Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 595 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 695. hat, hat das Zentral-Komitee der Alliance Jsraelite Universelle unserm Hilfsausschuß eine neue Gabe von 20 000 Frs. bewilligt. Junis, 5. Oktober. (Eine Familie von Lebensrettern.) Die Brüder Schalom und Joseph Lazrag haben dieser Tage vier Personen gerettet, die beim Baden in der stürmischen See zu La Goulette beinahe ertrunken wären. Der ältere der beiden Brüder, Schalom Lazrag, hat bereits 32 Personen vor dem Ertrinken gerettet, der erst siebzehnjährige Joseph Lazrag schon siebenmal dem Meer Opfer entrissen. Auch die Schwester dieser jungen Leute hal vor einigen Tagen eine Frau vom Ertrinken gerettet. Die Familie Lazrag gehört der hiesigen jüdischen Gemeinde an und ist in ganz Tunis bekannt und beliebt. KonKong, 20. August. (Gouverneur und Vorsteher.) Die hiesige Gemeinde Ohel Lea hat den Gouverneur von Hongkong Sir Matthew Nathan einstimmig zu ihrem Ehren- Vorsteher ernannt. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. In der Nacht zum Mittwoch ist Herr Gustav Löwenberg, fast 80 Jahre alt, gestorben. Er gehörte der Berliner Repräsentanten-Versammlmig seit Jahrzehnten an und war bis zum vorigen Jahr ihr Vorsitzender. Er vertrat das konservative Element in dieser Versammlung. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 16. Oktober, vormittags 11 Uhr, in Weißensee statt. — Herr Kommerzienrat Isidor Löwe in Berlin ist zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden. - Vakanzen. Unterdeufstetten (Württemberg). Sem. geb. Lehrer, K., Sch., 800 M. Geh., sr. W. 450 M. Nebeneink. Meld. an Herrn Levi. — Benthen, O.-S. Sem. geb. Lehrer, K. und Gem.-Sekr., 2400 M. Geh. Meid, an Vorst. — Neidenburg, Ostpr. Sem. geb. L., K., Sch., 1200 M. Geh., 800—1000 M. Nebeneink. Meld. an Herrn Bukowzer. $ e u i 11 e t o n. Ein Trauenleben. Biographischer Roman von C. Berg. (Fortsetzung.) Einen Moment zögerte Burchard, dann machte er resolut kehrt und trat festen Schrittes aus Meyer und Genossen zu, die ihm mit großer Spannung entgegenblickten. „Na, für meineswegen, Herr Meyer", sprach er mit einer gewissen Feierlichkeit, während er seine Hacke schulterte und beinahe freundlich auf die aufmerksam lauschenden Juden herabsah, „weil's das eine Menschenpflicht ist, und ein Toter ist wie der andere, und da woll'n wir's halt a mal machen für das, wie Sie gesagt haben." „Das ist doch ein Wort!" rief Meyerchen erfreut. „Nun eilt Euch aber, daß Ihr zurecht kommt!" „Wir werden fix sein, wie die Windhunde", nickte Burchard und zog mit seiner Armee im Sturmschritt davon. „Ein sehr ordentlicher Goi", sagte Meyerchen zu seinen Gefährten, die ihm lebhaft beistimmten. Der Jüngste von den Männern, der Schneider Hirsche!, ein armer, aber an Kindern reicher Mann sprach: „Die Gemeinde hält' vielleicht das Geld sparen können. Wenn einer hält' sich getraut zu gehen zu der meschuggenen Stahl, die hätt' newadde das Ganze gegeben. Denn warum? Ihr liegt am meisten daran." „Und dir liegt nicht dran?" schnauzte ihn Meyerchen an, „und mir nicht und nicht jenen auch? Ist der gute Ort allein für Posteln da?" „Sie kann es doch geben", verteidigte sich der Schneider, „sie hat doch Geld genug!" „Was geht das dich an?" erhitzte sich Meyerchen, „und wenn sie lange Geld hat, was kümmert's uns?" Und sanfter werdend schloß er: Nebbich! Was willst du von der armen Frau?" ... * Posthuma saß in einer Sofaecke, trübe, den Kopf auf eine Hand gestützt; die Fenster waren durch dunkle Vorhänge verhüllt, um der jungen Sonne den Eintritt zu wehren. Da stürzte Philippine herein: „Sonntag kann die Madame wieder hinaus nach den Gräbern". „Ich glaub's nicht", seufzte Posthuma. „In drei Tagen sollte sich das Wasser verlaufen?" Und kopfschüttelnd fuhr sie fort: „Woher willst du das wissen?" „Na, die graben dorte auf Teufel hole los, daß sie den Damm ausbessern und die Planken höher bringen; sonst könnten sie sich den Schaden am Kirchhof besehn." „Der Friedhof ist in Gefahr?" schrie Posthuma auf und erblaßte. „Ja, das kann sich doch eins vorstellen", fuhr Philippine fort, „und es wird die jüdischen Leute heute einen schönen Groschen Geld kosten, was sie für die Erdarbeiten werden zu zahlen haben. Und dabei buddeln die Parchewitzer schon stramm mit; die tun's für'n Gotteslohn, weil sie's der ehrwürdige Herr von Groschowitz geheißen hat." Philippine sprach das Letztere mit einer Art Andacht, denn der Groschowitzer stand in ihrer Verehrung im Range gleich dem Papst von Rom. Posthuma schien zum Aerger ihrer Haushälterin kein Dankeswort für das Verdienst Pfarrer Krauses zu haben; erst^ nach geraumer Zeit fragte sie nachdenklich: „Warum sind die Leute meiner Gemeinde nicht zu mir gekommen? Ich würde ihnen sofort das Geld gegeben haben". „Seit zehn Jahren wohnt die Madame nun hier und kümmert sich um keinen Menschen", antwortete Philippine spitz. „Wundert sie sich da, daß keiner an sie denkt?" Sie verließ vorsichtig schleunigst das Zimmer, aber der Herrin fiel es garnicht ein, sie wegen ihrer impertinenten Worte zurechtzuweisen. Posthuma ging anderes durch den Kopf. Eine Stunde später beobachtete Philippine, wie sie am Schreibtisch saß und an ihrer Geldschatulle hantierte. Als die Dämmerung hereinbrach, ging zum höchsten Staunen der sich vor Neugierde fast selbst aufessenden Köchin Posthuma selbst mit zwei Geldbriefen zur Post. Philippine lief mit rotem Kopf in die Mühle, um ihrem Zorn gegen Madames unerhörte Handlungsweise freien Lauf zu lassen. „Kein Bettler hat in zehn Jahren einen Groschen von ihr gesehen", ries sie erbost, „und heute schmeißt sie mir nichts dir nichts das Geld aus dem Fenster." „Woher wissen Sie denn das?" fragte die Krausen begütigend. „Schließlich ist es doch ihr Geld, und die Frau braucht keinen Vormund." „Hab ich's nicht verdient um sie, daß sie mit mir eine Sache bespricht?" zeterte Philippine. „Das will ich tun und so und so! Aber kein Wort, alles heimlich, nicht mit einer Silbe hat sie mich gefragt. Und ich hab's doch gesehen, wie sie das Geld herausgenommen — fünf große Scheine Hab, ich gezählt. Und einen abgerissenen Briefbogen Hab ich im Papierkorb gefunden, da stand's drauf: „Zur Verteilung an die Erdarbeiter in Parchewitz". Daß sie so Geld an ihre Leute mal