel, wird jetzt eine von dem Gottesgedanken ganz V/