Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 660 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 660. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. flüsse sind hier im Spiel. England und Rußland suchen ihre Hand auf Persien zu legen. Dre Engländer glaubten, daß wir für die Russen Partei ergreifen, wenn wir die jüdischen Schüler aus den Kongreganistenschulen heransnehmen. Aber das Zentral-Komitee weiß es wohl, daß wir sofort nach unsrer Ankunft in Jspahan an die Anglo-Jewish Association einen Bericht sandten, worin wir die Einführung der englischen Sprache in unsre Schulen als eine Notwendigkeit erwiesen. Es ist abscheulich, überall politische Motive zu wittern, auch dort, wo keine Spur davon vorhanden ist. Trotz aller Kämpfe verloren wir unser Hauptziel nicht aus den Augen. Drei Monate nach unsrer Ankunft, am 1. August, wurden die Schulen feierlich eröffnet und sie entwickelten sich seitdem nicht ohne Störungen, jedoch im ganzen in normaler Weise. Die Kongreganisten gaben bis heut, nach vierjährigen Intrigen, die Hoffnung nicht auf, ihre Institute sich auf Kosten der unsrigen wieder füllen zu sehen. Noch zuletzt versuchten sie, die Fleischsteuer zu unterdrücken und dadurch unsre Finanzen zu schädigen. Aber das sind nur die letzten Anstrengungen eines Gegners, der sich nicht für besiegt erklären will. Man täte aber besser daran einzugestehen, daß unsre Schulen im Lande starke Wurzeln geschlagen haben und nunmehr einen integrierenden Teil der Gemeinden bilden. Das Zentral-Komitee hat durch seine beträchtlichen Aufwendungen den Hauptanteil an diesem Erfolg; die arme Gemeinde kann kaum 1800 Frcs. jährlich beisteuern. Mit den vom Zentral-Komitee bewilligten Mitteln konnten wir die beiden Schulhäuser bauen, später die beiden Höfe und eine Erfrischungshalle einrichten, die Knabenschule vergrößern und in der Mädchenschule drei neue Klassenzimmer einbauen. Ferner wurden 200 Schüler täglich gespeist und 360 jedes Jahr neu eingekleidet. Im letzten Jahr konnte auch bereits das Lehrlingswerk auf solider Basis organisiert werden. Sind nun diese großen Opfer der Alliance durch die Resultate einigermaßen gerechtfertigt? Mir scheint es nach vier Jahren noch zu früh, diese Frage mit Sicherheit zu beantworten, doch führen folgende statistische Daten bereits eine beredte Sprache. Einen Monat nach der Eröffnung der Knabenschule zählten wir 220 Schüler/) in den Jahren 1902/03 waren es 350, in diesem Jahr 400. Die Mädchenschule zeigt dieselbe Steigerung des Besuchs: 75 Schülerinnen bei der Eröffnung, jetzt 270. Die Zahl hat sich im Verlauf von 4 Jahren mehr als verdreifacht. (Schluß folgt.) Liternriscbes. Eine neue H*redigtsammlurrg. In irgend einem germanistischen Buch fand ich jüngst die Bemerkung, daß Lesen mit dem altdeutschen 1ei§a — Spur, Eindruck, zusammenzustellen sei. Lesen sei: Eindrücke sammeln. Zu den Büchern, die diese uns kühn erscheinende Ethymologie zu rechtfertigen vermögen, gehören die soeben erschienenen Festpredigten des Lübecker Rabbiners Dr. Carlebach**). Es ist ein echtes Labsal in dieser *) Am Tage der Eröffnung wurden 336 Schüler eingeschrieben. Davon blieben jedoch die Kinder derjenigen Eltern fort, die naiverweise glaubten, daß wir ihnen nach dem Beispiel des Herrn Garland eine kleine Rente zahlen würden. **) Das Gebet des R. Nechunja, erklärt in 7 Festpredigten. Bremen. Welt voll ganzer Anfänge und halber Ausführungen, voll begeisterter Erhebung und flügellahmen Niedersinkens etwas Rundes