Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 596 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 596 Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. schickt, darüber will ich nichts sagen, das gehört sich, das ist bei Jüdischen Brauch. Aber an die Parchewitzer — 's ist Sünde, Krausen. Die Mannesvölker dort kriegen ihren schönen Lohn." „Nichts bekommen sie", antwortete die Krausen, „die tun's aus Christenpflicht. Und wenn Ihre Frau den braven Männern,' die sich dort abmühen, etwas will zukommen lassen, da sollten sie nicht so ausbegehren und bosten! Almosen geben armet nicht." „Brave Männer!" brummte Philippine. „Das Geld wird doch nur verlumpt." Das alte Mädel war auf das stärkere Geschlecht nicht gut zu sprechen: Männer waren nach Philippinens Erfahrungen zumeist^Säufer und Tagediebe. . . . Die Nacht, die diesem Tag folgte, verbrachte Posthuma äußerst unruhig. Wirre Träume ängstigten sie: vor ihr breitete sich ein reißender Strom, den sie vergebens zu durchschreiten suchte; fern am Ufer harrten ihrer verhüllte Gestalten, von denen sie wußte, daß sie ihrem Gatten und ihrem Sohn angehörten. Aber so verzweifelt sie sich auch darum mühte, die Gesichter der Teuren zu erblicken, die geliebten Züge blieben ihr verschleiert, und sie vermochte die immer weiter, immer weiter entschwindende Küste nicht zu erreichen. Die Wasser schlugen brausend über ihr zusammen, und sie erwachte mit klopfendem Herzen, die Augen in Tränen gebadet ... Es war Tag. Sie stand auf, zog die Vorhänge in die Höhe und öffnete die Fenster. Die Sonne flutete herein mit solcher Pracht, daß Posthuma von dem Lichtjubel geblendet zurückprallte. Fast bis zum Fenster herein streckte eine Linde ihre wie mit einem blaßgrünen Hauch überzogenen Aeste; auf dem Baum saßen Hunderte von Spatzenfamilien und zwitscherten ihre Freude an dem schönen Morgen und ihrem jungen Eheglück in die Welt hinaus. Philippine kam, brachte das Frühstück und zeigte ein auffallend heiteres Gesicht. Es war nicht ihre Gepflogenheit, sich nach dem Befinden Posthumas zu erkundigen, heute tat sie es aber doch: Wie Madame geschlafen habe?" „Sehr schlecht!" „Ja wohl." Posthuma sah finster vor sich hin, aber Philippine hatte Lust, die Unterhaltung fortzusetzen. Und mit glänzenden Augen und einem Lächeln um den eingefallenen Mund sprach sie: „Ich habe einen so schönen, schönen Traum gehabt. In unsrem Garten stand ich, der war voller Licht, da blühten Blumen, wie Kinder so groß, und die hatten Farben, so schöne und Helle habe ich noch niemals gesehn. Die Blätter und Rinden der Bäume waren alle von purem Gold. Und eine große, himmelblaue Glockenblume, die sang mit klarer Stimme ein Lied, und das Lied kenn ich: Herr Alfred hat es bei uns in Grünberg oft gesungen, und zwei Zeilen weiß ich auch noch daraus: „Ihr Blümlein alle, heraus, heraus! Der Mai ist gekommen, der Winter ist aus". Jetzt aber kommt das Allerschönste! An einer Stelle, wo lauter Licht und Sonne war, da lehnte an goldenen Stäben Herr Alfred, wie er leibte und lebte und lachte mich an, und ich höre ihn so gute Worte sagen, aber die weiß ich nicht mehr." Philippine hörte erschrocken auf zu sprechen, denn Posthuma lag ohnmächtig auf dem Teppich vor ihrem Stuhl. Sie hatte verlangt, in den Garten zu gehen, und Philippine durfte sie nicht begleiten, so rührend die Alte auch darum gebeten hatte. Aber Posthuma wehrte sie ab: in der frischen Luft werde sie sich schon erholen. Und ganz langsam, mit lastenden, kleinen Schritten, schlich sie durch die halb verwahrloste Einöde, die ein Heer von Vögeln in ihren Besitz genommen. Es tat ihr so gut, auf dem Rasen zu wandeln, durch das hohe Gras, in dem Gänseblümchen und Tausendschön ihre Knospenköpfchen schon erhoben und Farrenkrüuter ihre zierlichen Federblätter breiteten. Die weiche Luft machte sie überaus müde; sie wandelte durch den ganzen Garten mit halbgeschlossenen Augen, endlich ließ sie sich ermattet auf einer Moosbank nieder. „Es ist doch seltsam, wie schläfrig ich bin", dachte Posthuma noch, dann überkam sie unter der lauwarmen Wirkung der Sonnenstrahlen, die durch die Zweige blitzten, ein wohltuender Schlummer. Nebenan in dem großen fürstlichen Garten hatten zwei Kinder ihr hölzernes Spieltischchen an den Zaun geschoben; jetzt waren sie auf die Tischplatte geklettert und guckten gespannt in den Nachbargarten hinein. „Ich seh' ihn", rief der Knabe triumphierend, „dort liegt er auf dem Mittelweg! Wart', ich werd' ihn holen!" Das Mädchen, kleiner und jünger wie der Bruder, hielt ihn furchtsam an dem Sammetkittel zurück: „Nicht doch, Berti! Da ist wer". „Wo?" Die großen blauen Augen flogen über das Büschgewirr. „Siehst du nicht, eine alte Frau, dort auf der Bank?" „Pah, die schläft ja." „Wenn sie aber erwacht?" fragte die Kleine zaghaft. „Nun, es ist doch nicht die Hexe aus dem Pfefferkuchenhaus; sie wird uns nicht aufessen." „Nein, nein, Berti, bleib lieber hier!" Das klang schon etwas weinerlich. (Fortsetzung folgt.) Brief- und Fragekasten. Frl. B. L. in B. Der Zweck der formlosen Zuschrift ist mir unverständlich. — Herrn E. B. in B. Betrag erhalten. Gruß. Die geehrten Abonnenten machen wir darauf aufmerksam, daß wir uns erlauben werden, den Abonnementsbetrag am 17. Oktober per Nachnahme zu erheben. Bei vorheriger Einsendung werden 10 Pfg. gespart, da die Postanweisung nur 10 Pfg., die Nachnahme aber 20 Pfg. beträgt. Die Expedition der „Israelitischen Wochenschrift" Berlin C.19, Roß Straße 3. Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro 7* Ko. 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