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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 19. (1904) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 19. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 aber keine Mehrung der Erkenntnis in sich birgt, sondern nur eine Stärkung der schon vorher im Propheten vorhandenen Absichten bewirkt. Dem Propheten erscheint die durch den Druck der Tat- Sachen auf ihn gübte Wirkung als Offenbarung, als Werk Gottes. Verf. aber glaubt den Beweis zu führen, daß man nicht nötig hat, das höchste Geheimnis in die vor uns offenliegende Entwicklung des Prophetenwirkens hineinzuziehen, das vor dieser Art der Betrachtung alles restlos sich von selbst ergibt. — Sind die in vorliegender Schrift dargelegten Ergebnisse auch nicht neu, so ist doch die Art der Herleitung ganz besonders lehrreich. Die geschiehtliehen Tatsachen werden in Formeln gebracht und diese Formeln stellen die Entwicklungskette her. Es ist das eine neue Art hegelianischer Schreibweise, wodurch die Darlegung an Klarheit nicht gerade gewinnt. Dagegen fehlt die Aneinanderreihung der Einzeltatsachen, welche uns dies Innenleben der Propheten soll miterleben lassen. Wir müssen das Meiste dem Verf. auf Treu und Ehre glauben, wo die Schriftstellen uns hätten den besten Nachweis bieten können. Daß ein Forscher, der doch nur der Aufeinanderfolge der Tatsachen nachgeht, nicht nötig hat, zum Schluß einen irgend geheimnisvollen Erklärungsgrund anzunehmen, weiß jeder im Voraus, der Glauben und Wissen trennt. Gott ist Sache des Gefühls, des Glaubens und Erlebens, wogegen der Forscher ja nur aus der Reihenfolge der Erscheinungen Ergebnisse zieht und sie nur so finden kann. Also konnte der Schüler Wundts gewiß auf keine Lücke stoßen, die ihn zum Hereinziehen der Offenbarung gezwungen hätte. Wenn er anführt, daß unter damaligen Umständen die Propheten die Auflösung des Reichs noch beschleunigt hätten, so spricht er eine Tatsache aus, die sich immer zeigt, wo das Recht des Einzelmenschen als Forderung sich gegen die mit andern Mitteln arbeitende Staats Weisheit erhebt. Er hat als Schattenseite des begeistert prophetischen Wirkens den Mangel an einzelnen und durchgreifenden Abhilfsvorschlägen hervorgehoben. Das muß bei der Einseitigkeit, mit der man heute die Propheten im Gegensatz zum Gesetze hervorhebt, besonders betont werden. Neben der hohen prophetischen Stimmung, die als Anregung unschätzbar gewirkt hat, ist das nüchterne Gesetz unentbehrlich. Es ist keine niedrigere Stufe, sondern zum mindesten dem Prophetentum gleichberechtigt. Verfasser hat in herkömmlicher Weise das Deuteronomion als Ergebnis eines Vergleichs zwischen Priestern und Propheten dargestellt, wobei die Ersteren auf die nichtprophetischen Mittel der V ergeltungslehre, auf den Erdenlohn zurückgreifen. Wer sagt denn aber, daß eine solche Vergeltungslehre unprophetisch ist? Die Steuernagelschen Arbeiten auf dem Gebiete des Deuteronomion sollten derartige Ansichten nicht mehr wiederkehren lassen. Die Arbeit des Verfassers ist eine verdienstvolle, insofern sie gerade in die letzten Fragen Klarheit zu bringen sucht und dem freisinnigen Forscher keine Reste gemütlicher Anschauungen läßt, die sein Bedürfnis im Offenbarungsglauben finden kann. Es ist gut, daß der Nichttheologe mit seinem ruhigen Blick solche Gegenstände behandelt, wenn es ihm auch schwer werden dürfte, eine einheitliche Quellenanschauung festzuhalten. Die Bibel wird durch solche Arbeiten Eigentum der allgemeinen Wissenschaff, sie dient dann nicht nur dem Glauben, sondern der allgemeinen Tatsachenforschung. Insofern begrüßen wir das Buch als eine willkommene Erscheinung. Aber an Stelle der Formel trete die Tatsache, die Quelle selbst, da sonst der Forscher in Gefahr gerät, zuviel zu folgern, und der Leser, zu wenig zu verstehen. Habakuk—Nahum—Joel. Ein V e r g־l e i c h. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Die drei ״kleinen Propheten“ Joel, Nahum und Habakuk scheinen den Vergleich mit einander geradezu herauszufordern. Bezüglich des allgemeinen in ihnen herrschenden Geistes, wie auch, was die Einzelheiten der Wendungen und des Sprachgebrauchs anbelangt, stehen sie in geheimen Bunde mit einander. Wir werden später sehen, daß sie die Beziehungen zu gewissen Teilen der Bibel in merkwürdiger Weise mit einander gemeinsam haben. Daraus wird sich die Frage ergeben, in wieweit man das Recht hat, in jedem einzelnen dieser Bücher die Einheit zu vermissen und eine Mehrheit von Verfassern oder Bearbeitern bei ihnen zu vermuten. Bei Nahum ist jederzeit die Lebendigkeit bewundert worden, mit welcher er den Ansturm gegen Ninive schildert, ebenso die Furchtbarkeit des chaldäischen Heereszuges am Anfang des Buches Habakuk (15—12); wohl kann mi,t diesen beiden Stücken als drittes der Joelsche Heuschreckenzug (22b—10) verglichen werden. * I. 1. Die Schnelligkeit der Angreifer tritt entsetzlieh hervor, bei Habakuk: 18 Schneller als Pardel die Rosse, Gieriger als Erebs Wölfe, Reisige, immer mehr, Reisige kommen von Fern noch nach, Fliegend, gleich Adlern, Auf die Beute schießend . . . 9 b Vorwärts strebet ihr Antlitz . . . 10 a Dann wie der Wind verwüstend, er schwindet. Bei Joel: 2 4 Den Rossen gleichen sie an Gestalt, Wie Reisige, so eilen sie 5 Wie donnernde Wagen Ueber Bergeshöhen sie hüpfen hinweg . . . 7 Sie eilen wie Krieger, Sie nahen der Stadt, 9 Sie steigen über die Mauer hinein, In die Häuser sie dringen, Durch die Fenster hindurch wie ein Dieb.

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