Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 659 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 669. Als das Zentral-Komitee uns mit der Gründung der Schulen in Jspahan beauftragte, machten wir uns sofort auf den Weg, von dem Wunsch beseelt, zu unserm Teil an der Hebung der Israeliten in diesen fernen Gegenden mitzuwirken. Auf die ungewöhnlichen Umstände, unter denen sich unsre Reise vollzog, die vielen Hindernisse, die sich uns wie zum Vergnügen entgegenstellten, brauche ich heute nicht zurückzukommen. Wir reisten von Konstantinopel am 33. Oktober 1900 ab und gelangten am 1. Mai des folgenden Jahres an unser Ziel. Der begeisterte Empfang von seiten der Gemeinde ließ uns hoffen, daß unsre Glaubensgenoffen uns unsre Aufgabe erleichtern und schätzbare Mitarbeiter für uns sein würden. Leider war diese Hoffnung von kurzer Dauer. Um den Charakter der Schwierigkeiten aller Art gut zu verstehen, muß man sich den Geisteszustand vergegenwärtigen, der im Moment unsrer Ankunft in der Gemeinde herrschte. Die hiesigen Israeliten gaben sich von der wahren Natur unserer Mission keine Rechenschaft. Niemand hatte ihnen bisher von der Alliance oder ihren Werken erzählt. Sie wußten nur, daß gutherzige Leute, bewegt von den Berichten über ihre Leiden, sich entschloffen hatten, diesen ein Ende zu machen. Wie, durch welche Mittel, darum machten sie sich * &£ Sorgen. Für sie waren die Schule, der Unterricht Dinge, die erst in zweiter Linie kamen. Sie wünschten sich einen von allen anerkannten Führer, der ihre Interessen in die Hand nähme und mit den Behörden ein kräftiges Wort zu sprechen wüßte, um den Verfolgungen ein Ziel zu setzen und sie im Nu aus ihrem tiefen Elend emporzuheben. Sie erwarteten, daß sie von jetzt an ein leichtes, bequemes Leben führen könnten dank den Mitteln, die wir ihnen zur Verfügung stellen würden. Welche Gerüchte und welche Legenden hatten sich über uns verbreitet! Die Einen erzählten sich, daß wir nach Jspahan kämen, um die Millionen des Baron Hirsch zu verteilen, und daß uns 200 mit Gold und Silber beladene Kamele folgten. Andre wollten gesehen haben, wie wir diese Schätze in der „Persischen Bank" deponierten. Die Bescheidensten hofften auf eine anständige Pension für ihr ganzes übriges Leben. Wie konnten diese Gerüchte aufkommen? Wer hatte sie zuerst aufgebracht? Das suchten wir zunächst festzustellen, um das Uebel an der Wurzel zu treffen. Wir erfuhren, daß die Israeliten in Teheran seit der Ankunft des Herrn Cazes daselbst, unaufhörlich an ihre Glaubensgenossen in Jspahan Briefe geschrieben, worin sie ihre Freude und ihr Glück darüber ausdrückten, daß ein Vertreter der Alliance unter ihnen weile. In den Briefen wurden alle - Schritte 'und Handlungen des Herrn Cazes enthusiastisch und mit der üblichen Uebertreibung beschrieben. Man rühmte seine Freigebigkeit, man pries sein Ansehen bei den Behörden und den Glanz, der von ihm auf die Gemeinde zurückstrahlte. Mehr bedurfte es nicht, um die Gemüter des Jspahaner aufs höchste zu erregen. * Man darf sich über den Gedankengang der armen Leute nicht wundern. Soviel Jahrhunderte der Unterdrückung waren über sie dahingeschritten, daß sie von den Dingen der großen Welt keinen klaren Begriff mehr hatten, und daß sie den Abstand zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen den geheimen Wünschen ihres Herzens und den wahren Zweck unsrer Sen- düng nicht zu erkennen vermochten. Wir mußten ihnen eine / arge Enttäuschung bereiten. Statt daß ein Goldregen auf sie niederfiel, wurden sie aufgefordert, zu den Kosten der