Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- Seite 690 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das will ich dir", erwiderte Gamliel, „durch ein einfaches Gleichnis erklären: Eine hochstehende Frau, deren Gatte seine Liebe einer andren zuwendet, fühlt sich dadurch gerade dann gekränkt und beleidigt, wenn die Rivalin tief unter ihr steht, "i) „Es steht in eurer Lehre (Deuter. 15, 10) geschrieben", sagte ein Philosoph zu Gamliel: „Geben sollst du ihm (dem Armen) und laß nicht leid sein deinem Herzen, wenn du ihm gibst; denn um dieser Sache willen wird dich segnen der Ewige dein Gott in all deinem Werk und in allem Geschäft deiner Hand". „Wäre es denkbar, daß jemand sein Hab und Gut für andere verschwendet, ohne die Befürchtung zu hegen, er könnte dadurch selbst in Not geraten und auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein?" „Denke dir", versetzte Gamliel, „es wendet sich Jemand an dich um ein Darlehen, und eine hochstehende Persönlichkeit, ein König, bürgt für ihn. Ich zweifle nicht, daß du ihm seine Bitte gewähren wirst." „Gewiß", entgegnete der Philosoph, „in solchem Fall werde ich mich keinen Augenblick besinnen, mich meinem Nebenmenschen gefällig zu zeigen." „Nun, so höre", fuhr Gamliel fort, „was die heilige Schrift uns lehrt: „Es leihet dem Ewigen, wer gegen den Armen mildtätig ist, und seinen Lohn wird er ihm zahlen" (Proverbia 19, 17). Da der lebendige Gott der Bürge der Armen ist, so brauchen wir nicht zu fürchten, wir könnten durch unsre Mildtätigkeit dereinst selbst in Not geraten. "2) Einst richtete ein Gottesleugner an Gamliel folgende Frage: „Nach eurer Lehre ruht die göttliche Majestät aus jeder Versammlung von zehn Betenden. Da solche Versammlungen an verschiedenen Orten stattsinden, wie hoch mag nun die Zahl der göttlichen Majestäten sein, die über diesen Versammlungen ruhen?" Ohne ihm zu antworten, rief Gamliel dessen Sklaven herbei und versetzte ihm einen leichten Schlag auf den Hals. „Warum schlägst du ihn?" fragte der Gottesleugner. „Weil er so unaufmerksam gegen dich, seinen Herrn, ist", erwiderte Gamliel. „Die Sonne brennt dir ja ins Gesicht, und dieser Mensch bemüht sich nicht, die sengenden Strahlen von dir abzulenken." „Du verlangst von ihm", gab der Gottesleugner zurück, „etwas unmögliches. Verbreitet nicht die Sonne ihr Licht über die ganze Erde? Wer vermag ihren sengenden Strahlen die Richtung vorzuschreiben?" „Ja, ja, du hast recht", entgegnete Gamliel, „und ich war aus deine Antwort auch gefaßt. Doch hast du darüber schon nachgedacht, daß die Sonne, die mit ihrem Licht die ganze Erde umstrahlt, nur ein matter Abglanz des Lichtes ist, das, von der Majestät Gottes ausgehend, die ganze Welt erfüllt? "3) Ein abtrünniger Jude, namens Sonan, sagte einst zu Gamliel: „Wir beide wissen doch, daß die Götter der Heiden nichtig sind, wie aber kommt es, daß trotz alledem Kranke und Unglückliche bei ihnen Heilung und Trost finden?" „Du scheinst nicht zu wissen", erwiderte Gamliel, „daß auch Krankheiten und Unglücksfälle von Gott gesandte Boten sind, die die Menschen nicht eine Minute eher heimsuchen und auch nicht eine Minute später verlassen, als wie es von Gott im voraus bestimmt war. Wenn nun ein Leidender gerade in dem für seine Genesung von Gott im voraus bestimmten Aboda Sara 55 a. 2) Mechilta z. Stelle led. Hoffmann S. 9). 