und Gesundes, etwas Ganzes und Gutes zu finden, Männer, deren Worte brunnentief und quelle^risch sind, weil aus den Worten ein treues, in des Lebens Stürmen erprobtes Herz spricht. Was uns die früheren Reden des verehrten Verfassers lieb machte, eignet auch diesen Predigten. Nicht durch glänzende Stilistik, nicht durch tönende Tiraden, nicht durch das Feuerwerk blendender Antithesen sucht der Verfasser den Leser zu berücken. Schlicht und doch schön, klar und doch tief ist hier Gedanke und Ausdruck, und über allem liegt der Sonnenschein eines wahrhaft frommen gotterfüllten Gemüts, das aus der Tiefe seiner religiösen Erfahrung und aus dem reichen Born jüdischen Wissens selbsterlebte Wahrheiten mitteilt. Frei von aller schulmäßigen Schablone, sind diese Reden im edelsten Sinn volkstümlich und nach Textwahl und Ausführung durchaus bodenständig und urwüchsig; der Lehre zugewandt, sind sie auf das Leben gerichtet. Es geht durch sie ein gesundes Streben nach Aktualität. Es ist wahrhaft erfrischend gegenüber den bleichsüchtigen, weltfremden, erdenfernen Expektorationen andrer Prediger, Aus. führungen wie folgende zu lesen: „Wenn wir nur einig sind, wenn wir nur wollen, dann können wir's", so lautet die Pck^h > einer großen Bewegung, die zahlreiche Geister ergriffen, viele edle Herzen entflammt hat. Es ist jedenfalls das Verdienst dieser Bewegung, daß sie viele erkaltete Herzen wieder erwärmt, viele gleichgiltige Genossen aus ihrer Teilnahmslosigkeit aufgerüttelt hat, daß sie so manchem die Augen geöffnet hat und ihn hingewiesen auf das Elend, unter dem seine Brüder schmachten, ihm selbst die Fesseln gezeigt, die er am eignen Körper getragen!" Oder „das Judentum hat menschliche Betätigung nie verpönt, sondern stets verlangt. Der Gedanke des Gesundbetens ist auf jüdischem Boden nicht gewachsen. Das Judentum nennt Gott den Arzt allen Fleisches, den treuen Arzt, und verlangt -doch einen sterblichen Arzt zu befragen. Es nennt Gott, den Herrn, der alles nährt und speist, und gebietet doch: Sechs Tage sollst du arbeiten". Oder „der Meister erreicht fast spielend das Höchste. Das wird uns besonders klar, wenn wir die Fortschritte betrachten, die der Menschengeist im Lauf der Entwicklung der Jahrtausende gemacht. Ich fürchte nicht, mißverstanden zu werden, wenn ich, um das an Beispielen klar zu machen, diese nicht aus der allgemeinen Menschheitsgeschichte wähle, sondern dazu Vergleiche heranziehe, die unsren heilige^ Quellen entnommen sind. Abraham, der im Zeitalter des Beginns menschlicher Kultur lebte, mußte das Feuer, dessen er auf dem Berg Morija benötigte, drei Tage mit sich tragen. Heute führt jeder in der Westentasche das kleine Hölzchen bei^sich, um mit ihm im Augenblick, wo er immer weilt, den Brand zu entfachen. Um beim Fest des Wafferschöpfens die Lichter im Tempel,zu entzünden, mußten erst Dochte gedreht, Leitern herbeige'schleppt, aus großen Oelkrügen die Lampen gefüllt und dann die Lichtlein mühselig angesteckt werden. Heute drückt man auf einen Knopf, und der größte Palast erstrahlt in einem Meer von Licht. 70 000 Lastträger und 80000 Holzhauer hatte Salomon nötig, um die Steine und die Zedern zum Bau des Tempels herbeizuschaffen. Heute drückt man auf einen Hebel, und spielend hebt die Maschine aller Menschenkraft spottende Lasten in be- - liebige Höhe. Der Ausrufer Kerini mußte seine ganze Lungenkraft aufbieten, um die Priester im Heiligtum zu ihrem Dienst zusammenzuberufen. Heute befähigt die vollendete Technik ein