Schulen hr Scherflein beizutragen. Es waren traurige Momente für uns, als wir ihre Niedergeschlagenheit, ihre Verzweiflung mit ansehen mußten, und als gerade jetzt die Missionare, die abtrünnigen Juden, die fanatischen Priester und alle die sich uns in den Weg stellten, die unsre Anwesenheit in Jspahan übel vermerkten. Die Geschichte unserer Schulen ist zugleich die Geschichte unserer Streitigkeiten mit den Kongreganisten. Diese versuchten zunächst, die Gemeinde von einer Subventionierung unserer Schulen abzubringen. Als es ihnen nicht gelang, wußten sie Aga-Nadjafi dazu bestimmen, den Mohammedanern den Besuch unserer Schulen zu untersagen*) und die Lehrerinnen in brutaler Weise zu verjagen, die unsre Mädchen im Nähen unterrichteten. Der Direktor der protestantischen Schule, Garland, wiederum brauchte alle Mittel der Drohung und der Ueberredung, er verbreitete Geld mit vollen Händen, schickte seine Abgesandten in die Häuser, um die Eltern zu bestechen, und stellte Leute auf der Straße auf, die ihm die Kinder mit Gewalt zuführen sollten. Als infolge dieser Maßregel sich unsere Schulen entvölkerten, sahen wir uns zu gewiffen Zwangsmaßregeln gegen die genötigt, die ihre Kinder zu den Kongreganisten schickten. Nun hatten wir die ganze Welt gegen uns. Der englische Konsul interveniert persönlich mehrere Male bei Zelles-Sultan, um die Schließung unsrer Schulen durchzusetzen. Dardachti bringt die Mohammedaner gegen uns in Aufruhr, Garland sucht uns zu diskretieren, indem er die törichtsten Verleumdungen über uns verbreitet. Durch lügenhafte Berichte sucht er sogar die Anglo-Jewish Affociation gegen uns in Bewegung zu setzen. Die englische Gesandschaft fordert uns endlich in gebieterischem, ja drohendem Tone aus, unsere Maßregeln zurückzuziehen. Wir wehrten uns unserer Haut so gut wir konnten. Wir verhandelten mit Aga- Nadjafi und erlangten, daß er den mohammedanischen Lehrerinnen den Unterricht bei uns wieder gestatte. Wir gaben dem Gouverneur zu verstehen, daß er eine schwere Verantwortlichkeit auf sich lade, wenn er sich von Herrn Preece, dem englischen General-Konsul in Jspahan, umgarnen lasse, und daß er durch sein willkürliches Verfahren gegenüber unfern Schulen sich die französische Gesandschaft in Teheran auf den Hals ziehen und überdies mit seinem Bruder, Muzaffer-eddin Schah, in Konflikt geraten würde. Wenn Herr Hardinge (der englische Gesandte in Teheran) geglaubt hat, uns durch seine Drohdepeschen einzuschüchtern, so sollte er bald begreifen, daß er auf falschem Wege war.**) Wir schrieben ihm höflich, daß er sich in die Angelegenheiten der Gemeinde nicht einzumischen habe und daß diese im Recht sei, wenn sie solche Maßregeln ergreife, wie sie sie zum Schutz ihrer moralischen und religiösen Interessen für nützlich erachtet. Aber, so höre ich Sie fragen, woher denn soviel Haß und soviel Erbitterung? Missionsschulen bestehen doch nicht nur in Jspahan, niemals aber hat der Kampf zwischen ihnen und den Instituten der Alliance solche Schärfe und Animosität angenommen. Die Antwort ist, daß sich die Frage hier durch das politische Moment kompliziert. Zwei widerstreitende Ein- *) Wir hatten zu einem Zeitpunkt bereits 30 mohammedanische Schüler, die zu den besten Familien Jspahans gehörten. **) Das war immer die Taktik der Missionare; jedesmal, wenn die Gemeinde das Joch der Kongreganisten abschütteln wollte, wandten sich diese an hohe Würdenträger, die unsre unglücklichen Glaubensbrüder durch Drohungen und Gewalttätigkeiten gefügig machen mußten. So gedachten sie auch mit mir umzuspringen.