2) Sanhedrin 39a. Moment seine Zuflucht nur ein blinder Zufall, die Heilung aber „Ich weiß", sagte ein Gottesleugner zu Gamliel, „r/W euer Gott tut und wo er sich jetzt befindet." Gamliel antwortete ihm nicht sogleich, sondern stellte sich, als ob er zerstreut wäre, und stieß, nachdem einige Minuten verstrichen waren, einen schweren Seufzer aus. „Warum seufzest du?" fragte jener. „Das will ich dir sagen", erwidert Gamliel. „Ich sehne mich nach meinem Sohn, der vor einigen Jahren eine überseeische Reise angetreten hat. Ich weiß nicht, wie es ihm geht und wo er sich jetzt befindet; vielleicht kannst du es mir sagen?" „Woher soll ich das wissen?" entgegnete der Angeredete. „Siehst du", versetzte Gamliel, „du weißt nicht, was auf der sichtbaren Erde vorgeht, und behauptest zu wissen, was unser unsichtbarer Gott vor hat."2) Bei einer andern Gelegenheit sagte derselbe zu Gamliel: „Ihr behauptet, Gott zählt die Sterne (Psalm 147, 4), was ist da großes daran? Auch ich vermag diese.s." „Und wieviel Zähne hast du im Mund?" fragte Gamliel. Der so Abgeführte steckte einen Finger in den Mund, um die Zähne zu zählen. Da sprach Gamliel: „Törichter Mensch! Du weißt nicht, wieviel Zähne du im Mund hast, und behauptest, die Zahl der Sterne am Firmament zu wissen!"2) „Nach der Aussage eurer Schrift", bemerkte ein Heide zu Gamliel, „müssen Berge und Wind zwei verschiedene Urheber gehabt haben; denn es heißt (Amos 4, 13): Der Bildner der Berge und der Schöpfer des Windes." „Wäre dieser Schluß richtig", entgegnete Gamliel, müßte man annehmen, daß auch der Mensch zwei verschick Urheber habe, da es doch heißt (Psalm 94, 9): Wev d'u^ Ohr gepflanzt, muß doch hören! Wer das Auge gebildet, muß doch wohl sehen!" „Allerdings", erwiderte der Heide, „muß man dies annehmen." „Und zwei verschiedene Wesen", fertigte ihn Gamliel ab, „sollten in der Todesstunde so übereinstimmend wirken?"^) Einem Philosophen, der an Gamliel die Frage richtete: „Euer Gott ist zwar ein großer Maler, aber fand er für sein Werk nicht die gehörigen — im zweiten Vers der Genesis genannten — Farben vor?" weist er nach, daß die fraglichen Dinge: Finsternis, Tiefe, Wind und Wasser in der heiligen Schrift selbst als erschaffen bezeichnet werden.5) Auch die Tochter des Gamliel übernahm es einmal, einen Ungläubigen meisterhaft zurechtzuweisen. Ein solcher sagte nämlich zu Gamliel in Gegenwart seiner Tochter: „Euer Gott ist ein Dieb, denn er hat dem Adam heimlich eine Rippe entwendet". Die Tochter des Patriarchen trat an den Spötter heran und sagte zu ihm: „Herr! Vielleicht kannst du mir Genugtuung verschaffen. Ein Dieb schlich sich heimlich in mein Haus, stahl mir eine silberne Tasse und ließ mir dafür eine goldene zurück." „Einen solchen Dieb", meinte der Angeredete, „kann ich nur loben, und solche Diebstähle wünsche ich mir täglich." „Siehst du", versetzte die Tochter Gamliels, „so eine. Art von Dieb ist unser Gott: Er hat dem Adam eine Rippe entwendet und ihm dafür ein schönes Weib gegeben." 1) Aboda Sara 55 a. 2) Sanhedrin 39 a. 3) Jbid. 4) Jbid. 5) Genesis Rabba Kap. 1.