Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 656 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 656. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Stimme laut geworden, daß aus diesem Beschluß Unzuträglichkeiten erwachsen seien. Es liegt somit kein Grund vor, an der einmal getroffenen Einrichtung zu rütteln. Wer es gleichwohl tun will, der bekundet die Absicht, seinen Willen unter allen Umständen zur Geltung zu bringen, auch ohne Gründe. Denn davon kann ernstlich nicht die Rede sein, daß die Orgel untrennbar zu den synagogalen Einrichtungen gehört, daß am Judentum sich versündigt, wer keine Orgel haben mag. Aus ^oen parteioffiziösen Erläuterungen zum liberalen Wahlprogramm konnte man entnehmen, daß die Liberalen durch die Ablehnung der Orgel für die Rykestraßen-Synagoge sich ins Herz getroffen fühlen; man hatte aber keine Gewißheit, daß sie den zu Recht gefaßten und ausgeführten Gemeindebeschluß umzustoßen beabsichtigen. Die Vermutung wird nun zur Gewißheit durch den eben jetzt zur Ausgabe gelangten Verwaltungsbericht des durchaus liberalen Gemeindevorstands (siehe den besonderen Artikel hierüber), in dem es heißt: „Wir haben zunächst den Gottesdienst nach dem Ritus der Synagoge Kaiserstraße ohne Orgelbegleitung eingerichtet". Hier wird also offen bekannt, daß die Orgellosigkeit der Rykestraßen-Synagoge von liberaler Seite nur als ein Provisorium aufgefaßt wird, das weichen muß, sobald die Liberalen wieder die Mehrheit in der Repräsentanz haben. Das ist, wie gesagt, vorwiegend von symptomatischer Bedeutung, und das Gewicht dieser symptomatischen Bedeutung geht über das der Orgelfrage an sich weit hinaus. Orgelbegleitung oder bloße Vokalmusik in der Synagoge — das ist allmählich eine Geschmacks- und Opportunitätsfrage geworden. Das Zugeständnis aber, daß die Liberalen auch in einer solchen Frage nur ihrer Meinung Berechtigung beimeffen, tut kund, wie außerordentlich illiberal und untolerant unsere Gemeindeliberalen sind. Der zweite Punkt, der Kern und Leben des Judentums berührt, ist die Frage des sonntäglichen Predigtgottesdienstes. Die Liberalen haben diese Forderung aufgegeben. So sagen sie. Nachdem sie einmal überstimmt worden, nähmen sie davon Abstand. Das mußte man glauben, obwohl es nicht gerade wahrscheinlich klang. Wenn man in einer Nebenfrage, wie die Orgelfrage es ist, bei seiner Meinung verharrt, obwohl ein entgegengesetzter Mehrheitsbeschluß vorliegt, wie soll es glaublich sein, daß man in einer Prinzipienfrage sich vor einem Mehrheitsvotum beugt? Doch die Versicherung lag vor, und der bestimmten Versicherung einwandfreier Männer darf man Achtung nicht versagen — so sehr die Vermutung nahelag, die Liberalen wollten dem Odium aus dem Weg gehen, das durch die Empfehlung des sonntäglichen Predigtgottesdienstes bei den Gemeindewählern auf sie gefallen war. Auch hier hat der Zufall Aufklärung gebracht. In einer liberalen Versammlung hat Herr Louis Sachs, ein Führer der Liberalen, ausdrücklich erklärt, er sdenke nicht daran, den sonntäglichen Predigtgottesdienst aufzugeben! Es ist kein Zweifel: Herr Louis Sachs steht mit seiner Meinung nicht allein. Es ist kein Zweifel: Herr Louis Sachs hat nichts erfunden — er hat nur ausgeplaudert. Es ist kein Zweifel: Die Liberalen wollen nach wie vor den sonntäglichen Predigtgottesdienst! Diese Aufklärung ist dankenswert. Die übereinstimmenden Programme gaben — eben weil sie übereinstimmten — keinen Fingerzeig. Die Namen der Kandidaten sagten garnichts oder sehr wenig. Jetzt wissen wir, was auf dem Spiel steht: Wer den sonntäglichen Predigtgottesdienst in der Synagoge will, der wähle den liberalen Kandidaten! Wer den Sabbat erhalten, wer die Synagoge nicht christianisieren will, der wähle die anderen Kandidaten! * * * Die Liste der von konservativer Seite aufgestellten Kandidaten ist: 1. Stadtverordneter Prof. Dr. med. Leopold Landau, Sommerstraße 2. 2. Kaufmann Berthold Israel (i. Fa.: N. Israel), Hohenzollernstr. 7. 3. Direktor Isidor Sachs, Luitpoldstr. 7.M’ 4. Bankier Oscar Löwenberg (i. Fa.: G. Löwenberg & Co), Alsenstr. 9. 6. Justizrat S. Neumann I, Oranienstraße 142. 6. Professor Dr. med. Julius Pagel, Chauffeestr. 64. 7. Bankier Oscar Wassermann (i. Fa.: A. E. Wassermann), Burgstr. 21. 8. Kaufmann Manuel Schwarz, Lutherstr. 6. 9. Dr. med. S. Steinthal, Kurfürstenftr. 72. 10. Kaufmann Adolf Lewinski, Spandauerstr. 9. 11. Kaufmann Louis Levin (i. Fa.: D. Levin),Hausvogtelplatz 13^ 12. Kaufmann Richard Seligsohn, Claudiusstr. 12. 13. Dr. med. Eugen Israel, Nettelbeckstr. 24. 14. Rentier Joseph Seelig, Lietzenburgerstr. 63. 15. Bankier Max Jaffa, Rauchstr. 16. 16. Kaufmann Ludwig Behr, Heinersdorferstr. 1. 17. Kaufmann Salli Kirschstein, Monbijouplatz 11. * * * Diese Liste ist auf gummiertem Papier unserer Zeitung beigegeben. Das Format ist so eingerichtet, daß es zur Einklebung in den Wahlzettel genau paßt. Die Wahllokale sind: a) Oranienburgerstr. '30 (Sitzungssaal der Repräsentanten- Versammlung), d) Lindenstr. 48/50 (II. Religionsschule der jüdischen Gemeinde), c) Kaiserstr. 29/30 (Mädchenschule der jüdischen Gemeinde), d) Burgstr. 12 (Hotel zum König von Portugal), e) Potsdamerstr. 9 (Saal des geselligen Vereins der Gesellschaft der Freunde), 5) Oranienstr. 68 (Restaurant Hohmann), g) 'Schönhauser Allee 4 (Restaurant Hagemann), h) Uorkstr. 90 (Restaurant Kluge), i) Joachimsthalerstr. 13 (Saal des Logenhauses), k) Holsteiner Ufer 17/18 (Cafe Gärtner), l) Charlottenburg, Berlinerstr. 61 (Logen-Restaurant), m) Schöneberg, Hauptstr. 134 . (Restaurant „Schwarzer Adler"). Es bleibt jedem Wähler überlassen, in welchem der vorstehend bezeichneten Lokale er sein Wahlrecht ausüben will. Die Wahl findet am 24. d. M. vormittags 10 Uhr bis nachmittags 4 Uhr statt. Der verwaltungsbericht des Berliner Gemeinde Vorstands. Gleichzeitig mit dem Wahlzettel hat der jüdischen Gemeinde zu Berlin den Gemeind/^